Bei Bayern wäre es gepfiffen worden, fertig, aus, ist so.“ Das ist ein cle­verer Satz, den Marco Reus da nach dem ver­lo­renen Spiel gegen die Bayern gesagt hat. Einer­seits. Ande­rer­seits ist der Satz natür­lich auch furchtbar däm­lich. Oder, anders aus­ge­drückt: furchtbar ent­lar­vend. Aber dazu gleich mehr. 

Zunächst zum es“ in dem Satz, dem Zwei­kampf zwi­schen Leroy Sané und Emre Can, der 20 Sekunden vor dem Tor zum 3:2 für die Bayern statt­ge­funden hatte und der von Schieds­richter Marco Fritz nicht abge­pfiffen worden war. Was, Marco Reus sieht das zwar bestimmt auch heute noch anders, völlig in Ord­nung ging. Sicher, Leroy Sané schiebt seinen Körper gegen den von Emre Can, sicher, der Dort­munder ist im Voll­sprint und da reicht im Zweifel auch ein leichter Kon­takt, um aus dem Tritt zu kommen, sicher, Zwei­kämpfe dieser Art sind in der Bun­des­liga schon gepfiffen worden. Aber Sanés Arm ist ange­legt, weder schubst er Can noch tritt er ihn, es ist ein Zwei­kampf im besten Sinne des Wortes, Körper gegen Körper, und Sané und sein Körper sind im ent­schei­denden Moment sta­biler, robuster, ent­schlos­sener. Ein Foul? Eher nicht. Eine klare Fehl­ent­schei­dung? Auf gar keinen Fall.

80 Minuten kein Fuß­ball

Und den­noch sagt der Dort­munder Kapitän Marco Reus nach dem Spiel: Bei Bayern wäre es gepfiffen worden, fertig, aus, ist so.“ Was, wie ein­gangs erwähnt, clever ist. Weil sich der Satz zur Hälfte im Kon­junktiv und zur anderen im Indi­kativ abspielt, weil es eine Behaup­tung ist, die sich, so beherzt man auch gegen sie anar­gu­men­tieren möchte, nie wird wider­legen lassen, und weil Marco Reus direkt nach dieser Behaup­tung klar macht, dass sie auf jeden Fall stimmt, dass er die Wahr­heit und nichts als die Wahr­heit sagt, bei den Bayern wäre das näm­lich auf jeden Fall gepfiffen worden, fertig, aus, ist so, da braucht man ja gar nicht zu dis­ku­tieren! Fehlte eigent­lich nur noch ein Abwinken, ein Hör mir auf“ und die miss­mutig in die Runde genu­schelte Info, sich noch ein Bier zu holen, weil sich der Quatsch nüch­tern kaum ertragen lasse, und Marco Reus hätte die Ehren­mit­glied­schaft für so ziem­lich jeden Stamm­tisch im Land bean­tragen können. Behaupten wir jetzt ein­fach mal.

Doch der Satz ist eben nicht nur clever, son­dern, wie eben­falls ein­gangs erwähnt, auch ent­lar­vend. Weil er die Ver­ant­wor­tung für die Nie­der­lage weg vom BVB und hin zum Schieds­richter schiebt. Zum Zeit­punkt des Zwei­kampfes stand es 2:2, es waren nur noch wenige Minuten zu spielen, und hätte Marco Fritz auf Foul ent­schieden, statt das Spiel wei­ter­laufen zu lassen, dann hätte der BVB ver­mut­lich einen Punkt aus Mün­chen mit­ge­nommen. Wobei, nicht nur ver­mut­lich, son­dern ganz sicher sogar, fertig, aus, ist so! Dass der BVB nach der frühen 2:0‑Führung auf­ge­hört hatte, Fuß­ball zu spielen? Dass der BVB also 80 Minuten nicht wirk­lich Fuß­ball gespielt hatte? Dass die Mann­schaft sich, wie so viele Mann­schaften, die in Mün­chen in Füh­rung liegen, vom Rekord­meister hatte ein­lullen und zurecht­legen lassen? Dass das Füh­rungstor der Bayern zwar spät fiel, aber hoch­ver­dient war? Dass der BVB Robert Lewan­dowski mal wieder so gar nicht in den Griff bekommen hatte? Spielte für Reus eher eine unter­ge­ord­nete Rolle.

-