Dr. Markus Merk ist Kom­men­tator beim tür­ki­schen Pay-TV-Sender LigTV. Zusammen mit Gast­geber Sansal Büyüka und Meis­ter­trainer Mus­tafa Denizli mode­riert er Maraton“, die belieb­teste Fuß­ball-Show der Türkei. Die Saison 2010/11, in der Merk mit dem LigTV-Team 78 Sen­dungen pro­du­zierte (mit einer durch­schnitt­li­chen Sen­de­zeit von 3:15 Stunden), steht jetzt unter Gene­ral­ver­dacht. Wir spra­chen mit Merk über den Mani­pu­la­ti­ons­skandal und mög­liche Folgen.

Dr. Markus Merk, Erst kamen täg­lich neue Was­ser­stands­mel­dungen aus dem tür­ki­schen Fuß­ball­sumpf, dann hörte man gar nichts mehr. Jetzt hat Natio­nal­trainer Guus Hiddink mit­ge­teilt, dass er abdanken werde, sollten sich die Mani­pu­la­ti­ons­vor­würfe als wahr her­aus­stellen. Was ist eigent­lich der aktu­elle Stand?

Markus Merk: Seit Ende Juli herrscht rela­tive Stille. Selbst die für gewöhn­lich wild spe­ku­lie­renden Tages­zei­tungen halten sich zurück. Das Thema ist zum medialen Tabu geworden, seitdem beim Test­s­spiel von Fener­bahce gegen Schachtjor Donezk der Platz gestürmt wurde. Man muss sich das mal vor­stellen: Die Hütte war bre­chend voll, 50.000 Zuschauer im Sükrü-Sara­coglu-Sta­dion und dann wurden die Jour­na­listen regel­recht gejagt. Die Polizei musste sie hinaus begleiten. Das Spiel wurde in der 67. Minute abge­bro­chen.

Im Zusam­men­hang mit dem Mani­pu­la­ti­ons­skandal hat die Polizei in der Som­mer­pause über 60 Ver­däch­tige in Gewahrsam genommen, meh­rere Ver­eins­prä­si­denten, Trainer und Spieler wurden ver­haftet. Welche Beweise wurden inzwi­schen vor­ge­legt?

Markus Merk: Das Belas­tungs­ma­te­rial liegt beim Fuß­ball­ver­band. Mir hat ein Kol­lege aus der Türkei erzählt, es seien 64 Ordner. Es gibt eine Kom­mis­sion, die das jetzt alles durch­ar­beitet. Eine Her­ku­les­auf­gabe. Wer weiß, wie emo­tional die Fans der ange­klagten Klubs reagieren, kann sich vor­stellen, dass das mit beson­derer Gründ­lich­keit pas­sieren muss. Es muss alles klar bewiesen werden. Und dafür bräuchte man eigent­lich Zeit.

Mal ganz ehr­lich, haben Sie nicht längst auch den Über­blick ver­loren?

Markus Merk: Mir geht es wie meinen tür­ki­schen Kol­legen: Ich blicke über­haupt nicht mehr durch. Das Ganze ist extremst ver­worren, wie bei allen großen Skan­dalen. Es ist davon aus­zu­gehen, dass vieles gar nicht auf­ge­deckt wird. Wenn wirk­lich mani­pu­liert wurde, muss es harte Strafen geben. Es wird aber immer schwie­riger, je länger die Ermitt­lungen dauern. Ich bin froh, dass ich nicht der Ent­schei­dungs­träger beim Fuß­ball­ver­band bin.

Was steht denn für den Moment über­haupt fest?

Markus Merk: Nur, dass die Liga am zweiten Sep­tem­ber­wo­chen­ende wieder startet. Eigent­lich hätte dann bereits der fünfte Spieltag statt­finden sollen.

Es heißt hier­zu­lande immer wieder, es werde der Zwangs­ab­stieg einer der großen Mann­schaften erwogen, von Meister Fener­bahce oder Pokal­sieger Bes­iktas. Halten Sie das für denkbar?

Markus Merk: Wenn man in Deutsch­land Bayern, Dort­mund und Schalke raus nähme, würde auch etwas fehlen. Es ist aber trotzdem nicht damit zu ver­glei­chen, was Fener­bahce, Gala­ta­saray und Bes­iktas für die Türkei bedeuten. In der Bun­des­liga könnte man ein Jahr ohne die drei Mann­schaften über­brü­cken, für die SüperLig ist es unvor­stellbar, dass nur einer dieser großen Drei nicht dabei ist.

Warum?

Markus Merk: Die SüperLig würde an Qua­lität, Wert und Dra­matik ver­lieren. Die Spiele dieser drei Mann­schaften sind die Höhe­punkte eines jeden Wochen­endes, alles andere ist nur Bei­pro­gramm. Wir bemühen uns zwar aus­drück­lich, die klei­neren Klubs auf­zu­werten, und die ana­to­li­schen Klubs sind auch tat­säch­lich stärker geworden, aber nach wie vor gilt: 35 Pro­zent der tür­ki­schen Fuß­ball-Fans inter­es­sieren sich für Fener­bahce, 35 für Gala­ta­saray und 15 für Bes­iktas.

Die Grup­pen­phase der UEFA Cham­pions League wird am 26. August aus­ge­lost. Wird sich Fener­bahce im Los­topf befinden?

Markus Merk: Mehmet Ali Aydinlar, der erst kürz­lich gewählte Ver­bands­prä­si­dent, hat sofort Kon­takt zur UEFA auf­ge­nommen. Ergebnis: Die UEFA über­lässt die Ermitt­lungen dem natio­nalen Ver­band. Wenn der Ver­band offen­sicht­liche Ver­stöße aber nicht hart genug sank­tio­niert, wird sie ein­greifen. Die Ent­schei­dung, ob Fener­bahce in dieser Saison mit­spielen darf, muss in den nächsten 14 Tagen fallen. Es ist unvor­stellbar, dass eine Mann­schaft raus­ge­nommen wird, nachdem der Wett­be­werb ange­fangen hat.

Knapp 20 Spiele in der 1. und 2. Liga sollen mani­pu­liert worden sein. Haben Sie in Ihrer Sen­dung nichts davon bemerkt?

Markus Merk: Wenn ich hinter jedem Fehl­pass irgend­etwas ver­muten müsste, würde mir Fuß­ball keinen Spaß mehr machen. Dann würde ich auch nicht mehr ins Sta­dion gehen. Es wurde in der letzten Saison ganz normal spe­ku­liert über Fehl­leis­tungen, sicher­lich emo­tio­naler als man das aus Deutsch­land kennt. Ich habe mich von grund­sätz­li­chen Unter­stel­lungen frei gemacht und die ein­zelne Situa­tion beur­teilt.

Einmal ganz kon­kret: Bes­iktas soll sich den Pokal­sieg erkauft haben. Haben Sie das End­spiel ver­folgt?

Markus Merk: Ich habe das Pokal­fi­nale zu Hause in der Pfalz über Satellit gesehen. Es war ein unheim­lich tolles Spiel, viel­leicht das beste der ganzen Saison. Bes­iktas hatte eigent­lich eine schwache Spiel­zeit hinter sich, es war früh klar, dass sie sich nicht für einen inter­na­tio­nalen Wett­be­werb qua­li­fi­zieren würden. Ihre ein­zige Chance, um in die Europa League zu kommen, war der Pokal. So ent­steht bei einem sol­chen Klub ein rie­siger Druck.

Wie haben Sie die Partie, die mitt­ler­weile Unter­su­chungs­ge­gen­stand ist, erlebt?

Markus Merk: Das Spiel stand auf des Mes­sers Schneide, hatte alles, was ein Pokal­fi­nale braucht. Die Ent­schei­dung fiel erst im Elf­me­ter­schießen. End­stand: 6:5, also nur ein Tor Unter­schied. Es war auch kenes­falls so, als dass da jemand den Ball zehn Meter über das Tor gejagt hätte. Hin­terher haben aller­dings zwei Spieler vom Gegner, Istanbul BB, erklärt, dass ihnen Geld ange­boten wurde, angeb­lich 100.000 US-Dollar. Doch genau diese Spieler haben sen­sa­tio­nell gespielt, einer hat sogar ein Tor erzielt.

Trotzdem: Der seit Jahren gehegte Ver­dacht, in der SüperLig gehe es nicht mit rechten Dingen zu, scheint sich zu erhärten. Ist der ganze tür­ki­sche Fuß­ball ein Sumpf aus Kor­rup­tion sowie Macht- und Geld­gier?

Markus Merk: In der Presse beschul­digten sich die Par­teien nach dem Bekannt­werden gegen­seitig. Das gehört zur sport­jour­na­lis­ti­schen Folk­lore in der Türkei. Die Schreiber ver­muten hinter jedem Baum irgend­etwas. Und so schau­kelt sich das hoch. Es kann durchaus sein, dass infolge dieser Praxis eine Mann­schaft befürchtet, die andere könnte mani­pu­lieren. Die Folge könnte sein, dass sie eigene Maß­nahmen ergreift, um in diesem ver­meint­lich kor­rupten System nicht zu kurz zu kommen.

Was bedeuten der Skandal und seine Folgen für das ganze Land?

Markus Merk: Die Trag­weite kann gar nicht groß genug ein­ge­schätzt werden. Fuß­ball ist in vielen Län­dern ein Stück Kultur. In der Türkei ist er aber sogar noch mehr. Er hat einen großen Ein­fluss auf ver­schie­dene Bereiche des gesell­schaft­li­chen Lebens.

Der Spiegel“ schrieb: Wer Prä­si­dent eines der drei großen Istan­buler Klubs ist, bekleidet quasi ein Staatsamt – und hat dadurch mehr Ein­fluss als man­cher Minister.“

Markus Merk: Es han­delt sich um regel­rechte Dynas­tien. Du wirst in Deinen Klub hin­ein­ge­boren. Wenn Du nicht die Schule von Gala­ta­saray besucht hast, kannst Du dort nicht in den innersten Zirkel auf­rü­cken. Es gibt bei den tür­ki­schen Klubs ja nicht nur den Prä­si­denten, son­dern unglaub­lich viele Vize-Prä­si­denten, einen rie­sigen Füh­rungs­kreis. Es sind alles sehr mäch­tige und ein­fluss­reiche Men­schen, vom Bau­un­ter­nehmer bis zum Groß­reeder.

Was wird sich für die Granden durch diesen Sommer ver­än­dern?

Markus Merk: Ich habe die Türkei im Mai nach Sai­son­schluss ver­lassen, nachdem ich mich ein Jahr lang intensiv mit der SüperLig beschäf­tigt hatte. Zurück gelassen habe ich ein Land, in dem rechts­staat­li­ches Vor­gehen nicht unbe­dingt für jeden Bürger galt. Dass jemand wie Aziz Yil­dirim von der Justiz vor­ge­laden wird, der schwer­reiche Fener­bahce-Prä­si­dent, schien mir nicht mög­lich. Dass er sogar hinter Git­tern wan­dert, war bis Mai über­haupt nicht vor­stellbar. Die Füh­rungs­zirkel der Groß­klubs werden ihr Han­deln künftig über­denken müssen.

Die Ermitt­lungen ange­ordnet hat Staats­an­walt Zeke­riya Öz, der die Kom­mis­sion Sau­bere Stollen“ grün­dete. Wir furchtlos muss man sein, um das in der Türkei zu tun?

Markus Merk: Wenn man die Emo­tio­na­lität der Fans bedenkt, ist es sehr mutig, dass sich da ein Mann hin­stellt und voran geht. Die Fener­bahce-Fans haben ja zwi­schen­zeit­lich sogar die Bos­porus-Brücke lahm­ge­legt, so dass Was­ser­werfer ein­greifen mussten. Es ist sehr mutig, aber auch kon­se­quent, end­lich einmal unab­hängig an das sen­sible Kul­turgut ran­zu­gehen. Bis zum Früh­jahr war es für mich unvor­stellbar, dass sich das jemand traut. Die Zeiten des Still­schwei­gens sind vorbei.

Was bedeutet der Skandal für Ihren Sender, den füh­renden Pay-TV-Kanal LigTV?

Markus Merk: Für den Sender ist es nach wie vor ein Schock. Das Geschäfts­prinzip des Sen­ders basiert auf den Sen­de­rechten für die SüperLig. Er ist wirt­schaft­lich abhängig davon, dass die Liga bald wieder startet, und dass das Inter­esse nicht ein­bricht. Wenn Fener­bahce zwangs­ab­steigen und nicht mit­spielen würde, wäre das nicht zuletzt eine neue Ver­trags­lage. Im Moment fehlen aber auch den Sen­der­ver­ant­wort­li­chen belast­bare Infor­ma­tionen. Wir planen alle irgendwie ins Leere. Ich habe zu meinen Kol­legen gerade erst gesagt: Kommt doch mal raus aus der Türkei, macht Euch mal frei von der Stim­mung.“ Jetzt treffen wir uns nächste Woche in Frank­furt.

Sie sind im letzten Sommer explizit ange­treten, um der SüperLig zu einem neuen Image zu ver­helfen. Ist Ihre ambi­tio­nierte Mis­sion bereits nach einem Jahr geschei­tert?

Markus Merk: Wir wollten uns aus­schließ­lich auf den Fuß­ball kon­zen­trieren, die Bericht­erstat­tung posi­ti­vieren. Ich kann Ihnen ver­si­chern: Die Mit­ar­beiter von LigTV arbeiten nach wie vor mit großer Lei­den­schaft daran. Für alle, die die Mis­sion mit Leben gefüllt haben, ist der Skandal umso scho­ckie­render. Wir schienen mit unserem Pro­gramm schon so viel erreicht zu haben, ein Umdenken hatte ein­ge­setzt, doch die Spe­ku­la­tionen in der Som­mer­pause haben unsere Bemü­hungen pul­ve­ri­siert.

Wie ist die aktu­elle Stim­mung bei Ihren Kol­legen?

Markus Merk: Die Stim­mung ist gedrückt, viel­leicht sogar etwas depressiv. Es wird nicht ein­fach sein, den Fuß­ball wieder positiv dar­zu­stellen. Wir brau­chen einen großen Ein­schnitt. Es ist viel­leicht die Chance, noch einmal von ganz vorne anzu­fangen, alles neu zu struk­tu­rieren. Es muss in Zukunft auch in der Türkei ab sofort um den Fuß­ball gehen, um das Gesamt­pro­dukt SüperLig, nicht um den eigenen Klub oder per­sön­liche Eitel­keiten.

Was würde es für die SüperLig bedeuten, wenn sich Ihr Sender zurück­zieht?

Markus Merk: Wenn LigTV die Zah­lungen nur hal­bieren würde, und es wäre kein anderer Sender da, der mit seinem Geld ein­springt, dann würde es der tür­ki­schen Liga von einem Tag zum anderen sehr schlecht gehen. Einige Ver­eine kal­ku­lieren fast aus­schließ­lich mit dem Fern­seh­geld, mehr noch als das in Deutsch­land der Fall ist. Sie müssten ihr Budget zusam­men­strei­chen, bis hin zum mög­li­chen Kol­laps.

Wie sollte der tür­ki­sche Fuß­ball­ver­band ent­scheiden?

Markus Merk: Es müssen schnelle Ent­schei­dungen her – aber solche, die den tür­ki­schen Fuß­ball nicht auf Jahre hinaus belasten. Wenn man in Ita­lien in die Sta­dien schaut, sieht man, dass der dor­tige Skandal bis heute nach­wirkt. Es bleibt immer etwas hängen. Das Jahr eins nach dem Skandal wird für alle Betei­ligten schwierig. Die Frage ist: Wird man noch miss­traui­scher, wenn ein Spieler einen Fehl­pass spielt, oder schafft man es, die neue Saison zur Stunde Null zu erklären?