Chris­tian Brand, was hätten Sie gedacht, wenn Ihnen vor zehn Jahren jemand gesagt hätte: 2014 trai­nierst du einen Pro­fi­klub“?
Ver­mut­lich hätte ich gelacht und geant­wortet, das könne ich mir nicht vor­stellen. Ich war 32 und hatte andere Vor­stel­lungen.

Sie erwähnten zu jener Zeit des Öfteren, das Fuß­ball­ge­schäft sei ober­fläch­lich und gehe Ihnen auf die Nerven.
Ja, das Drum­herum hat mich damals in der Tat genervt. Die stän­digen Wie­der­ho­lungen im Alltag eines Profis haben mich gelang­weilt, dieser immer gleiche Trott. Viele Klei­nig­keiten werden in den Medien derart auf­ge­bauscht, dass man als junger Profi stets gefährdet ist, das Wesent­liche aus den Augen zu ver­lieren.

Und was ist das Wesent­liche?
Die Lust auf Fuß­ball. Jenes Gefühl, das kleine Jungs spüren, wenn sie nach der Schule auf den Bolz­platz rennen. Ich musste mir damals wieder vor Augen führen, worum es im Kern geht: das Spiel mit­samt seinen tak­ti­schen Abläufen und Emo­tionen. Den Sport habe ich immer geliebt, aber mit dem Busi­ness konnte ich mich lange nicht anfreunden.

Wie kam es dann dazu, dass Sie nach Ihrer Spie­ler­kar­riere ein Volon­ta­riat bei der Neuen Luzerner Zei­tung“ absol­vierten?
Ich brauchte zunächst einmal Abstand vom Fuß­ball. Denn nach zwanzig Jahren Pro­fi­sport ist man in den ersten Monaten nur eines: sehr, sehr müde (lacht). Die Jour­na­lismus-Schiene hat mich schon immer inter­es­siert. Ich wollte da unbe­dingt mal rein­schnup­pern.

Ihr Fazit?
Das waren zwei schöne Jahre. Ich gehöre aber nicht zu den Men­schen, die sagen: Ich mache die nächsten zwanzig Jahre nur dieses oder jenes.“ Ich brauche neue Ein­drücke, sonst lang­weile ich mich. Nach einer gewissen Zeit hat mich das Fuß­ball­ding wieder ange­zogen.

Zunächst arbei­teten Sie als Jugend­trainer beim SC Kriens, 2008 über­nahmen Sie dann die U18 des FC Luzern, später die U21. Hatten Sie dort nicht genau das, was Sie eben beschrieben haben: Fuß­ball pur ohne das Drum­herum?
Klar, die Arbeit mit Jugend­li­chen hat mir eine Rie­sen­freude bereitet. In dieser Zeit habe ich den Trai­nerjob schätzen gelernt. Eine Spiel­phi­lo­so­phie zu ent­wi­ckeln, dem Team die eigene Hand­schrift zu ver­leihen, Talente zu för­dern – all das ist unheim­lich fas­zi­nie­rend. Ich bin in Luzern sozu­sagen auf den Geschmack gekommen und habe einen neuen Blick auf das Spiel gewonnen.

Wes­halb dann der Sprung in den Pro­fi­be­reich?
Ich behaupte, dass jeder ehe­ma­lige Pro­fi­spieler, der sich ent­scheidet, als Trainer zu arbeiten, irgend­wann den Drang ver­spürt, das Erlernte auf höchstem Niveau anzu­wenden. Die Abläufe, die man als Spieler jah­re­lang erlebt hat, kann man nicht so leicht abschüt­teln.

Sie haben die Pro­fes­sio­na­lität ver­misst?
So könnte man es sagen. Wer einmal auf Bun­des­li­ga­ni­veau trai­niert hat, der ver­steht, was ich meine. Irgend­wann war mir klar: Ich will mit Spie­lern zusam­men­ar­beiten, die sich auf einem bestimmten Level bewegen. Im ver­gan­genen Februar ent­schied ich mich daher, das Kapitel Luzern zu schließen. Zwar haben wir dort eine Menge auf­ge­baut, auch viele Jungs in den Pro­fi­be­reich begleitet, doch nun war die Zeit reif für etwas Neues. Ich wollte unbe­dingt den nächsten Schritt gehen. Die Anfrage des SSV Jahn Regens­burg hat mich sofort über­zeugt – mein erster Gedanke war: Jetzt bist du bereit für eine Pro­fi­mann­schaft.“

Ist das für Sie eine Art Test­lauf?
Im Pro­fi­fuß­ball gibt es keine Test­läufe. Wenn man bereits seit acht Jahren in einem Beruf arbeitet, ist man über­zeugt, dass das der rich­tige Job ist. Ich will auf jeden Fall in dem Busi­ness bleiben.

Jahn Regens­burg steht der­zeit abge­schlagen auf dem letzten Platz der Dritten Liga. Hatten Sie vor der Unter­schrift nicht den Gedanken, ein mög­li­cher Abstieg könnte Ihre junge Trai­ner­kar­riere bremsen, bevor sie richtig Fahrt auf­ge­nommen hat?
Nein. Es gibt bekannt­lich nicht allzu viele Stellen im Pro­fi­fuß­ball. Gerade als Neu­ling sollte man froh sein, wenn man eine solche Chance bekommt. Zudem glaube ich an meine Fähig­keiten. Mir war vom ersten Tag an bewusst, dass es sehr, sehr schwierig wird in Regens­burg. Das macht aller­dings auch den Reiz aus. Ich bin über­zeugt davon, dass man mit harter Arbeit eine Menge errei­chen kann. Würde ich mir jetzt Gedanken dar­über machen, was alles pas­sieren könnte, wenn wir abstiegen, wäre ich an der fal­schen Stelle. Die Saison ist noch lang. Und wir haben noch alle Chancen.

Sind Sie ein selbst­kri­ti­scher Trainer, der sich oft hin­ter­fragt?
Ich habe in meiner Aus­bil­dung derart viel gelernt, dass ich bis­lang in jeder Situa­tion das Gefühl hatte, ich weiß, was zu tun ist. Wie ein Gerüst, an dem ich mich fest­halten kann, wenn es heikel wird. Das Hand­werks­zeug, das man in der Trai­ner­aus­bil­dung mit­be­kommt, ist unheim­lich wichtig. Auf dem Trai­nings­platz fühle ich mich sehr sicher.

Und wie hat es sich ange­fühlt, als Sie Ihre erste Ansprache an die Mann­schaft hielten?
Gut.Natürlich geht man mit Profis anders um als mit Jugend­spie­lern – die Anspra­chen unter­scheiden sich gewaltig. Ich setze jetzt gewisse Dinge voraus, wähle einen anderen Ton und setze andere Schwer­punkte. Denn klar ist: Die Spieler wollen von ihrem Trainer nicht genervt werden, haben aber den Anspruch, dass eben­jener sie besser macht. Das ist die Her­aus­for­de­rung.

Wel­cher Trainer hat Sie in Ihrer Pro­fi­zeit mit seinen Anspra­chen begeis­tert?
(über­legt) Hm, das ist mitt­ler­weile über fünf­zehn Jahre her, damals war vieles anders. Heut­zu­tage sind sowohl die Trainer als auch die Spieler offener, sie kom­mu­ni­zieren inten­siver mit­ein­ander als früher. Die Jungs sind ein­fach anders sozia­li­siert worden, sie wissen, wie man mit den Medien umgeht und ver­meiden jeg­liche Fett­näpf­chen. Früher gab es außerdem selten Momente, in denen ein Spieler zu seinem Trainer ging und kri­tisch nach­fragte.

Fällt Ihnen wirk­lich kein Name ein?
Doch, Felix Magath. Mit ihm habe ich auch außer­halb des Platzes sehr, sehr gute Gespräche geführt. Ein span­nender Mensch.

Sie zer­stören gerade Felix Magaths Image!
(lacht) Auch dem Platz war er immer sehr eigen, seine Trai­nings­me­thoden waren nicht immer lustig. Aber im Anschluss konnte ich mich stets wun­derbar mit ihm unter­halten. Ich erin­nere mich an ein Trai­nings­lager mit Werder Bremen, Ende der Neun­ziger, wir sind damals über eine Stunde spa­zieren gegangen und haben uns über Gott und die Welt unter­halten. Ein offenes und unheim­lich inter­es­santes Gespräch.

Felix Magath wird oft als unnahbar beschrieben.
Wenn man offen auf ihn zugeht, sich auf seine Art ein­lässt und normal mit ihm spricht, dann kann man wun­der­bare Momente erleben. Glauben Sie mir, Felix Magath ist kein Monster. Man kann mit ihm eine Menge Spaß haben, der Mann hat Humor.

Tau­schen Sie sich gele­gent­lich aus?
Nein. Wir haben uns nach meiner Spie­ler­kar­riere einige Male getroffen. Leider habe ich ihn lange nicht mehr gesehen. Es wäre schön, wenn ich ihn mal wieder treffen könnte.
 
Felix Magath war bei Werder Bremen Ihr Trainer, Viktor Skripnik Ihr Mit­spieler. Haben Sie ihm eigent­lich schon zu seiner Beför­de­rung beglück­wünscht?
Nein, ich habe ja noch nicht mal seine Tele­fon­nummer! Ich werde das aber auf jeden Fall nach­holen, wenn ich das nächste Mal in Bremen bin. Viktor ist ein feiner Mensch. Ich wün­sche ihm das Beste. Das kann er übri­gens gut gebrau­chen, schließ­lich hat er – wie ich – eine extrem schwie­rige Auf­gabe vor der Brust.

Was ver­bindet Sie noch mit Werder?
Eine Menge. Nachdem ich in Regens­burg unter­schrieben hatte, mel­deten sich viele ehe­ma­lige Kol­legen bei mir. Ich habe den Ein­druck, die freuen sich mit mir – und zwar auf­richtig. Das ist echt beein­dru­ckend, zumal inzwi­schen 16 Jahre ver­gangen sind. Offen­sicht­lich ist da etwas hängen geblieben, das finde ich natür­lich schön.

Sie haben auch mit dem jet­zigen Auf­sichts­rats­chef Marco Bode sowie Co-Trainer Thorsten Frings zusam­men­ge­spielt, wurden 1999 gemeinsam DFB-Pokal-Sieger. Spüren Sie – trotz der Nie­der­lage gegen Frank­furt – eine Auf­bruch­stim­mung in Bremen?
Obwohl ich das alles nur aus der Ent­fer­nung beob­achte, kann ich sagen: Ja, da tut sich was. Nichts­des­to­trotz ist es für Werder eine ganz, ganz harte Saison.

Was meinen Sie, schafft Werder den Klas­sen­er­halt?
Das kann ich nicht beant­worten. Ich bin, wie gesagt, weit weg. Nur weil ich drei, vier Ver­ant­wort­liche kenne, heißt das noch lange nicht, dass ich den Durch­blick habe. Selbst­ver­ständ­lich hoffe ich, dass Werder drin bleibt, keine Frage. Ein Abstieg wäre unheim­lich bitter.

Spre­chen Sie gele­gent­lich mit Marco Bode?
Ja, wir haben noch Kon­takt. Zuletzt getroffen haben wir uns im Sommer. Es ist immer wieder lustig, wie schnell man auf die alten Themen kommt, wenn man mit ehe­ma­ligen Weg­ge­fährten spricht. Man ist sofort auf einer Ebene und quatscht über all die gemein­samen Erin­ne­rungen. Ich schätze das sehr.

Was würden Sie Marco Bode ant­worten, wenn er Sie nach der lau­fenden Runde fragen würde, ob Sie Teil des Werder-Teams sein wollen?
(über­legt) Okay: Marco, du kennst ja den Betrag, den ich for­dere und weißt, wir können uns über alles unter­halten. Im Ernst: Wir sind Profis und das Busi­ness ist knall­hart. Meine Kraft gilt jetzt allein Jahn Regens­burg.