FC Carl Zeiss Jena
Platz 6 / 29:23 Punkte / 24:23 Tore


Es mag ja sein, dass der BFC Dynamo Rekord­meister ist, dass Dynamo Dresden die meisten Zuschauer lockte, dass der 1. FC Mag­de­burg den ein­zigen Euro­pa­pokal in die DDR holte. Alles schön und gut, doch Tabellen lügen nicht und im ewigen Tableau der Ober­liga thront jemand anderes: der FC Carl Zeiss Jena. 



Vor dem letzten Spieltag der Ober­liga, inter­es­sierte das in und um Jena jedoch nie­manden. Es ging um den sechsten Platz, der an jenem 24. Mai 1991 die Welt bedeu­tete. Jena fuhr als Siebter zum Aus­wärts­spiel nach Cottbus, zu Energie, einem fest­ste­henden Absteiger. Schüt­zen­hilfe war nötig, aus­ge­rechnet von den Rivalen aus Erfurt, die Jenas größten Kon­kur­renten um die 2. Liga, Stahl Bran­den­burg, emp­fingen. Erfurt lie­ferte die Steil­vor­lage und schlug Stahl 2:1. Es war nur noch an Jena, doch das Cott­busser Tor war offenbar kleiner als sonst. Libero – die Älteren werden sich an diese Posi­tion erin­nern – Heiko Peschke musste erle­digen, was den Stür­mern nicht gelang. Mit einem Vor­stoß knackte er Ener­gies Abwehr und machte den wich­tigen Treffer. Eksta­tisch rannte die Mann­schaft in die Fan­kurve und ließ sich feiern. Heiko Weber legte sogar noch einen drauf. Es sollte der letzte Treffer der Ober­li­ga­ge­schichte werden. Erzielt vom Ewigen Tabel­len­führer. So schließen sich Kreise. 

Perry Bräu­tigam, Olaf Holet­schek, Jürgen Raab

Jena schaffte also den Sprung in den Pro­fi­fuß­ball, auch wenn diese diese zur Floskel ver­kom­mene Sprach­re­ge­lung immer wieder unter­schlägt, dass auch die letzte Saison der Ober­liga nichts anderes als bezahlter Fuß­ball war. Die Thü­ringer kamen gut in die Gänge, waren sogar kurz­zeitig Tabel­len­führer und been­deten die Saison als Fünfter. Den Abstiegs­kampf über­ließen sie anderen. Perry Bräu­tigam, Olaf Holet­schek, Jürgen Raab – kein schlechter Kader, der West-Import Klaus Schlappner zur Ver­fü­gung stand. Schlappner war es auch, der dem deut­schen Fuß­ball einen großen Gefallen tat und einem gewissen Bernd Schneider zum Debüt ver­half. Im Jahr darauf gab Jörg Böhme seinen Ein­stand, Früchte einer her­vorr­ganden Jugend­ar­beit.

Die Saison 1992/93 war ein ziem­li­cher Akt, 24 Teams, 46 Spiele. Eine Menge Holz für Spieler, der aus der Ober­liga nur 26 Spiel­tage gewohnt waren. Doch ohne große Schwan­kungen ver­brachte Carl Zeiss die Saison im oberen Drittel der Tabelle. Am Ende waren sie Achter und schienen sich im gesamt­deut­schen Fuß­ball eta­bliert zu haben. Die nächste Saison begann mies, Jena rutschte unten rein und wollte sich von einem alten Bekannten helfen lassen. Hans Meyer kam, sah und schei­terte. Abstieg in die Regio­nal­liga. Eber­hard Vogel, noch so ein alter Bekannter aus besten Jenaer Zeiten, über­nahm und kor­ri­gierte umge­hend den Betriebs­un­fall. Es folgten zwei pas­sable Jahre in der 2. Liga und ein erneuter Abstieg, wieder im dritten Jahr. Wei­tere drei Jahre später der Schock. Abstieg aus der Regio­nal­liga. Wäh­rend Schneider und Böhme die Bun­des­liga eroberten, plumspte der eins­tige Euro­pa­po­kal­fi­na­list in die Ober­liga – kein exklu­sives Dilemma. Die Süd­staffel der Ober­liga Nordost verkam zur Jahr­tau­send­wende zur illus­tren Runde geschei­terter Größen. Dynamo Dresden, der 1. FC Mag­de­burg, der VfB Leipzig, der Hal­le­sche FC, der FC Sachsen Leipzig, nun auch Carl Zeiss Jena. Gefangen zwi­schen dem Glanze der Ver­gan­gen­heit und dem tristen Grau der Gegen­wart.

Wie naive Lem­minge stürzten sie von einem Berg, den sie einst mit großem Optimimus bestiegen. Sie merkten, dass ihr großer Name nur noch wenig wert war und begriffen sich zuneh­mend als Wen­de­ver­lierer. Vier Jahre steckte Jena im Ober­li­ga­exil, sie spielten gran­diose Hin- und desas­tröse Rück­runden. Rund um das Ernst-Abbe-Spor­feld kur­sierte das böse Wort von der Unauf­steig­bar­keit. Erst Heiko Weber fand ein Mittel gegen den offen­sicht­li­chen Fluch. Nach zwei Rele­ga­ti­ons­spielen gegen den Sieger der Nord­staffel, den MSV Neu­ruppin, war Carl Zeiss wenigs­tens wieder dritt­klassig. Ein Jahr später gar in der 2. Liga ange­kommen. Jena bewies, wie schnell es mit Seriö­sität und Behaar­lich­keit nach oben gehen kann – um dann zu zeigen, wie schnell diese Werte im Erfolg ver­gessen werden können. Nach zwei Auf­stiegen und einem Klas­sen­er­halt war Weber nicht mehr gut genug, es kam Frank Neu­barth, ihm folgte Valdas Iva­n­auskas, ein paar Wochen später Hen­ning Bürger.

Frank Neu­barth, Valdas Iva­n­auskas, Hen­ning Bürger

Unter­dessen wurde die Lizenz­spie­ler­ab­tei­lung des Ver­eins in eine GmbH über­führt, Grund­vorraus­set­zung für externe Invest­ments. Und, siehe da, Prä­si­dent Rainer Zipfel, hatte gleich einen pas­senden Investor parat. Ein rus­si­sches Kon­sor­tium, eine gewise Alpha Invest­ment Group, wollte 25 Mil­lionen Euro nach Thü­ringen über­weisen. Als Gegen­leis­tung erwar­teten die Russen 49 Pro­zent der GmbH und einen Statt­halter auf dem Sessel des Geschäfts­füh­rers. Nun ja, seriös wirkte die Geschichte nicht. Über Monate zog sich die Dis­kus­sion über einen Ein­stieg, bis die DFL Njet“ sagte.

Statt­dessen standen plötz­lich drei unbe­kannte geor­gi­sche Spieler im Kader. Warum, wussten nur die­je­nigen, die dar­über nicht reden wollten. Zipfel verlor so langsam sein Gesicht. Spon­soren machten ihr Enga­ge­ment von dessen Demis­sion abhängig, und die Öffent­lich­keit erfuhr von einem Ver­trag, der Carl Zeiss zum Bezug seiner Aus­rüs­tung bei einem lokalen Sport­ge­schäft ver­pflichtet. Sehr seltsam für einen Verein, dessen Liga­kon­kur­renten durchweg direkt von Sport­ar­ti­kel­her­stel­lern aus­ge­rüstet werden. Dass dieser omi­nöse Sport­shop einem Auf­sichts­rat­mit­glied gehört, war aber sicher nur Zufall.

Auf immer und ewig Spit­zen­reiter der Ober­liga-Tabelle

In Jena begann ein hef­tiges Stüh­le­rü­cken. Trainer, Manager, Sport­di­rek­toren und Geschäfts­führer wech­selten unent­wegt. Eine pein­liche Posse auf dem Niveau einer Daily Soap. Das Team rauschte in die 3. Liga, aller­dings nicht ohne im DFB-Pokal zu erstaunen. Erst mit dem Halb­fi­nale in Dort­mund war Fei­er­abend. In der 3. Liga stram­pelte Jena unruhig, ent­liess Trainer Bürger, dann seinen Nach­folger Rene van Eck und zu guter letzt auch dessen Erben Marc Fascher. Zum Klas­sen­er­halt am letzten Spieltag reichte es trotzdem.

Nun sitzt wieder van Eck auf dem Schleu­der­sitz. Es heißt, sein Kon­zept habe den Vor­stand über­zeugt. Kein Stein bleibt der­zeit auf dem anderen, doch wenigs­tens steht fest: Spit­zen­reiter der ewigen Ober­liga-Tabelle wird Carl Zeiss Jena immer bleiben.