Wenn ich mir etwas wün­schen könnte, würde ich Frauen- und Män­ner­fuß­ball kom­plett abschaffen. Dann gebe es ein­fach nur noch Fuß­ball“, sagt Ines. Sie sitzt am Sams­tag­vor­mittag vorm Ham­burger Mill­erntor-Sta­dion, raucht selbst­ge­drehte Ziga­retten und fügt hinzu: Das habe ich auch in meinem Aus­stel­lungs­bei­trag erzählt.“ Ines ist ein Kind des Fuß­balls, ging im Alter von sechs Jahren das erste Mal an Papas Hand zur Salz­burger Aus­tria. Viele Jahre sollte sie bleiben, bis sie ihre Jugend­liebe eines Tages an den Red-Bull-Kon­zern verlor und in Wien lan­dete. Heute ist sie eine der aktivsten Fans des Tra­di­ti­ons­klubs First Vienna FC.

Ihre Geschichte ist por­trä­tiert im Rahmen der Aus­stel­lung fan.tastic females“, die an diesem Wochen­ende mit einigem Tamtam in den Räumen des FC-St.-Pauli-Museums eröffnet wurde – ebenso wie die Fan-Bio­gra­phien dut­zender wei­terer Anhän­ge­rinnen. Der Wunsch nach einem Fuß­ball ohne Geschlech­ter­grenzen ist dabei mit Sicher­heit eine der kon­tro­ver­seren Ideen. Doch er streift ein Thema, das auch die meisten anderen Frauen in der Aus­stel­lung zu bewegen scheint: Wie wichtig der Geschlech­ter­un­ter­schied im Fuß­ball gemacht wird – und wie egal er doch eigent­lich sein könnte, zumin­dest in den Fan­kurven.

Weib­liche Fan­kultur sichtbar machen

Dass der Geschlech­ter­un­ter­schied an Bedeu­tung ver­liert, wünscht sich auch Antje Gra­ben­horst. Den­noch hat sie die ver­gan­genen zwei Jahre damit ver­bracht, eine Aus­stel­lung zu kon­zi­pieren, die genau diese Dif­fe­renz zum Thema macht. Fan.tastic females“ zeigt aus­schließ­lich Frauen, die Fuß­ball­fans sind. Unser Ziel war es, weib­liche Fan­kultur sichtbar zu machen“, blickt sie zurück. Noch immer sei es oft pro­blemlos mög­lich, Frauen im Fuß­ball ein­fach zu über­gehen, meint sie und hat ein aktu­elles Bei­spiel parat: Lazio-Rom-Ultras haben den Frauen in ihrem Sta­dion ver­boten, in den ersten zehn Reihen der Kurve zu stehen“. Frauen seien keine echten Fans, so jeden­falls die Mei­nung der Römer Ultras.

Sie wären dieses Wochen­ende in Ham­burg ins Staunen gekommen. Mit einer Auf­takt­ver­an­stal­tung und der fei­er­li­chen Eröff­nung fand das Pro­jekt von Antje Gra­ben­horst und ihrem Team einen vor­läu­figen – und beein­dru­ckenden – Höhe­punkt. Über acht Stunden Video­ma­te­rial sind in der inter­ak­tiven Aus­stel­lung zusam­men­ge­kommen. Etwa 90 Frauen aus über 20 Län­dern erzählen in Kurz­in­ter­views über ihre Erfah­rungen im Fuß­ball, die struk­tu­rell ähn­lich und zugleich doch völlig ver­schieden sind.

Fan seit 70 Jahren

Die Aus­wahl ist gewaltig: Besu­cher hören und sehen die 79-jäh­rige Maria, die seit den 1950er Jahren dem FC Arsenal die Treue hält, ebenso wie weib­liche Ultras aus Jena, Istanbul und St. Peters­burg oder die Geschichte von Zahra aus dem Iran, wo es Frauen ver­boten ist, Män­ner­spiele zu besu­chen. Auch eine Spie­ler­frau hat es in die lange Reihe geschafft: Mona Opp-Neu­städter spricht in ihrem Bei­trag auch dar­über, mit wel­chen gän­gigen Kli­schees sie sich in ihrer Rolle kon­fron­tiert sieht.

Die Idee, die Geschichten weib­li­cher Fans aus­zu­stellen, bestehe schon viele Jahre, erzählt Antje Gra­ben­horst. Unter der Feder­füh­rung der Fan-Orga­ni­sa­tion Foot­ball Sup­por­ters Europe“ ist sie nun Rea­lität geworden. Und das Ergebnis weiß zu über­zeugen: Ange­nehm inno­vativ und pro­fes­sio­nell kommen die Videos und Schau­ta­feln der Aus­stel­lung daher, die Ver­wur­ze­lung des Pro­jekts in den Fan­szenen ist den­noch nicht zu über­sehen.

Antje Gra­ben­horst ist selbst viel­fältig fan­po­li­tisch aktiv, ihr Herz hängt an Werder Bremen. Irgendwie hat es mich trotzdem über­rascht, welche Bedeu­tung die Frauen dem Fuß­ball bei­messen. Das war immer wieder beein­dru­ckend“, sagt sie. Auch sie steht am Sams­tag­vor­mittag in der Sonne vorm Mill­erntor-Sta­dion und lächelt zufrieden. Die erste Bewäh­rungs­probe hat die Aus­stel­lung über­standen. Rund die Hälfte der inter­viewten Frauen sind zur Pre­miere gekommen – und vom Ergebnis größ­ten­teils begeis­tert.

Keine Dau­er­karten für Frauen

Das gilt auch für Ines. Ich finde es groß­artig, dass die Viel­falt der Frauen im Fuß­ball so sichtbar gemacht wird. Das zeigt, dass Fuß­ball auch anders mög­lich ist“, meint sie, und durch die vielen ver­schie­denen Zugänge werden sicher­lich viele Leute erreicht.“ Sie ist auch des­halb nach Ham­burg gekommen, weil sie sich mit anderen weib­li­chen Fans – und soli­da­ri­schen Män­nern – aus­tau­schen will. Dabei ist sie bereits umfang­reich ver­netzt, unter anderem als Teil des Netz­werkes F_​in – Frauen im Fuß­ball“.

Ihr Anliegen dürfte von Erfolg gekrönt gewesen sein. Zur Eröff­nung ihrer Aus­stel­lung haben die Orga­ni­sa­to­rinnen eine kleine Kon­fe­renz zu weib­li­cher Fan­kultur auf die Beine gestellt. In Work­shops dis­ku­tieren die Teil­neh­menden über Selbst­or­ga­ni­sa­tion, Frauen in Füh­rungs­po­si­tionen oder Gewalt im Fuß­ball. Auf­fal­lend ist, welche unter­schied­li­chen Spiel­räume die Frauen zum Teil haben. Wäh­rend einige wie selbst­ver­ständ­lich an der Spitze von Fan-Ver­bänden oder gar Fuß­ball­ver­einen stehen, berichten Fans aus Moskau, dass sie erst dann die Mög­lich­keit haben, eine Dau­er­karte zu erwerben, wenn keine Männer mehr Inter­esse bekunden.

Malmös All-Female-Fan­klub“

Im Work­shop zu Frauen-Fan-Gruppen stellt Agnes aus dem schwe­di­schen Malmö ihren Fan­club vor, die Mal­mö­systrar“. Mit einigen Freun­dinnen hat sie die Gruppe vor zwei­ein­halb Jahren gegründet, mitt­ler­weile gibt es 160 Mit­glieder. Es ist wahr­schein­lich der größte All-Female-Fan­klub“ Europas, meinen einige.

Das war mir über­haupt nicht bewusst“, sagt Agnes später, aber es freut mich natür­lich, dass wir so vielen Frauen inzwi­schen einen Anlauf­punkt bieten.“ Auch sie geht schon ihr ganzes Leben lang zum Fuß­ball: Das ist Teil unserer Iden­tität. Wenn du aus Malmö kommst, bist du Malmö-Sup­porter.“ Ihr Bruder ist in einer Ultra-Gruppe, Agnes wollte das eine Zeit lang auch. Aber in Schweden gebe es prak­tisch keine weib­li­chen Ultras.

Ein para­doxes Los

Ich fand es span­nend zu hören, dass das in Deutsch­land anders ist“, erzählt sie über die Erfah­rungen, die sie am Wochen­ende in Ham­burg gesam­melt hat. Mitt­ler­weile macht das für Agnes keinen Unter­schied mehr. Ihr Fan-Sein lebt sie auch ohne Zuge­hö­rig­keit zum eli­tären Männer-Zirkel aus. Wir stehen mitten in der Kurve“, sagt sie, und klar, habe sie als Frau schlechte Erfah­rungen im Fuß­ball­sta­dion gemacht, an anderen Orten aber noch mehr.

Wie auch Ines und Antje Gra­ben­horst wäre Agnes glück­lich, wenn der Geschlech­ter­un­ter­schied im Fuß­ball eine klei­nere Rolle spielen würde. Sie sagt, sie defi­niere sich nicht als weib­li­cher Fuß­ballfan. Ich wüsste nicht, was der Unter­schied sein soll“, erklärt sie bei­nahe empört. Und doch ist sie Teil der Aus­stel­lung. Es scheint das gemein­same – und para­doxe – Los der fan.tastic females“ zu sein: sich als weib­liche Fuß­ball­fans Gehör ver­schaffen – um nicht nur als weib­liche Fuß­ball­fans zu gelten.

Die Aus­stel­lung wird in den kom­menden zwei Wochen im FC-St.-Pauli-Museum gezeigt, bevor sie auf Tour geht. Im aktu­ellen Rah­men­pro­gramm finden sich unter anderem ein Vor­trag von Antje Gra­ben­horst sowie vom Autor dieses Arti­kels.