Seite 2: Souverän, erfahren und so verdammt jung

Neben seiner defen­siven Leis­tung bringt er 85 Pro­zent seiner Pässe zum Mit­spieler. Aus der eigenen Mann­schaft kommen ledig­lich Charles Aran­guiz und Julian Baum­gart­linger auf bes­sere Werte, die jedoch beide weniger Spiele gemacht und Pässe gespielt haben. Auch zwei Tor­vor­lagen hat er schon gegeben. Trotzdem sagt Tah als boden­stän­diger, rea­lis­ti­scher Typ über sich selbst: An meiner Spiel­eröff­nung muss ich noch feilen.“ Wenn das mal nicht sou­verän“ ist.

Dass Tah so rou­ti­niert, so erfahren“ auf­tritt, liegt auch daran, dass er von Anfang an ein klares Ziel hatte: Profi werden. Und darauf geht er mit großen Schritten zu: Ange­fangen bei Altona 93 und dem SC Con­cordia in seiner Haupt­stadt Ham­burg geht er mit 13 zum HSV, mit 15 ins ver­eins­ei­gene Internat. Mit 16 wird er Profi, mit 17 folgt das Debüt. Mit 18 wird er zu For­tuna Düs­sel­dorf aus­ge­liehen und einer der besten Zweit­liga-Ver­tei­diger. Mit 19 folgt der Wechsel zum Cham­pions-League-Kan­di­daten aus Lever­kusen, wo er Stamm­spieler wird. Auf seine Berufs­pla­nung ange­spro­chen, sagt Tah: Mein Plan B war, Plan A umzu­setzen.“ Das hat aus­ge­zeichnet funk­tio­niert.

Nebenbei durch­läuft Tah ab der U16 alle Nach­wuchs­teams des DFB. 2016 debü­tiert er für die A‑Mannschaft, als Jerome Boateng ver­letzt aus­fällt, den Tah als spie­le­risch gesehen mein Vor­bild“ bezeichnet. Längst wird er auch mit seinem Vor­bild ver­gli­chen. Nicht zu unrecht, denn genau wie der womög­lich beste Ver­tei­diger der Welt ist Tah mehr als nur ein Schlacht­schiff, mehr als ein Zer­störer. 

Wir sind alt

Der 22-jäh­rige anti­zi­piert her­vor­ra­gend, ist der erste Offen­sive im Lever­ku­sener Hoch­ge­schwin­dig­keits­fuß­ball und bleibt auch unter geg­ne­ri­schem Pres­sing­druck aus­ge­spro­chen cool. So bricht er mit der Lever­ku­sener Ver­tei­di­gungs­tra­di­tion von Jens Nowotny und Carsten Ramelow bis Ömer Toprak und Emir Spahic. Auch wenn nur einer von ihnen einen Ordner nie­der­schlug, waren sie doch alle mehr Zer­störer als Krea­tiv­geister.

Heute muss Tah, der Bär“ wie Ex-Kol­lege Kevin Kampl ihn mal nannte, mit Lever­kusen bei Ex-Klub und Dino Ham­burg ran. Das wird ein Kampf­spiel“, sagte er in einem Inter­view unter der Woche. Der HSV wird alles abfeuern, was ihm zur Ver­fü­gung steht. Da müssen wir richtig gegen­halten.“

Dass er auch auf höchstem Niveau dazu bereit ist, hat Tah schon hin­rei­chend bewiesen. Und so wird uns der Fuß­ball in Person von Jona­than Tah an diesem Samstag mal wieder vor Augen führen, wie ver­dammt alt wir eigent­lich sind. Näm­lich wenn wir, egal ob 25, 45 oder 65 Jahre alt, auf der Couch oder in der Kneipe sit­zend bier­trin­ken­der­weise das Fern­seh­bild anschreien und die anderen alten Leute neben uns fragen: Wie zur Hölle kann der Junge erst 22 sein?“