Mit dem Fuß­ball ist es im Prinzip wie mit Flie­gen­pilzen (Ama­nita mus­caria). Hätte der Mensch nicht irgend­wann Bilanz gezogen, würde er heute womög­lich immer noch denken, Flie­gen­pilze seien her­vor­ra­gend zum Ver­zehr geeignet. Höchste Zeit also, die Grup­pen­phase der Euro­pa­meis­ter­schaft kri­tisch ein­zu­ordnen. Was lief gut, was schlecht und in welche Rich­tung ent­wi­ckelt sich der ganze Bums? 

These: Euro­pa­meis­ter­schaften sind eigent­lich ein Ana­chro­nismus, funk­tio­nieren aber trotzdem ver­dammt gut!

In einem mehr und mehr geeinten Europa kann die Idee von NATIONAL-Mann­schaften leicht anti­quiert wirken. Zumin­dest inner­halb der EU und außer­halb pan­de­mi­scher Zeiten bewegen sich Men­schen schließ­lich über nur noch theo­re­ti­sche (Binnen-)Grenzen hinweg. Freie Arbeits­platz­wahl, gemein­same Gesetz­ge­bung und Haus­halte lassen Län­der­wett­kämpfe schnell im Ver­dacht erscheinen, hier trete jemand gegen sich selbst an. Fast schiene es daher logi­scher, man ließe Aus­wahl­mann­schaften von Bun­des­liga, Pre­mier League und Serie A auf­laufen, anstatt aus­ge­rechnet beim ansonsten so ver­bin­denden Sport auf natio­nale Iden­ti­täten zu pochen, die im Alltag der Men­schen schon oft gar keine Rolle mehr spielen.

Aber dann! Aber dann schmet­tern die Ita­liener ihre Natio­nal­hymne, wie es nur die Ita­liener können. Dann bier­bau­chen eng­li­sche und schot­ti­sche Fans eine Stim­mung auf die Ränge, wie es nur eng­li­sche und schot­ti­sche Fans können. Und dann dau­er­passt sich die spa­ni­sche Mann­schaft den Ball hin und her, wie es nur eine spa­ni­sche Mann­schaft kann. Und plötz­lich macht die Euro­pa­meis­ter­schaft genau des­halb doch wieder so ver­dammt viel Spaß. Weil die Natio­nal­mann­schaften jeweils und tat­säch­lich ganz eigene Iden­ti­täten auf den Platz bringen und damit einem Urge­danken des Wett­kampfs Raum geben, näm­lich der Frage, welche Idee von Fuß­ball denn nun eigent­lich die erfolg­reichste ist. Der Ball­be­sitz-Fuß­ball Spa­niens? Der Wir haben ein­fach nur die besten Spieler“-Fußball Frank­reichs? Der mit­rei­ßende Offensiv-Fuß­ball Ita­liens?

Tra­di­tion vs. Natio­nal­stolz

Aber was heißt das nun? Werden zukünf­tige Genera­tionen wie selbst­ver­ständ­lich Europa“ sagen, wenn sie irgendwo sonst auf der Welt danach gefragt werden, woher sie kommen? Oder ist der Fuß­ball ein Indiz dafür, dass die Idee natio­naler Iden­ti­täten stärker im Selbst­ver­ständnis der Men­schen ver­wur­zelt ist, als es der schönste Gedanke von Europa sein könnte?

Dagegen spricht: Früher war mehr Schland“. Eine gefühlte Wahr­heit, zuge­geben. Den­noch: Auf den Straßen und Bal­kons sind kaum noch Deutsch­land-Fahnen zu sehen. Statt­dessen unter­halten sich Fuß­ball-Fans dar­über, wel­chem Land sie den Titel am ehesten gönnen würden, anstatt dar­über, wie weit WIR“ denn nun kommen im Tur­nier. Und so werden Län­der­tur­niere zukünftig viel­leicht eher zum Wett­kampf von Ideen werden. Beschwert vom Ruck­sack der Tra­di­tion. Befreit aber vom Bal­last eines stumpfen Natio­nal­stolzes.