Die Herren kennen sich?
Nie­meyer: Doch, schon.
Mat­tuschka: Wir haben mal Fuß­ball gegen­ein­ander gespielt, oder? Naja, richtig gut und per­sön­lich kenne ich nie­manden bei Hertha, und so geht es den meisten bei uns. Bis vor kurzem hatte Chinedu Ede aus seiner Jugend­zeit noch einen Draht zu Änis Ben-Hatira. Aber Chinedu spielt seit ein paar Wochen in Mainz.
Nie­meyer: Bei uns war Patrick Ebert noch eine Brücke, eben­falls zu Ede. Und Patrick ist ja seit dieser Saison auch nicht mehr dabei.
Mat­tuschka: Moment, die Bra­si­lianer Silvio und Ronny sehen sich öfter. Davon bekommt der Rest der Mann­schaft aller­dings nicht so viel mit.
Nie­meyer: Aber es ist nicht so, dass wir uns bei Hertha über­haupt nicht für Union inter­es­sieren. Ich war letztes Jahr sogar mal in der Alten Förs­terei und hab mir ein Spiel ange­schaut. Union gegen Ein­tracht Frank­furt. Super Atmo­sphäre!
Mat­tuschka: Schon ein biss­chen inten­siver als bei euch im weiten Olym­pia­sta­dion mit der Lauf­bahn, was?
Nie­meyer: Stimmt, ihr habt da ja auch ein ganz schönes Sta­dion. Aber wenn wir am Montag bei euch antreten, ist ja die Tri­büne nicht mehr da, auf der ich damals gesessen habe. Da habt ihr genug Platz für eine Lauf­bahn. Wir können gern eine mit­bringen, aber die ist dann blau.

Wir haben eine ver­we­gene These: Kann es sein, dass Hertha nur abge­stiegen ist, um nach dem 1:2 gegen Union vor zwei Jahren im Olym­pia­sta­dion end­lich Ber­liner Stadt­meister zu werden?
Nie­meyer: Ha, das hätten Sie jetzt gern, wenn ich ja sagen würde? Schwach­sinn! Natür­lich wären wir lieber in der Bun­des­liga geblieben, und in dieser Saison werden wir alles dafür tun, dass es in der nächsten keine Derbys mehr gibt. Jeden­falls nicht in der Zweiten Liga.
Mat­tuschka: Ich kann schon ver­stehen, dass euch dieses 1:2 von damals immer noch ankotzt. Ihr wart klar über­legen, seid früh 1:0 in Füh­rung gegangen und hattet Rie­sen­chancen. Dann schießt unser John Jairo Mos­quera einmal aufs Tor, und der Ball ist drin. Tja, und bei meinem Sieg­treffer hat euer Tor­wart ein biss­chen mit­ge­holfen.
Nie­meyer: Wir Spieler hatten das Derby, genau wie unsere Fans, nicht ein­fach so abge­hakt. Ich hatte damals nicht nur wegen meiner Gehirn­er­schüt­te­rung lange Kopf­schmerzen. Aber im Fuß­ball muss man schnell ver­su­chen umzu­schalten, vor allem wenn das große Ziel der Auf­stieg ist. Ein paar Monate später, bei der Auf­stiegs­feier, sind ein paar Leute zu mir gekommen und haben gesagt: Irgendwie schade, jetzt können wir keine Revanche nehmen für die Nie­der­lage gegen Union! Wärt ihr mal lieber nicht auf­ge­stiegen!

Im Ernst?
Nie­meyer: Klar, auch heute gibt es natür­lich immer noch ein paar, denen der Auf­stieg nicht so wichtig ist wie das Derby. Aber als Spieler musst du so etwas rela­ti­vieren. Um das noch mal ganz deut­lich zu sagen. Ich steige lieber auf, als dass ich die Stadt­meis­ter­schaft gewinne. Aber natür­lich wissen wir um die Bedeu­tung, die dem Derby bei­kommt – und des­wegen werden wir alles tun, um zu gewinnen.
Mat­tuschka: Mir war vorher auch nicht bewusst, wie wichtig das Derby für die Fans ist. Was nach dem Sieg im Olym­pia­sta­dion bei uns abge­gangen ist, war der Wahn­sinn! Mos­quera und ich, wir beiden Tor­schützen haben vier Stunden lang Auto­gramme gegeben. Vier Stunden! Und die Leute haben sich alle brav und geduldig ange­stellt und die Erin­ne­rungs-Shirts vom Derby-Sieg signieren lassen.

T‑Shirts mit der pro­vo­zie­renden Auf­schrift: Hier regiert der FCU!“
Nie­meyer: Dar­über haben wir bei Hertha schon eher geschmun­zelt. Union behauptet ja immer, dafür zu stehen, den all­ge­meinen Kom­merz nicht so mit­ma­chen zu wollen. Und dann diese T‑Shirts … na ja. Das haben sie schon voll aus­ge­schlachtet, aber das ist das gute Recht des Sie­gers.

Hätten Hertha im Falle eines Sieges auch spe­zi­elle Derby-Shirts ver­kauft?
Nie­meyer: Na, raten Sie mal!
Mat­tuschka: Wer weiß, wer weiß. Aber es war ja auch nicht so, dass wir Spieler mit diesen Hemden auf­ge­laufen sind. Das war mehr eine Sache für die Fans. Für die war und ist das Derby gegen Hertha eine Rie­sen­sache. Natür­lich musst du auch bei uns in der Mann­schaft nie­manden heiß machen. Jeder freut sich auf das Spiel am Mon­tag­abend. Wir hatten einen sehr schlechten Start, mit einem Sieg gegen Hertha können wir einiges wieder gut­ma­chen. Aber sonst sehe ich es wie Peter: Danach kommen noch 30 andere Spiele.

Ist Hertha heute Favorit?
Mat­tuschka: Na klar, die kommen aus der Bun­des­liga und wollen sofort wieder zurück. Wir wollen nicht die Favo­ri­ten­rolle, wir wollen den Favo­riten stürzen.
Nie­meyer: Mit der Rolle, dass wir nur ver­lieren und nicht gewinnen können, müssen wir in dieser Saison um die 24 Mal leben. Das war vor zwei Jahren genauso, und damals haben wir die Sache annä­hernd per­fekt hin­be­kommen. Und dieses Mal – na klar, alle sagen Hertha ist gegen Union der große Favorit. Aber am Montag wird es so sein wie sonst nur im Pokal: Derbys haben ihren eigenen Cha­rakter.

Werden Sie nach dem Spiel als Zei­chen guter Nach­bar­schaft denn die Tri­kots tau­schen?
Mat­tuschka: Hmm, haben wir noch nicht drüber nach­ge­dacht.
Nie­meyer: Wir auch nicht. Wie das beim letzten Spiel war, weiß ich nicht mehr. Ich musste damals mit einer Gehirn­er­schüt­te­rung ins Kran­ken­haus.
Mat­tuschka: Nein, damals haben wir nicht getauscht. Und dieses Mal … Also gut, ver­spro­chen, wir tau­schen die Tri­kots und machen es nur für euch!

Oh,wir danken!
Nie­meyer: Also gut. Obwohl ich per­sön­lich keiner bin, der großen Wert darauf legt. Aber dieses Mal mache ich eine Aus­nahme.
Mat­tuschka: Wir dürfen schon mal des­wegen nicht so oft tau­schen, weil wir ein kleiner Verein sind und gar nicht so viele Tri­kot­sätze haben.
Ihr Derby-Siegtor-Trikot vom Februar 2011 …
Mat­tuschka: Das hängt bei mir immer noch im Schrank. Ich will jetzt nicht sagen, dass es einen Ehren­platz hat, aber ich weiß schon, wo es hängt.

Peter Nie­meyer hat im Sep­tember 2010 beim 1:1 in der Alten Förs­terei das erste Der­bytor über­haupt geschossen.
Nie­meyer: Aber es war kein Siegtor. Fragen Sie mich also bitte nicht, was aus dem Trikot damals geworden ist. Wenn ich diesmal das Siegtor machen sollte, werde ich das Trikot wohl doch behalten. Dann wird’s nichts mit dem Tausch. Sorry, Torsten.

Gut zwanzig Jahre nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung ist das Derby zwi­schen Union eine der wenigen Gele­gen­heiten, bei denen Berlin noch zwei­ge­teilt ist in Ost und West.
Nie­meyer: Ich bitte Sie! Ost oder West, das spielt für mich über­haupt keine Rolle. Ich wohne im Westen, aber ich gehe auch ganz gern mal in den Osten, weil es da groß­ar­tige Restau­rants gibt. Ich bin öfter in Mitte …

… und in Mar­zahn?
Nie­meyer: Da war ich noch nicht, aber das liegt vor allem daran, dass Berlin so rie­sen­groß ist. Da bleibst du halt in deinem Kiez.
Mat­tuschka: Ich gehe auch ganz gern zu Burger King, da isst du im Osten genauso gut wie im Westen. Nee, kleiner Spaß. Ich bin neu­gierig und offen für alles. Ost und West sind Geschichte, wir leben in einem ver­einten Deutsch­land. Damit will ich die Ver­gan­gen­heit nicht klein­reden. Die alten Ost-Duelle gegen Cottbus oder Dresden oder Aue sind für unsere Fans auch ver­dammt wichtig.

Wenn denn alles so nivel­liert ist – könnten Sie sich auch vor­stellen, mal für den jeweils anderen Klub zu spielen?
(Schweigen)
Mat­tuschka: Ich bin fast 32, da stellt sich die Frage zum Glück nicht mehr. Ich spiele jetzt im achten Jahr bei Union, fühle mich wohl und möchte meine Kar­riere hier beenden. Ich will hier nicht mehr weg. Auch nicht zu Hertha.
Nie­meyer: Ich hab vor kurzem meinen Ver­trag bei Hertha um vier Jahre ver­län­gert. Da kann ich mir schwer, nein: über­haupt nicht vor­stellen, inner­halb der Stadt zu wech­seln.

Kennen Sie eigent­lich das Lied der Union-Fans für Torsten Mat­tuschka?
Nie­meyer: Wenn ich jetzt ja sage – muss ich es dann vor­singen?
Mat­tuschka: Unbe­dingt!
Nie­meyer: Sagen wir mal so: Ich hab davon gehört.

Durch so ein Tor im Derby kann man zum auf ewig in der Kurve besun­genen Held werden.
Nie­meyer: Auch wenn ich noch nicht so lange in Berlin bin, weiß ich schon, dass Torsten schon lange eine Ikone bei Union ist. Den Song gab’s schon vor seinem Siegtor gegen uns. Ich hab auch im Derby ein Tor geschossen und immer noch kein Lied.
Mat­tuschka: Tja, haste Pech gehabt.

Dieses Inter­view erschien zuerst im Tages­spiegel