Andreas Mar­lo­vits, in der Europa League emp­fängt Lazio Rom Fener­bahce zu einem Geis­ter­spiel. Für wen ist das ein Vor­teil?
Erst einmal ist der bestrafte Verein benach­tei­ligt. Die Mann­schaft ver­liert den natür­li­chen Klang­körper des Heim­spiels, den Rück­halt der eigenen Fans.

Den soge­nannten Heim­vor­teil.
Dra­ma­tisch und unheim­lich an einem Geis­ter­spiel ist eigent­lich, dass das Fuß­ball­spiel auf sein Gerüst redu­ziert wird. Ein­fach auf ein Gekicke ohne Stim­mungs­rahmen. Die Fans bringen den in der Regel mit und geben dem Spiel die Bedeu­tung, die es hat. Im Geis­ter­spiel geht der Bedeu­tungs­rahmen eines Euro­pa­pokal-Vier­tel­fi­nales zunächst ver­loren. Jede Hand­lung auf dem Spiel­feld wird übli­cher­weise durch Fans kom­men­tiert. Bei einem Geis­ter­spiel trifft die Hand­lung auf keinen bewer­tenden Reso­nanz­körper. Das ist wie Bier ohne Alkohol.

Da scheint der Profi erst einmal machtlos.
Die Auf­gabe für den Spieler bei einem Geis­ter­spiel ist es, die Bedeu­tung des Spiels selbst auf den Rasen zu bringen. Die Bedeu­tung wird sonst auto­ma­tisch durch ein gefülltes Sta­dion gelie­fert.

Wie würden Sie selbst eine Mann­schaft wie Lazio Rom für das Rück­spiel vor­be­reiten?
Vor­be­reitet werden müssen Spieler oder ein Team erst, wenn man im Vor­feld fest­stellt, dass ein Geis­ter­spiel ein Pro­blem dar­stellt. Ansonsten sind Spieler ohnehin hoch moti­viert.

Wie könnte eine solche Vor­be­rei­tung aus­sehen?
Es gibt ver­schie­dene Mög­lich­keiten. Im Trai­ning kann etwa durch den Aus­schluss der Öffent­lich­keit oder gar Kopf­hörer eine zusätz­liche Ruhe simu­liert werden. Man ver­sucht, die unge­wöhn­liche Situa­tion bereits im Vor­feld mental zu durch­leben. So lernt der Profi den klang­losen Raum bereits kennen. Diese Hil­fe­stel­lung ist aber nur nötig, wenn es Anzei­chen für Pro­bleme im Umgang mit der Situa­tion gibt.

Sie sagten kürz­lich Euphorie kann Leis­tung hemmen“. Ist es also besser, wenn der Fan fortan nur noch pöbelt?
Nein, da muss scharf zwi­schen der Per­spek­tive der Fans und Spieler unter­schieden werden. Euphorie inner­halb der Mann­schaft kann das schnell hem­mend wirken. Des­halb reden Trainer gerne davon, dass man auf dem Boden bleiben will und die Meis­ter­schaft noch nicht gewonnen sei. Sie wissen genau um die nega­tive Wir­kung früh­zei­tiger Euphorie.

Und auf Zuschau­er­seite?
Auf Zuschau­er­seite ist es so, dass Spieler durch eine mit­rei­ßende, eupho­ri­sche Stim­mung in den Rängen gepusht werden können. Die ent­steht erst dann, wenn das Team mit­rei­ßend spielt. Ansonsten kann die Euphorie auch ins Nega­tive kippen, etwa wenn das Team bereits zur Halb­zeit aus­ge­pfiffen wird. So etwas kann bei Heim­spielen hem­mend auf die Leis­tung der Spieler wirken.

Bekommt der Spieler das bereits im Spiel mit oder eher in der Nach­schau?
Natür­lich bekommen Spieler die nega­tive Stim­mung der Zuschauer mit. Dass es nicht gut läuft, wissen die Spieler aber bereits vor den Pfiffen der Zuschauer – durch ihr Spiel selbst.

Wäre ein posi­tiver Effekt denkbar, wenn das Sta­dion leer wäre?
Grund­sätz­lich wünscht sich keiner ein leeres Sta­dion, weder Spieler noch Zuschauer. Es gibt aber eine Situa­tion, in dem ein Geis­ter­spiel einen posi­tiven Effekt haben kann. Näm­lich dann, wenn eine Mann­schaft im Laufe einer Saison mit einer extremen Heim­schwäche zu kämpfen hat. In dieser Situa­tion kann sich ein leeres Sta­dion mit einem posi­tiven End­ergebnis als ein frucht­bares Momentum im Laufe einer Saison her­aus­stellen.

Also sollten sich Fan­gruppen kri­selnder Klubs dem­nächst ein kol­lek­tives Daheim-Bleiben als Heil­mittel über­legen?
Fan­gruppen sind meist zum Anpfiff positiv gestimmt. Die meisten kommen immer mit Hoff­nung in die Sta­dien. Je nach der Erwar­tungs­höhe werden sie dann wäh­rend des Spiels schneller oder lang­samer ent­täuscht. Die Akteure müssen dann auch gegen die Miss­gunst der eigenen Fans kämpfen. Aber gene­rell hat jedoch jede Mann­schaft in jedem Spiel eine Chance, die eigenen Anhänger zu über­zeugen. Aus meiner Erfah­rung will aber auch kein Spieler vor leeren Rängen spielen.