1.
König Fuß­ball regiert zwar die Welt, klar, auf der iri­schen Insel aller­dings ist er nicht ganz die erste Wahl. Belieb­teste Sport­arten in Irland sind zunächst Gaelic Foot­ball und Hur­ling, erst dann folgen Rugby und Fuß­ball. Hur-was?“, mag jetzt der deut­sche Fuß­ballfan fragen, ver­loren an der Kutte nes­teln und einen Ver­le­gen­heits­schluck vom Sta­di­onbier nippen. Genau, Hur­ling.…

2.
Ok, Hur­ling. Aaaalso: Hur­ling ist ein ursprüng­lich kel­ti­scher Sport, bei dem sich zwei Mann­schaften gegen­über­stehen und mit­hilfe eines camans den sliotar ins Tor zu bug­sieren ver­su­chen. Wem das als Erklä­rung nicht genügt, der sei darauf ver­wiesen, dass es klare Par­al­lelen zum schot­ti­schen Shinty gibt, das ja wohl allen Lesern bekannt sein sollte. Hur­ling gilt als eine der schnellsten Sport­arten der Welt, ein Team besteht aus 15 Spie­lern, außerdem heißt Hur­ling für Frauen nicht Hur­ling son­dern Camogie. Klar soweit? Fein.

3.
Aller­dings sind die Iren durchaus ein fuß­ball­be­geis­tertes Völk­chen, jüngst ein­drucks­voll bei der Euro­pa­meis­ter­schaft in Polen und der Ukraine unter Beweis gestellt. Inmitten der eupho­risch das eigene Team, sich selbst und die pol­ni­schen Bier­preise fei­ernden Fan­meute genügte schon die ent­fernte Ähn­lich­keit eines Ein­hei­mi­schen mit Trainer Gio­vanni Tra­pat­toni, um Sprech­chöre und aus­ge­las­sene Fei­er­lich­keiten zu Ehren des pol­ni­schen Mis­ters“ zu ent­fes­seln. Party on, Ire­land! Roy Keane, iri­sche Fuß­ball­le­gende, war aller­dings weniger fei­er­freudig und kri­ti­sierte das aus­ufernde Par­ty­ge­baren der Fans. Die Quit­tung folgte wenig später als die grüne Meute schep­perte: Fuck you, Roy Keane, we sing when we want.“

4.
Auch einen der emo­tio­nalen Höhe­punkte (diesmal für alle Fuß­ball­fans und nicht nur für den sicher­lich gerührten pol­ni­schen Tra­pat­toni) ver­dankt die EM den iri­schen Fans. Als die wacker kämp­fende Boys in Green“ gegen den spä­teren Euro­pa­meister Spa­nien heillos unter­legen war und sich ein 0:4‑Backpfeiffe ein­fing, ver­ließen die Iren nicht etwa ent­täuscht das Sta­dion oder warfen pöbelnd Bier­be­cher in Rich­tung Rasen, wie das nor­ma­ler­weise üblich wäre, son­dern erhoben sich und sangen minu­ten­lang gemeinsam The Fields of Athenry“, ein Lied über die iri­sche Hun­gersnot von 1846 und mitt­ler­weile ein Klas­siker in iri­schen Sta­dien. Gut, dass Mode­rator Tom Bar­tels diesen magi­schen Moment nicht in Grund und Boden stef­fen­si­monte, son­dern ein­fach schwei­gend genoss. Großes Kino.

5.
Zurück zu Roy Keane, dem wohl bekann­testen iri­schen Fuß­baller der letzten Jahre. Zwi­schen 1990 und 2005 trat sich Hitz­kopf Keane durch die eng­li­sche Pre­mier League und sam­melte neben zahl­rei­chen Titeln auch schnei­dige 13 rote Karten. Beson­ders in Erin­ne­rung blieb sein Jahr­hun­dert-Revan­che­foul an Alf-Inge Haland. Nach einem im Duell mit Haland erlit­tenen Kreuz­band­riss samt fol­gender Pro­vo­ka­tion sprang Keane dem Nor­weger beim Wie­der­sehen mit neun­mo­na­tigem Anlauf so derart in die Beine, dass sich bis heute die Legende hält, dieser Tritt habe die Kar­riere Halands beendet. Dass das nicht der Wahr­heit ent­spricht und Haland das Spiel sogar noch zu Ende brachte, scheint bei Ansicht des Video­ma­te­rials fast schon sur­real. Keane selber kom­men­tierte das Foul später in seiner Auto­bio­gra­phie mit welt­män­ni­scher Sou­ve­rä­nität: I’d waited long enough. I fucking hit him hard. The ball was there (I think). Take that you cunt. And don’t ever stand over me snee­ring about fake inju­ries.“ nuff said!

6.
Der­zeit erfolg­reichster und bekann­tester iri­scher Fuß­baller ist wohl Roy Keanes Namens­vetter Robbie. Ins­be­son­dere in Tot­tenham hat sich der spiel­in­tel­li­gente Angreifer ver­dient gemacht, mitt­ler­weile kickt Keane bei LA Galaxy und gibt dort einen will­kommen erdigen Kon­trast zum ver­hin­derten Pop­star David Beckham ab. Inter­na­tional fehlen Keane nur noch vier Län­der­spiele zum Rekord­na­tio­nal­spieler, mit 54 Toren in 121 Spielen hat er sich aber ohnehin schon unan­tastbar gemacht. Dass die Unan­tast­bar­keit nicht für seine Gegen­spieler gilt, zeigt fol­gendes Video:

7.
Immer mal wieder betreten derlei Keanes die große Fuß­ball­bühne, ins­ge­samt fris­tete der iri­sche Fuß­ball aber über Jahr­zehnte ein eher unauf­fäl­liges Dasein. Obwohl schon seit 1923 Mit­glied der FIFA, dau­erte es bis 1988, bis sich Irland für ein großes Tur­nier qua­li­fi­zieren konnte. Das lange Warten hatte sich aller­dings gelohnt: Bereits im ersten Grup­pen­spiel bezwang man sen­sa­tio­nell den großen Bruder Eng­land mit 1:0, was am Aus­scheiden der Mann­schaft nach einem Unent­schieden gegen die Sowjet­union und einem knappen 0:1 gegen die Nie­der­lande leider nichts ändern konnte. Sei’s drum: Mann­schaft und Trainer wurden zu Volks­helden, das Inter­esse der Iren am Fuß­ball stieg sprung­haft an, alles in allem ein Sieg für die Geschichts­bü­cher. Wer braucht schon Tro­phäen?

8.
Vater des Erfolges war damals John Jack“ Charlton, der Bruder von Sir Bobby. Der gebür­tige Eng­länder, den Wiki­pedia unan­ge­messen kum­pel­haft Kult­trainer“ nennt, begann nach seiner Pro­fi­lauf­bahn eine recht viel­ver­spre­chende Trai­ner­kar­riere und ging Mitte der Acht­ziger über­ra­schend zum vor sich hin dar­benden iri­schen Ver­band. Wenige Jahre und so einiges an klins­man­nesker Reform­ar­beit später fanden sich die Iren, zack­bumm, bei besagter EM wieder. Dass ihnen dabei so gar nichts zuge­traut wurde, brachte den Coach auf die Palme. Trotzig sprach er in Inter­views vom Titel­ge­winn und von hane­bü­chenen Spiel­sys­temen mit 5 Stür­mern und Ach­ter­ketten. Merke: Man nehme den Trainer, der als ein­ziger in der Geschichte des eng­li­schen Fuß­balls in seiner ersten Saison direkt zum Manager of the Year“ gekürt wurde, bitte ernst, sonst muss man sich im Inter­view von ihm am Nasen­ring durch die Manege führen lassen.

9.
Größter Erfolg der Iri­schen Natio­nal­mann­schaft ist bis heute das Errei­chen des Vier­tel­fi­nales bei der WM 1990. Größte – zumin­dest see­li­sche – Nie­der­lage war wohl die ver­passte Qua­li­fi­ka­tion zur WM 2010. Die Vol­ley­ball­ein­lage von Thierry Henry, die zur Nie­der­lage der Iren führte, wird den meisten Fuß­ball­fans noch gut in Erin­ne­rung sein. Wem dies anders geht, dem sei ein Besuch bei You­tube emp­fohlen. Beim Blick in die Kom­men­tar­spalte erhält man dann auch direkt eine Ahnung von den Aus­maßen des Shit­s­torms, vor dem Henry schließ­lich nach Übersee floh.

10.
Ok, kommen wir zu den Kli­schees. Iren trinken viel, richtig? Nicht ganz. Laut einer Sta­tistik der WHO liegt Irland im pro-Kopf-Ver­brauch reinen Alko­hols pro Jahr auf einem erschre­ckend schwa­chen 11 Platz. Ent­täu­schende 14,41 Liter bedeuten das graue Mit­telmaß in der Suff­ta­belle, zwi­schen den No-Names Por­tugal und Frank­reich und weit abge­schlagen hinter dem sou­ve­ränen Tabel­len­führer Mol­da­wien, der mit 18,22 Litern reinen Alko­hols pro Jahr und Kopf keine Kom­pro­misse zu machen scheint. Deutsch­land aller­dings liegt noch weiter im Süden der Tabelle, nur Platz 19 lässt sich auch als Appell an die deut­schen Fuß­ball­fans lesen.