Chris­tian Müller, Sie scheinen ein Ost­al­giker zu sein…
Warum nehmen Sie das an?

Dynamo Dresden wird am kom­menden Sonntag in der zweiten Runde des FDGB-Pokals auf Borussia Mön­chen­glad­bach treffen. Ein Wett­be­werb, der in dieser Weise zuletzt 1989 in der DDR aus­ge­tragen wurde. Scheut sich der Verein vor der Gegen­wart?
Kei­nes­falls. Die Aus­tra­gung dieses Pokals in einem neuen Format hat durchaus ernst­hafte Hin­ter­gründe, da uns durch den Aus­schluss aus dem DFB-Pokal hohe Ein­nahmen fehlen. Wir wollten unsere Ent­täu­schung über die, wie wir meinen, sehr dra­ko­ni­sche Strafe in dieser augen­zwin­kernden Form zum Aus­druck bringen. Als Geschäfts­führer freue ich mich über den ehren­amt­li­chen Ein­satz der aktiven Fan­szene.

Doch eine Frage bleibt: Warum aus­ge­rechnet FDGB-Pokal?
Na gut, das ist natür­lich der Ost-Nost­algie zuzu­spre­chen. Die Abkür­zung steht für Für-Dynamo-gemeinsam-ble­chen“ (vom Freien Deut­schen Gewerk­schafts­bund aus­ge­schrieben, wurde das ost­deut­sche Pen­dant zum DFB-Pokal in der DDR aus­ge­spielt, d.Red.). Der lange Zug durch die Rechts­in­stanzen des DFB hat uns viel Geld gekostet, der Aus­schluss aus dem Wett­be­werb sowieso. Diese Kosten wollen wir durch unseren eigenen Pokal ein wenig aus­glei­chen und zudem den sport­li­chen Rhythmus auf­recht erhalten.

Inwie­fern können diese freund­schaft­li­chen Pokal­spiele über­haupt ihre Aus­gaben decken?
Wir sind nicht naiv, die Ein­tritts­gelder können das natür­lich nicht kom­plett aus­glei­chen. Viel wich­tiger finde ich, die Energie der Fans her­vor­zu­heben, die in eine kon­struk­tive Rich­tung kana­li­siert wird. Betrachten Sie es als Selbst­hil­fe­gruppe, die aktiv und sinn­voll die enorme Energie und Krea­ti­vität unserer Anhänger bün­delt.

Herr Müller, Ihre Aus­ma­lungen scheinen etwas zu rosig. Als Geschäfts­führer des Ver­eins dürften Sie die Gründe des Pokal­aus­schlusses wohl kaum igno­rieren können, oder?
Keine Frage, die Gescheh­nisse wollen wir über­haupt nicht ver­harm­losen. Natür­lich haben sich einige unserer Anhänger in grö­ßeren Sta­dien, ins­be­son­dere in Dort­mund und Han­nover, falsch ver­halten. Aber hängt das Gelingen eines Fuß­ball­spiels nicht auch von der Orga­ni­sa­tion des Heim­klubs ab? Wir finden, ja! Zumin­dest ist es sehr zwei­fel­haft, dass die Recht­spre­chung vor­rangig den Gast­verein bestraft, ohne die Vor­be­rei­tung des Spiels ein­ge­hend zu ana­ly­sieren. Des­halb waren wir nach dem Urteil auch so unzu­frieden, da wir gewisse Pro­bleme bereits im Vor­feld der Spiele haben kommen sehen.

Welche Pro­bleme waren das im kon­kreten Fall?
Wir wussten, dass über 10.000 Dynamo-Anhänger mit auf die Reise nach Han­nover gehen würden. In Dresden war durch den Refor­ma­ti­onstag ein Fei­ertag, sodass sich sehr viele Fans auf den Weg zu diesem Sai­son­hö­he­punkt machen konnten. Von Seiten des Heim­ver­eins, der nie zuvor so viele Gäs­te­fans im Sta­dion hatte, wurde uns aller­dings, zusätz­lich zum Gäs­te­be­reich, der Fami­li­en­block ohne wei­tere Absi­che­rungen und geeig­nete Vor­kon­trollen ange­boten. Mit der Gefahr von Ein­las­stürmen und Pyro­technik hatten wir gerechnet und ent­spre­chende Vor­keh­rungen, etwa wirk­same Ver­ein­ze­lung vor den Vor­kon­trollen durch Ham­burger Gitter“ ange­mahnt, leider ver­ge­bens.

Der FDGB-Pokal wird aus­schließ­lich in Dresden aus­ge­tragen. Die erste Runde ging mit 0:1 gegen die Hull City Tigers ver­loren. Wie haben Sie den den nächsten Gegner und Bun­des­li­gisten Borussia Mön­chen­glad­bach von der Teil­nahme über­zeugen können?
Ein Anknüp­fungs­punkt war das über­ra­schende Aus­scheiden Glad­bachs in der ersten Runde des DFB-Pokals und natür­lich die Attrak­ti­vität dieses Geg­ners. Wir ver­su­chen, unseren Wett­be­werb zu den par­allel statt­fin­denden Pokal­runden aus­zu­spielen. In diesem Fall passte der Termin dank der Län­der­spiel­pause beiden Mann­schaften sehr gut ins sport­liche Kon­zept.

Was halten eigent­lich Ihre Spieler von dieser unnö­tigen Belas­tung? Immerhin steht die Mann­schaft gegen­wärtig auf dem letzten Tabel­len­platz und dürfte jede Pause gut gebrau­chen können.
Jeder Spieler weiß, welche enorme Ent­täu­schung die ver­gan­genen Spiele auf den Rängen her­vor­ge­rufen haben. Ich will nicht behaupten, dass jeder gren­zenlos moti­viert ist. Aber wir können diese Spiele nutzen, um aus eigener Kraft die Kurve zu bekommen.

In den sozialen Netz­werken wird nie­mand gerin­geres als Real Madrid für das Finale“ gefor­dert. Ist die Anfrage schon ein­ge­tütet?
(lacht) Nicht dass ich wüßte. Ein End­spiel gegen einen Ost­klub oder einen Verein, zu dem wir eine gute Fan­freund­schaft pflegen, halte ich aber für wahr­schein­li­cher.