Seite 2: „Man baut ein Haus um sich selbst“

Ein schönes Bild.
Ja. Und dann kommt die Power. Ich habe mehr Power, die ich davor lange nicht hatte. Das gibt einem dann das gute Gefühl.

Und mit den Bällen kam auch die Natio­nalelf wieder auf Sie zu.
Vor allem freut mich, dass ich mein mir selbst abge­ge­benes Ver­spre­chen gehalten habe. Im Juli ver­gan­genen Jahres habe ich für mich das Ziel for­mu­liert, jetzt hier bei der EM dabei zu sein und mit dieser Mann­schaft Euro­pa­meister zu werden. Und des­wegen ist für mich die Saison noch nicht beendet. Ich sehe das Ganze und möchte die Spiel­zeit mit maxi­malem Erfolg abschließen. Das heißt: Euro­pa­meister.

Es wird ein paar Mann­schaften geben, die etwas dagegen haben.
Gerade Frank­reich ist stark. Und Spa­nien. Oder nehmen Sie Bel­gien. Wenn man allein die Namen ihrer ersten Elf liest, dann sagt man: Wow. Oder Ita­lien, die keiner auf der Rech­nung hat – und dann werden sie wieder ewig dabei bleiben. Also, es gibt schon ein paar Mann­schaften, die ver­dammt schwer zu schlagen sind. Und wie immer wird ein Außen­seiter dabei sein. Aber ich habe auch das Gefühl, dass der Hunger bei uns extrem aus­ge­prägt ist.

Dabei sagten Sie vorige Woche im Trai­nings­lager noch, Sie ver­suchten, ein biss­chen plan­loser zu werden. Wie meinten Sie das?
Planlos zu sein, ist toll. Weil man mal nicht so über­legt, was kommt, positiv wie negativ. Man sagt das immer so daher, weil es schwierig ist, das jemanden zu erklären. Ich meine, dass kommt ja schnell so yogi-yoga-mäßig rüber. Aber es ist schon so, dass ich in diesem Jahr noch nicht einmal daran gedacht habe, was nächstes Jahr wird.

Ist Ihnen das pas­siert, oder haben Sie sich diese Hal­tung auf­er­legt?
Nein, nicht auf­er­legt. Selbst jetzt, wo es Wech­sel­ge­rüchte gibt, weiß ich noch nicht, wie es wei­ter­geht in der nächsten Saison. Ich will es im Moment auch wirk­lich nicht wissen, es inter­es­siert mich nicht. Ist das zu ver­stehen?

Sie sind Tor­schüt­zen­könig der Türkei. Sie ver­lassen sich auf Ihre Tore?
Mich inter­es­siert jetzt nur die EM. Die Optionen werden dann eh da sein.

Kann es sein, dass Sie das Thema Natio­nal­mann­schaft nicht mehr so per­sön­lich nehmen? Die Ver­let­zungen, das Aus­ge­pfif­fen­werden, das Über­gan­gen­werden?
Wie meinen Sie das?

Bei der EM 2012 haben Sie in der Vor­runde ein Tor gegen Por­tugal und zwei gegen Hol­land geschossen. Anschlie­ßend nahm der Bun­des­trainer Sie aus der Startelf. Sie wirkten ver­gnatzt.
Stimmt, man baut sich so ein Haus um sich selbst herum, man ver­sucht sich selber zu schützen. Damals dachte ich: Ich muss doch spielen! Für mich ging es schon bei der EM 2008 schwierig los, da wurde ein Mega-Hype um mich gemacht. Die Erwar­tungen waren riesig. Dann dieser Fehl­schuss. 2010, nach meinem ersten Jahr bei den Bayern, da hatte ich bei der WM gar kein Spiel und war trotzdem das große Thema. Und 2012, Sie sagen es, war ich nach einer Wahn­sinns-Vor­runde trotzdem der Buh­mann. Ich weiß noch, wie Bas­tian Schwein­s­teiger und ich nach dem Halb­fi­na­laus gegen Ita­lien nie­der­ge­macht wurden. Klar, ich weiß auch, dass das zu unserem Sport dazu­ge­hört. Und ich weiß auch, dass es immer davon abhängt, wie man per­formt. Aber manchmal sieht man sich selber ein biss­chen unge­recht behan­delt.

Ihre Erkenntnis daraus?
Ich weiß heute, 2016, besser als 2014, wie ich das ein­zu­ordnen habe. Ich habe über­haupt nicht mehr das Gefühl, dass mich alle Fans und alle Jour­na­listen mögen müssen. Ich weiß nicht, warum das so ist. Viel­leicht habe ich dieses Gefühl irgend­wann mal auf der Straße liegen gelassen. Es ist weg. Das mag daran liegen, dass es für meine Kar­riere auf die Ziel­ge­rade geht.

Sie sehen das Ende kommen?
Was heißt Ende? Ich mache mir keinen Druck mehr. Es können noch zwei Jahre werden, es können noch fünf Jahre werden. Und wenn es in einem Jahr vorbei ist, dann ist es in einem Jahr vorbei. Ich habe mich davon gelöst.