Seite 2: Keine Vorschriften für Picasso

Luciano Spal­letti hoffte wohl, als er im Januar 2016 erneut das Trai­neramt über­nahm, dass sich das Pro­blem mit seinem mäch­tigen Füh­rungs­spieler gewis­ser­maßen bio­lo­gisch löst. Tottis Körper ist schon seit län­gerem nicht mehr für 90 Minuten aus­ge­legt: Sein linkes Sprung­ge­lenk wird von elf Schrauben zusam­men­ge­halten, nach einem Kreuz­band­riss und diversen Knie­be­schwerden plagen ihn chro­ni­sche Schmerzen in den Ober­schen­keln, die Band­scheiben machen Pro­bleme, in seinem linken Bein steckt ein Stück Eisen.

In der ver­gan­genen Spiel­zeit labo­rierte er unter einer Mus­kel­ver­let­zung, er kam nur in 13 Liga­spielen zu Kurz­ein­sätzen. Doch wenn er sich an der Außen­linie warm­machte, ging ein Raunen durchs spär­lich besetzte Stadio Olim­pico. Wie ein Phantom kam er zum Voll­stre­cken auf den Platz. Und mit all seiner Rou­tine und Intui­tion langte es trotz begrenzter Zeit noch für man­chen Genie­streich. Als wolle er mit jedem Tor, jedem Traum­pass beweisen, dass der pathos­schwan­gere Satz, den Gio­vanni Tra­pat­toni einst über ihn sagte, nach wie vor Gül­tig­keit besitzt: Man kann einem Picasso keine Vor­schriften machen.“ Kein Trainer, kein Spieler, kein Schieds­richter (WM-Final-Referee Nicola Riz­zoli soll von Totti in einem Spiel mehr­fach ange­brüllt worden sein: Leck mich am Arsch!“ Der gedul­dige Unpar­tei­ische zeigte ihm dafür die Gelbe Karte) – und auch nicht das Alter. Warum auch, denken sie sich im Land der Mut­ter­söhn­chen? Den töd­li­chen Pass ver­lernt man doch nicht. Luciano Spal­letti setzte ihn des­halb auch in der lau­fenden Saison behutsam in Szene.

Vom Hei­li­gen­schein zum Schleier

Wenn Fuß­ball­le­genden nicht recht­zeitig auf­hören, ver­lieren sie für die Öffent­lich­keit oft lautlos an Kon­turen. Ihre Aura ver­blasst. Der Hei­li­gen­schein, der den Vete­ranen eben noch umgab, ver­wan­delt sich in einen Schleier, Mit­spieler rücken in den Vor­der­grund, das Schein­wer­fer­licht dimmt langsam runter. Dann erkennt meist auch der sin­kende Stern, dass es Zeit wird, die Bühne zu ver­lassen. Und wenn der Vor­hang fällt, klat­schen alle glück­lich und schenken dem alternden Idol ein aller­letztes Mal ihren Applaus.

Bas­tian Schwein­s­teiger hat gezeigt, wie ein Profi auf cle­vere Weise seine Kar­riere etap­pen­weise run­ter­fährt. Philipp Lahm macht es noch ele­ganter: Er beendet die Lauf­bahn in der Über­zeu­gung, den eigenen Ansprü­chen zukünftig nicht mehr ent­spre­chen zu können – und im Range eines Top­spie­lers.

Gol­dene Brücke

In der ewigen Stadt jedoch gelten andere Gesetze. Der Trubel um den ewigen Totti lappt in Rom nach wie vor über in die Hys­terie, die sonst nur um einen Jung­star tobt. Der greise König hat offenbar nichts von seiner Fas­zi­na­tion ver­loren. In der Pres­se­kon­fe­renz nach dem Kan­ter­sieg gegen Milan Anfang Mai wirkte Coach Spal­letti regel­recht depri­miert: Ich bin belei­digt worden, weil ich Totti in dieser Saison oft nur fünf Minuten ein­ge­setzt habe, heute bin ich belei­digt worden, weil er nicht gespielt hat. Das nächste Mal werden wir die Fans den Kader bestimmen lassen.“ Offenbar ist ihm der Spaß am Job abhanden­gekommen: Es tut mir leid, dass diese Situa­tion ent­standen ist“, so Spal­letti weiter. Könnte ich es rück­gängig machen, hätte ich Roms Trai­ner­bank nie ange­nommen.“

Der Coach sollte besser die Nerven behalten, denn das nicht mehr für mög­lich gehal­tene Ende zeichnet sich ab. Am 28. Mai 2017, so ist es aus­ge­macht, wird Fran­cesco Totti nach dem Spiel gegen CFC Genua 1893 seine Lauf­bahn beenden. Es würde sein 786. Pflicht­spiel für den AS Rom sein. Das Prä­si­dium um den ame­ri­ka­ni­schen Mit­ei­gen­tümer James Pal­lotta hat ihm eine gol­dene Brücke gebaut. Totti soll Tech­ni­scher Direktor an der Seite des neuen Mana­gers Monchi werden. Tottis Ent­de­cker und För­derer Fabio Capello kom­men­tierte Mon­chis Ein­stel­lung, der vom FC Sevilla kommt, bereits wie folgt: Sie haben einen Spa­nier genommen, weil nie­mand in Rom den Mut hat, Totti zu sagen, dass seine Kar­riere zu Ende ist.“ Als Tech­ni­scher Direktor erhält er einen Ver­trag bis ins Jahr 2023, der ihm jähr­lich 600 000 Euro garan­tiert.

786 Spiele

hätte Totti für die Roma auf dem Buckel, wenn er am Sai­son­ende wie geplant abtritt (vor­aus­ge­setzt er kommt nach Redak­ti­ons­schluss in allen Par­tien zum Ein­satz). Mit dann 620 Serie-A-Spielen läge er in der ewigen Bes­ten­liste hauch­dünn hinter Gian­luigi Buffon auf Platz drei. Rekord­spieler ist Milan-Legende Paolo Mal­dini mit 647 Ein­sätzen. Totti erzielte in seiner langen Lauf­bahn bis­lang 307 Plicht­spiel­tore. Mit 250 Serie-A-Tref­fern reicht es für ihn hinter Silvio Piola (274 Tore) in diesem Ran­king zu Platz zwei. Seine Titel­samm­lung ist spär­lich: In 24 Jahren gewann er einen Scu­detto und zwei Mal den Pokal. Ihm reicht es: Eine Meis­ter­schaft in Rom ist wie zehn Titel anderswo.“

Aber wie soll das funk­tio­nieren? Totti, der stolze Ritter der Gras­narbe, ab sofort im Nadel­strei­fen­anzug in den VIP-Logen, bei Ver­trags­ver­hand­lungen und Ban­ketten? Seine Anhänger bezwei­feln, dass dieser Über­gang nahtlos klappt. Seine Geschäfte lässt er seit jeher von Bruder Ric­cardo beackern. Als ihn vor einigen Jahren ein Reporter fragte, was er bei der Roma ver­diene, nuschelte er: Acht oder zehn Mil­lionen Euro, so in etwa, ich weiß nicht genau.“

Totti ist kein Grand Sei­gneur wie Paolo Mal­dini, das Milan-Denkmal, das sogar als bein­harter Ver­tei­diger wirkte, als schlen­dere es im Smo­king über den Opern­platz. Keine sen­sible Künst­ler­type wie Juves fra­gile Sym­bol­figur Ales­sandro Del Piero, der nach unfass­baren Toren oft so fra­gend wie ein Wis­sen­schaftler schaute, der in seinem Labo­ra­to­rium eine bahn­bre­chende Ent­de­ckung gemacht hat.