Charlie Lyon war gerade beim Unkraut jäten im hei­mi­schen Vor­garten im US-Bun­des­staat Washington, als sein Handy läu­tete. Ob er für ein paar Wochen ent­behr­lich sei, fragte der Anrufer, sein Berater. Charlie, gelernter Tor­wart, hatte ohnehin nichts Beson­deres vor. Was auch, in Zeiten der Corona-Pan­demie? Also sagte er zu und über­nahm den ver­mut­lich unge­wöhn­lichsten Job der welt­weiten Fuß­ball­branche: Als Pool-Keeper“ muss Charlie nicht etwa Schwimm­be­cken instand halten. Der 28-Jäh­rige fun­giert wäh­rend des MLS-Meis­ter­schafts­tur­niers in Disney World von Orlando als Standby-Tor­wart: Charlie hält sich ein­fach nur fit und bereit, damit er im Not­fall ein­springen kann. Egal wann, egal in wel­chem Team.

Keine weiten Wege

Sein täg­li­ches Trai­ning bestreitet Charlie Lyon der­zeit mit dem FC New York, weil deren dritter Schnapper“ Brad Struver aus per­sön­li­chen Gründen nicht mit nach Flo­rida gereist war. Doch sobald Charlie von einem anderen Klub ange­for­dert wird, etwa auf­grund von Ver­let­zungen oder Erkran­kungen, wech­selt er den Klub. Weit reisen muss der zuletzt arbeitslos gemel­dete Tor­mann nicht, denn alle noch im Titel­rennen befind­li­chen Mann­schaften logieren inner­halb weniger hun­dert Qua­drat­meter im berühm­testen Frei­zeit­park der Welt. Die Ame­ri­kaner spre­chen von einer Bubble“, einer in sich abge­schlos­senen Blase zum Schutz vor Corona-Anste­ckungen.

Seinen ersten (Beinahe-)Einsatz als Klub-Hopper fei­erte der untreue Charlie am 18. Juli, nachdem er von Spor­ting Kansas City für das Vor­run­den­spiel gegen die Colo­rado Rapids gebucht worden war. Kansas siegte mit 3:2, und Char­lies Weste blieb sauber – er hockte 90 Minuten auf der Bank. Ich hätte kein Pro­blem gehabt, Charlie Lyon im Bedarfs­fall zu bringen“, erklärte Kansas-Trainer Peter Vermes hin­terher. Er ist ein guter Tor­wart, sonst hätte ihn die Liga nicht für diesen Job unter Ver­trag genommen.“

Traumjob: Not­nagel

Die Auf­gabe als Not­nagel ist nichts Neues für Charlie Lyon. Das Eigen­ge­wächs des ehe­ma­ligen Schwein­s­teiger-Klubs Chi­cago Fire spielte mal hier, mal dort: zuerst als Ama­teur in der US-Col­lege-Liga, später bei unter­klas­sigen Pro­fi­teams, aber auch in der MLS – als Reser­vist und Kader-Auf­füller. Mit den Seattle Sounders gewann Charlie 2015/16 den US-Pokal­wett­be­werb, als Ersatz­tor­wart. Seit Anfang 2019 hat der eher durch­schnitt­lich begabte Ball­fänger keinen festen Arbeit­geber mehr. Statt­dessen unter­schrieb er immer wieder Kurz­ver­träge mit der MLS und ver­stärkte deren Tor­wart-Pool, aus dem ver­let­zungs­ge­plagte Ver­eine schon vor Corona schöpfen konnten.