Gerade als die Ange­le­gen­heit sich wieder ein wenig zu beru­higen schien, ja, als es sogar so aussah, als sei das Pro­blem aus­ge­sessen, tauchte das Thema auf einmal wieder Schwarz auf Weiß auf. Und das auch noch mit einer erschüt­ternden Wucht. Schalke 04 und sein Sponsor Gaz­prom. Das ist eine Ver­bin­dung, die viele beim Revier­klub am liebsten nur auf den Geld­fluss beschränken würden. Wäre da nicht die poli­ti­sche Dimen­sion, weil es sich bei Gaz­prom um einen rus­si­schen Staats­kon­zern han­delt, zwangs­läufig der Name Wla­dimir Putin dabei vor­kommt, und das in Zeiten der Ukrai­ne­krise noch einmal beson­ders heikel erscheint. Nun war im Han­dels­blatt von Schalkes Auf­sichts­rats­chef Cle­mens Tön­nies aus­ge­rechnet dies zu lesen: Die Mann­schaft würde gerne einmal den Kreml sehen und inter­es­siert sich für Moskau.“ Der Fleisch­fa­bri­kant deu­tete zugleich einen vagen Zeit­raum an, in dem er sich eine Schalker Reise nach Russ­land vor­stellen könne. Sicher nicht vor der Fuflball-Welt­meis­ter­schaft im Sommer. Zudem hat der Prä­si­dent im Augen­blick viel wich­ti­gere Themen auf der Tages­ord­nung. Es ist jetzt nicht die Zeit dafür“, sagte Tön­nies. Es gehe nicht allein um Putin.

Es geht um Geld. Viel Geld. 600 Mil­lionen Euro

Was in diesen Aus­sagen steckt, wurde wohl auch Tön­nies im Anschluss bewusst. Am Don­nerstag teilte jeden­falls ein Spre­cher seines Unter­neh­mens zu der ange­deu­teten Reise mit, dass es aktuell keine Beschäf­ti­gung mit dieser Frage gibt, da dies auf­grund der aktu­ellen poli­ti­schen Situa­tion nicht ange­bracht wäre.“

Der Verein hatte sich zuletzt, als diese Dis­kus­sionen im März erst­mals geführt wurden, klar in der Frage posi­tio­niert, ob die Pro­fi­mann­schaft einer Ein­la­dung von Prä­si­dent Putin zum per­sön­li­chen Besuch nach­kommen werde. Eine Reise ist nicht geplant“, sagte etwa Vor­stands­mit­glied Horst Heldt, ant­wor­tete aber eher barsch auf die Frage nach der Zusam­men­ar­beit mit dem rus­si­schen Staats­kon­zern Gaz­prom, der seit Sommer 2007 Haupt­sponsor der Schalker ist und jähr­lich 15 Mil­lionen Euro plus Prä­mien bei Erfül­lung sport­li­cher Ziele an den Klub zahlen soll. Wir sind hier doch nicht beim Polit­ba­ro­meter!“ Pikant wird diese Ange­le­gen­heit auch dadurch, dass Tön­nies Putin zu seinen Freunden zählt. Und auf Wunsch des rus­si­schen Staats­chefs soll der 58-Jäh­rige mit seinen Fleisch­werken (mehr als fünf Mil­li­arden Euro Umsatz im Jahr 2013) in Russ­land inves­tieren, wo er Schweine mästen und Ackerbau betreiben will. Es soll sich um ein Gesamt­vo­lumen von 600 Mil­lionen Euro han­deln.

Die Dis­kus­sion um die Ver­bin­dung zwi­schen Spon­soren und Ver­einen ist so alt, solange es den Aus­tausch zwi­schen dem Geld eines Kon­zerns und dem posi­tiven Image eines Ver­eins gibt. Doch die Debatten haben sich spä­tes­tens seit dem Zeit­punkt ver­än­dert, seit dem die Schalker Gaz­prom auf ihrer Brust tragen. Die Debatten um demo­kra­ti­sche Werte und die mora­li­sche Inte­grität des Ener­gie­kon­zerns und die Ver­ant­wor­tung des Ruhr­ge­biets­klubs gegen­über seinen Werten wurden lange Zeit hitzig geführt. Und sind bis heute nie ganz abge­klungen. Einige Fans des Ruhr­ge­biets­klubs haben nie ihren Frieden mit dieser Ver­bin­dung gemacht. Zum Bei­spiel Roman Kolbe. Anfang März hatte sich Kolbe, lang­jäh­riger Anhänger des Klubs und Autor des tra­di­tio­nellen Fan­ma­ga­zins Schalke Unser“, an den Ehrenrat des Klubs gewandt, um grund­sätz­lich prüfen zu lassen, ob eine Reise nach Russ­land mit der Ver­eins­sat­zung zu ver­ein­baren sei.

Doch nicht nur die Schalker ver­ur­sachten mit Gaz­prom zuletzt in der Bun­des­liga grofle Unstim­mig­keiten zwi­schen Verein und den eigenen Fans. Werder Bremen hatte mit der Bekannt­gabe des neuen Spon­sors Wie­senhof im Jahr 2012 eben­falls sein Fan­lager gespalten. Dem Unter­nehmen, das Werder bis zu sechs Mil­lionen Euro jähr­lich über­weisen soll, wird von Tier­schüt­zern unter anderem Tier­quä­lerei vor­ge­worfen. Einige Anhänger reagierten prompt und been­deten ihre Mit­glied­schaft. Auch Grünen-Poli­tiker Jürgen Trittin trat auf­grund dieser Ver­bin­dung als Werder-Bot­schafter zurück und teilte der Öffent­lich­keit mit: Werder-Fans, die diesen Verein über viele Jahre begleiten, die schämen sich für diesen Sponsor.“ Die Ver­eins­ver­ant­wort­li­chen bedau­erten die Aus­tritte und ver­si­cherten, die Pro­duk­ti­ons­stätten per­sön­lich in Augen­schein genommen zu haben. Die hohen Ein­nahmen für den finan­ziell nicht gerade üppig aus­ge­stat­teten Klub dürften auch hier das aus­schlag­ge­bende Argu­ment gewesen sein, um sämt­liche Bedenken zu ver­werfen. Im Februar 2014 ver­län­gerte Bremen den Ver­trag mit dem Unter­nehmen erneut um zwei Jahre.

Mir war das Poli­tikum RB nicht bewusst“

Ein beson­deres Bei­spiel für die völ­lige Ver­schmel­zung von Kon­zern und Sport­verein ist der­zeit das Pro­jekt Rasen­ball­sport (RB) Leipzig. Ein Verein, der im Rahmen der Spon­so­ring­ak­ti­vi­täten des Geträn­keim­pe­riums Red Bull ent­standen ist. Der Klub, der vom Brause­her­steller Diet­rich Mate­schitz finan­ziert wird, ist gerade drauf und dran, in die Zweite Liga auf­zu­steigen. Wie groß die Ableh­nung gegen dieses Pro­jekt bei vielen Fan­grup­pie­rungen ist, das ist kaum zu über­sehen. Eine Reihe von Ver­einen, die gegen RB Freund­schafts­spiele aus­tragen wollten, wurden von ihren eigenen Anhän­gern dazu gezwungen, diese wieder abzu­sagen. Mir war das Poli­tikum RB Leipzig, was viele Fans auch bun­des­weit bewegt, in diesem Mafle nicht bewusst“, sagte der dama­lige Geschäfts­führer der Offen­ba­cher Kickers, Jörg Ham­bückers, im Jahr 2012.

Es geht in dieser Dis­kus­sion um Emo­tionen, Image und die Frage, wie viel Ein­fluss ein Unter­nehmen auf einen Klub nehmen darf. Ein­tracht Braun­schweig führte diese Aus­ein­an­der­set­zung bereits in den sieb­ziger Jahren, als Mäzen und Kräu­ter­li­kör­fa­bri­kant Günter Mast aus dem tra­di­ti­ons­rei­chen BTSV Jäger­meister“ Braun­schweig machen wollte. Auch wenn es vor allem ein genialer Mar­ke­ting­schachzug des Prä­si­denten war, so begann damals die hit­zige Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen den ver­meint­li­chen Polen Tra­di­tion und Kom­merz in der Bun­des­liga. Masts Idee wurde bekannt­lich nicht umge­setzt.

Steig­halter für den Auto­kraten Putin?

Die Schalker sind dagegen eine Part­ner­schaft mit Gaz­prom ein­ge­gangen. Ver­si­che­rungs­ma­the­ma­tiker Kolbe, der viele Schalker Anhänger hinter sich glaubt, von anderen aber als Nest­be­schmutzer ver­un­glimpft wird, argu­men­tierte bei seiner Anfrage im März an den Ehrenrat fol­gen­der­maflen: Wir sollten nicht als Steig­bü­gel­halter für einen Auto­kraten fun­gieren und ihn mit einem Besuch adeln.“ Seitdem war es aller­dings gänz­lich still geworden um das heikle Thema. Offi­ziell wollten sich die Schalker zu diesem Thema nicht äußern. Den­noch: Ver­eins­gre­mium und Kri­tiker hatten offenbar eine im Ver­bor­genen getrof­fene Eini­gung erzielt. Beide Seiten schienen zufrieden zu sein und hielten sich zurück.

Der neue Vor­stoß des Schalker Auf­sichts­rats­chefs dürfte die mora­li­sche Debatte, die seit jeher auch um das Spon­so­re­n­en­ga­ge­ment des rus­si­schen Gaz­prom-Kon­zerns bei Schalke geführt wird, nun wieder anheizen. Tön­nies´ Argu­men­ta­tion: Sollen wir einen Welt­krieg pro­vo­zieren, oder was? Uns ist nicht egal, was Russ­land macht – da haben wir ein hohes Maß an Ver­ant­wor­tung“, sagte er. Aber es wird eine Zeit nach der Krise geben. Wir dürfen nicht alle Bande zer­reiflen.“

Der Verein teilte ges­tern noch einmal mit: Eine Reise nach Russ­land ist defi­nitiv nicht geplant.“