Dieses Spiel kann sich eigent­lich kein Fuß­ball-Lieb­haber ent­gehen lassen: Ein­tracht Frank­furt emp­fängt im Wald­sta­dion den FC Bayern. Es ist das Halb­fi­nale des DFB-Pokals und beide Teams haben bis­lang einen starke Saison gespielt. Die Bayern kon­trol­lieren in der Bun­des­liga das Feld und die Ein­tracht spielt zwar nicht um die Meis­ter­schaft mit, hat sich aber auf Rang vier fest­ge­setzt. Das Hin­spiel in der Bun­des­liga endete 2:2 und auch das 1:1 im Rück­spiel vor vier Wochen brachte keinen Sieger hervor.

Die Bayern wollen anschei­nend Nägel mit Köpfen machen und legen los wie die Feu­er­wehr: Chance um Chance erspielt sich der amtie­rende Meister, die Frank­furter sehen in der gesamten ersten Halb­zeit so gut wie kein Land. Aller­dings treffen die Bayern das Tor nicht und so können sich die leicht schwind­ligen Frank­furter ohne Gegen­treffer in die Pause retten.

Die zweite Halb­zeit – Dra­matik pur

In der Kabine gelingt es Trainer Diet­rich Weise dann aber, seine Mannen aus der Lethargie zu holen. Voller Elan kommt die Ein­tracht aus der Kabine, die Beloh­nung für die Mehr­an­stren­gung lässt nicht lange auf sich warten. Bernd Höl­zen­bein erzielt nach fünf Minuten die Füh­rung. Das ärgert die Bayern zwar maßlos, erschüt­tert aber nicht ihr Grund­ver­trauen in die eigene Stärke. Inner­halb von zwei Minuten hauen Hoeneß (60.) und Breitner (62., Elf­meter) den Ball in die Maschen und drehen das Spiel. Nur drei Minuten später erhält Jürgen Gra­bowski die Chance zum Aus­gleich per Elf­meter, schei­tert aber an Sepp Maier. Wie­derum drei Minuten später macht Thomas Rohr­bach diese ver­ge­bene Chance schnell ver­gessen und gleicht doch noch aus. Dra­ma­tur­gisch wert­voll sollte es wei­ter­gehen: beide Mann­schaften drängen auf den Sieg, bis der Schieds­richter in der 90. Minute aber­mals auf den Elf­me­ter­punkt zeigt. Höl­zen­bein war in einer alles andere als ein­deu­tigen Szene zu Boden gegangen.

Psy­cho­krieg zum großen Finale

Nachdem Gra­bowki schon ver­schlossen hatte, legt sich nun Jürgen Kalb den Ball zurecht. Aller Druck lastet jetzt auf seinen Schul­tern, doch er muss sich noch etwas gedulden. Denn die Bayern-Spieler schimpfen wie die Rohr­spatzen, wollen sich nicht mit dieser ver­meint­li­chen Unge­rech­tig­keit abfinden und schießen ein­fach mehr­mals den Ball weg. Eine Taktik, die ver­blüf­fend erfolg­ver­spre­chend anmutet. Natür­lich hilft aller Pro­test letzt­end­lich nichts und Kalb legt sich den Ball aber­mals auf den Punkt. Auf­tritt Sepp Maier: Das bay­ri­sche Urge­stein geht auf Kalb zu, streckt ihm die Hand ent­gegen und for­dert den Schützen heraus: Ich wette, ich halt den Ball“. Doch Kalb ist kon­zen­triert bis in die Haar­spitzen, er scheint Maier gar nicht richtig wahr­zu­nehmen. Sein Mann­schafts­ka­merad Roland Weidle will sich diese Chance aber nicht ent­gehen lassen und läuft aus dem Hin­ter­grund herbei. Selbst­be­wusst schlägt der Frank­furter Offen­siv­mann ein: 50 Mark“ sind es in der Erin­ne­rung von Jürgen Kalb, Weidle selbst meint sich eher an eine Kiste Bier oder so etwas“ ent­sinnen zu können.

Wett­schulden sind Ehren­schulden – oder auch nicht

Kalb hat nun die Ent­schei­dung auf dem Fuß, er schießt, und Maier ist noch dran. Der Ball prallt gegen den Innen­pfosten und dann ins Tor, das Spiel wird nicht mehr ange­pfiffen. Die Bayern können sich ver­ständ­li­cher­weise sehr schlecht mit der Nie­der­lage abfinden, reden auch nach dem Schluss­pfiff weiter fuchs­teu­fels­wild auf den Schieds­richter ein. Das ver­schreckt anschei­nend auch Wett­ge­winner Weidle, der sich später nicht in die Kabine der Mün­chener traut, um die sein Geld ein­zu­for­dern. Dabei ist das Ver­hältnis zwi­schen den beiden Mann­schaften eigent­lich nicht so schlecht, Roland Weidle erin­nert sich: Wir sind mit den Bayern damals nach den Spielen zwei, drei Mal geschlossen auf das Okto­ber­fest gegangen. So hat man dann die Spieler etwas per­sön­li­cher ken­nen­ge­lernt, da gab es auch das ein oder andere Wort mit Sepp Maier“. 

An diesem 13. April 1974 ist mit den Mün­che­nern aber nicht mehr gut Kir­schen essen und es gibt wohl nichts auf der Welt, auf das der gran­telnde Sepp Maier an diesem Abend weniger Lust hat, als seine Wett­schuld zu beglei­chen.