Die moderne Fuß­ball­kultur hat für jeden Anhänger die pas­sende Pro­test­form. Es gibt: Initia­tiven gegen Ras­sismus, gegen Dis­kri­mi­nie­rung, gegen Kom­mer­zia­li­sie­rung, gegen Even­ti­sie­rung, gegen die Kri­mi­na­li­sie­rung von Fans, gegen Sta­di­on­ver­bote, pro Pyro­technik, pro Sozi­al­ro­mantik, pro 15:30 Uhr, pro Steh­plätze. Dazu die pas­senden Ven­tile: Plena, Kol­lo­quien, Klau­sur­ta­gungen, Demons­tra­tionen, Dis­kus­si­ons­abende, Sitz­blo­ckaden, Steh­pro­teste. Welche andere Sub­kultur kann gegen dieses man­nig­fal­tige Angebot anstinken?

Alle diese Initia­tiven sind zwei­fels­ohne wichtig, und den­noch darf zumin­dest leise bezwei­felt werden, inwie­fern etwa die Sozi­al­ro­man­tiker oder die Pyro­tech­niker in der heu­tigen Liga­land­schaft Erfolg haben werden. Der Fuß­ball mit­samt seinen Ver­bänden scheint zu weit vor­aus­ge­eilt, er hat keine Zeit mehr zu pau­sieren und zu fragen, ob der strikt geplante Event­zirkus unter Umständen das Spiel und die Fan­kultur kaputt macht. Und er wird auch in der kom­menden Saison kein Inter­esse daran haben, die für ihn anar­chisch anmu­tende Pyro­technik zu erlauben. Warum auch? Die geord­nete Fan-Emo­tion, quasi die Stim­mung für die ganze Familie, sehen wir an jedem Spieltag in Form von Cho­reos und bunten Ban­nern. Sie tut nie­mandem weh und kann von den Klubs guten Gewis­sens als atmo­sphä­ri­sche Größe in die Gesamt­idee Arena“ ein­kal­ku­liert werden.

Anders ver­hält es sich da bei Kein Zwanni für nen Steher“, einer Initia­tive, die bis­lang eher im Kleinen und im Hin­ter­grund wirkte und die im Grunde die Basis für alle genannten Inter­es­sen­gruppen bildet. Denn so banal es klingt: Auch wenn sich all die Initia­tiven als so etwas wie eine außer­par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­tion ver­stehen, brau­chen ihre Anliegen Prä­sens. Und was nützt das Plenum im dunklen Ver­eins­heim oder der Fan­stand in der Innen­stadt, wenn man dort nur von einem ver­schwin­dend kleinen Teil der Fuß­ball­schaf­fenden gesehen wird? Der Weg zur Ver­bes­se­rung der Fan- und Fuß­ball­kultur führt immer noch über, genau, das Sta­dion.

Boy­kott­emp­feh­lung für das Spiel BVB gegen den HSV

Ins Leben gerufen von zwei BVB-Fan­klubs vor dem Revier­derby im Sep­tember 2010, haf­tete Kein Zwanni für nen Steher“ einige Wochen das Image an, dem ver­hassten Rivalen ans Bein pin­keln zu wollen (das Spiel auf Schalke wurde damals auf­grund der zu hohen Steh­platz­preisen von meh­reren tau­send BVB-Fans boy­kot­tiert). Dabei ver­steht sich Kein Zwanni für nen Steher“ aus­drück­lich als ver­eins­über­grei­fende Initia­tive und vor allem – und das ist der sprin­gende Punkt – als lösungs- und nicht kon­flikt­ori­en­tierter Ansatz. Hieß es also bei den anonym auf­tre­tenden Sozi­al­ro­man­ti­kern auf St. Pauli zuletzt Die Zeit der Gespräch ist vorbei“, wünscht man hier aus­drück­lich den Dialog. Wie der aus­sieht, deu­tete sich vor einer Woche an, als die Initia­tive eine Boy­kott­emp­feh­lung für das Aus­wärts­spiel von Borussia Dort­mund beim Ham­burger SV aus­spre­chen wollte, weil das Spiel in die Kate­gorie A ein­ge­stuft wurde, und der bil­ligste Steh­platz somit 19 Euro zuzüg­lich Gebühren kosten sollte. Doch die Initia­tive sieht nun von einem Boy­kott ab. 

Wir ver­zich­teten auf die Boy­kott­emp­feh­lung, weil der Vor­stand des HSV das Signal zum Dialog gab“, sagt Daniel Lör­cher, einer der Initia­toren von Kein Zwanni für nen Steher“. Es ist ein erster großer Erfolg, dass wir von den Ver­einen als Initia­tive aner­kannt werden.“ Das Signal heißt: Der Vor­stand des HSV erklärte sich bereit, vor dem besagten Spiel mit Daniel Lör­cher und seinen Mit­strei­tern zu spre­chen.

HSV-Vor­stands­mit­glied Oliver Scheel, früher selbst füh­rendes Mit­glied der Fan­or­ga­ni­sa­tion HSV-Sup­por­ters, weist den­noch darauf hin, dass man die Ein­tritts­preise in dieser Saison nicht mehr senken könne, schließ­lich hätten bereits Anhänger von anderen Klubs die fest­ge­setzten Preise gezahlt – eine Gleich­be­hand­lung wäre dem­nach nicht mehr gegeben –, zudem hätte der HSV mit bestimmten Preisen kal­ku­liert. Den­noch sei man gesprächs­be­reit. Den Ansatz kann ich nach­voll­ziehen und halte ihn auch für über­den­kens­wert“, sagt Scheel. Wir sind als Verein jeden­falls daran inter­es­siert, dass die Kar­ten­preise für Fans, ins­be­son­dere für Gäs­te­fans, sen­sibel gestaltet werden. Natür­lich auch, weil wir selbst eine große Aus­wärts­fan­ge­meinde haben.“

Bayern-Fans müssen immer Top­zu­schlag zahlen – auch in Frei­burg

Scheel spricht damit das große Dilemma von Zuschauern an, die als Fans von soge­nannten Bun­des­liga-Top­klubs durch die Repu­blik tin­geln. Anhänger von Borussia Dort­mund, Bayer Lever­kusen oder dem HSV müssen über­wie­gend Zuschläge für ihre Tickets zahlen, und die Bayern-Sup­porter, ganz egal, wo ihr Klub gerade steht, werden bei 17 von 17 Aus­wärts­spielen geschröpft. Dabei ist für sie eine Partie in Frei­burg alles andere als ein Top­spiel“, erklärt Marc Quam­busch, eben­falls Initiator von Kein Zwanni für nen Steher“.

Dass auch der HSV von den Fans gele­gent­lich ein biss­chen mehr als Mehr ver­langt, ist kein Geheimnis. Vor etwa zwei Jahren führten wir vor dem Spiel gegen Werder Bremen die Kate­gorie A+ ein. Damals mussten die Fans knapp 100 Euro für die teu­erste Karte zahlen. Das Spiel war nicht aus­ver­kauft und es gab massig Kritik. Wir mussten ein­sehen: Der Preis war über­zogen“, sagt Scheel. Für die Partie gegen den FC Bayern im Oktober 2010 wurde die Kate­gorie den­noch reak­ti­viert. Und die Zahlen gaben den Öko­nomen im Klub recht: Das Spiel war aus­ver­kauft. Heißt ein Klub die Preise vor dem Hin­ter­grund der guten Ein­nahmen ohne Wim­pern­zu­cken richtig? Es werden zumin­dest Alter­na­tiven ange­spro­chen. Eine Idee wäre es tat­säch­lich zu sagen: Bei einem Kate­gorie-A-Spiel zahlen Aus­wärts­fans fortan den Preis für Kate­gorie B. Aller­dings bedarf so eine Ent­schei­dung einen gewissen Vor­lauf. Das heißt: Gespräche mit den eigenen Anhän­gern, ob so eine Lösung akzep­tabel wäre, und natür­lich auch im Vor­stand“, sagt Scheel.

Die posi­tiven Zei­chen von­seiten eines Bun­des­li­ga­vor­stands nehmen Lör­cher und Quam­busch sowohl mit in die heu­tige Partie des BVB beim FC Bayern, bei dem es einen Info­stand fern jeder sport­li­chen Riva­lität geben wird, als auch in das Gespräch mit DFL-Chef Rain­hard Rau­ball, das dem­nächst statt­finden soll. Dass sol­cherlei Öffent­lich­keit und ein wirk­lich statt­fin­dender Aus­tausch und das Han­deln auf hohen Ebenen – fern von Lip­pen­be­kennt­nissen – drin­gend not­wendig sind, zeigen die Ent­wick­lungen in Ita­lien und Eng­land. Tom Bender von der DFL sagte zwar vor der Saison 2010/11, dass es in Deutsch­land eine Ent­wick­lung wie in Eng­land nicht geben würde und man den Bun­des­liga-Klubs zu ihrer mode­raten Preis­po­litik nur gra­tu­lieren“ könne, doch hat es auch hier seit 2000 de facto eine Preis­stei­ge­rung von etwa 50 Pro­zent gegeben. Auch birgt der ewige Blick auf die großen euro­päi­schen Ligen die Gefahr, jedes Preis­ni­veau mit einem Ver­weis auf jene Ligen zu legi­mi­tieren. Getreu dem Motto: Solange man stets ein wenig unter den Levels der Pre­mier League bleibt, ist alles in Ord­nung.

Arsenal sprengte im November 2010 die 100-Pfund-Marke

Die ita­lie­ni­sche und die eng­li­sche Liga glei­chen in punkto Fan­kultur Wan­de­rungen durch trost­lose Sied­lungen. In der Serie A hat man etwa kürz­lich einen Zuschau­er­schwund von über 25 Pro­zent seit 1996 fest­ge­stellt, nach außen wird dies an den Skan­dalen und dem wenig attrak­tiven Fuß­ball fest­ge­macht. Dass man in Mai­land aller­dings kaum noch ein Ticket unter 50 Euro bekommt und auf den guten Rängen gerne mal über 100 Euro pro Partie ble­chen muss, wird unter den Tisch gekehrt.

In Eng­land haben wir ein ähn­li­ches Bild. Dort gab es zwar 2007 die Kam­pagne Cut the price of Footie“, die gegen die hohen Preise von Ein­zel­ti­ckets pro­tes­tierte (die damals mit­unter vier mal so hoch waren wie auf dem Rest des Kon­ti­nents) und von etli­chen Fan­gruppen ver­schie­dener Ver­eine getragen wurde. Nachdem die Zei­tung Sun“ das Anliegen auf­griff, lenkten einige Ver­eine sogar kurz­zeitig ein. Doch was ist geblieben? Im November 2010 konnte der FC Arsenal ver­künden, dass erst­mals in der Geschichte des eng­li­schen Fuß­balls die 100-Pfund-Marke (115 Euro) für ein Spiel gesprengt wurde. Und vier Monate zuvor musste Man­chester United ein­ge­stehen, seit langer Zeit nicht alle Dau­er­karten ver­kauft zu haben. Einige sahen den Pro­test gegen die Klub­be­sitzer als Grund, andere führen aber auch die jähr­lich stei­genden Ticket­preise an.

Fuß­ball ist in der Pre­mier League kein Spiel mehr für Alle


Eine Folge der Preis­trei­berei, die von Ver­einen und Ver­bänden bis dato scheinbar nicht als Pro­blem gesehen wurde, wäre die Über­al­te­rung der Fan­struktur. Nun könnte man meinen, die Klubs hätten eh nur Inter­esse an gedie­genen Fans, bringen sie doch das Geld ins Sta­dion und geben sich meist weniger kri­tisch als die Jungen – einen orga­ni­sierten Pro­test pro Pyro­technik von Ü‑40-Herren mag man sich nicht richtig vor­stellen können. Doch was ist mit der kal­ku­lierten Stim­mung im Rahmen des Kon­zepts Arena“? Selbst die würde weg­bre­chen. Und am Ende gliche die Bun­des­liga nicht mal mehr einer trost­losen Sied­lung, sie wäre Brach­land. Eines ist gewiss“, sagt Quam­busch, ein 20-Jäh­riger, der nicht zum Fuß­ball geht, wird nicht mit 40 Jahren sagen: ›Jetzt habe ich wieder Geld und gehe hin.‹“

In Eng­land stellte Mal­colm Clarke, Geschäfts­führer der Foot­ball Sup­por­ters‘ Fede­ra­tion, übri­gens kürz­lich mal wieder fest: Fuß­ball ist kein Spiel mehr für Alle.“ Kein Geheimnis, keine große Erkenntnis – und doch schwebt der Satz dieser Tage, da sich die Bun­des­li­ga­ver­eine Gedanken über die Preis­ge­stal­tung für die kom­mende Saison machen müssen, wie ein Mahnmal über den Taschen­rech­nern.