Eigent­lich hätten sie im Sommer 1995 auf­hören müssen. Damals, ihr Klub spielte noch im Park­sta­dion und in der Nord­kurve standen Nazis, lan­deten sie ihren größten Scoop. Sieben junge Männer betraten das Gelände von Mer­cedes Lueg“ in Dort­mund, oder wie sie sagen würden, in der ver­bo­tenen Stadt“. Sie kamen mit einem Blu­men­strauß und gaben sich gegen­über dem Pförtner als glück­se­lige BVB-Fans aus. Die Sieben erklommen den par­kenden Meis­tert­ruck, zogen die Hosen her­unter und zeigten dem Erz­ri­valen den nackten Hin­tern. Das Beweis­foto erschien in Aus­gabe 7 von Schalke Unser“, als eher unero­ti­sches Ero­tik­poster“. Den gebrauchten Blu­men­strauß erhielt der Pförtner, für seine Frau.

Den Nazis wollten sie die Nord­kurve nicht über­lassen

Trotz des Scoops haben die jungen Männer von damals wei­ter­ge­macht, gerade wegen der Nazis, denen man die Nord­kurve kei­nes­falls über­lassen wollte, und so sitzen sie an einem warmen Som­mertag auf einer Dach­ter­rasse in der Gel­sen­kir­chener Fuß­gän­ger­zone. Prak­ti­scher­weise hat einer von ihnen eine zum Schalke-Museum mutierte Eta­gen­woh­nung. An den Wänden hängen signierte Hand­schuhe von Manuel Neuer, Tickets aus dem Giu­seppe-Meazza-Sta­dion und Fotos von einer Mol­da­wi­en­tour. In einer Ecke steht lebens­groß Rudi Assauer, als Papp­figur für eine Pils­wer­bung.
Die Macher von Schalke Unser“ trinken eng­li­sches Dosen­bier und fran­zö­si­schen Kräu­ter­likör, wäh­rend sie über das Jubi­lä­ums­heft reden: die Nummer 75. Seit der ersten Aus­gabe sind mehr als 18 Jahre ver­gangen, und die meisten Redak­ti­ons­mit­glieder gehören inzwi­schen zur Ü 50-Frak­tion.

Über­haupt stammen sie aus einer anderen Zeit, als der Fuß­ball noch ein schmud­de­liges Image hatte und Dau­er­karten kein Sta­tus­symbol des Bil­dungs­bür­ger­tums waren. Es hat sich viel geän­dert seither, auch Fan­zines haben im modernen Fuß­ball ihre Bedeu­tung ver­loren. Blogger besitzen inzwi­schen die Deu­tungs­ho­heit, weil man übers Internet schneller und ohne große Kosten die Leser im ganzen Land errei­chen kann. Das gedruckte Fan­ma­gazin ist eigent­lich nicht mehr von­nöten, doch Schalke Unser“ trotzt dem Trend. Alle drei Monate werden immer noch 6000 Hefte ver­kauft, in Spit­zen­zeiten waren es sogar 8000. Inhalt, Optik und Haptik sind in all der Zeit unver­än­dert geblieben. Eine popu­läre Serie hieß: Die schönsten Skan­dale auf Schalke“, das resul­tie­rende Buch Die Spitze des Eich­bergs“. Zu den treu­esten Käu­fern zählen tra­di­tio­nell die Geschäfts­stellen-Mit­ar­beiter. Was ist das Geheimnis dieses son­der­baren Blatts?

Der Heft­ver­käufer kommt sich vor wie ein Zeuge Jehovas

Ich bevor­zuge die schrägen Themen“, sagt Michael Jer­mann, einer der Köpfe des Maga­zins. Der 53-Jäh­rige arbeitet als Lehrer an einem Berufs­kolleg in Dort­mund und ist der per­so­ni­fi­zierte Wider­haken im Soziotop Schalke. Er hat das Heft zuerst nur ver­kauft, bis er von den anderen in der Redak­tion als Texter zwangs­re­kru­tiert wurde. Wer an einem Fan­zine mit­ar­beitet, muss ebenso viel­seitig ein­setzbar sein wie ein Spieler von Lucien Favre.
Der Heft­ver­kauf ist Jer­manns Pas­sion geblieben, in heißen wie in kalten Tagen. Neu­er­dings steht er aber immer häu­figer vor dem Gäs­te­block und kommt sich vor wie ein Zeuge Jehovas. Er muss den Sta­di­ongän­gern erklären, was er da in der Hand hält. Es ent­spricht dem iro­ni­schen Gestus, dass er sein Heft in sol­chen Fällen als Wach­turm“ anpreist. Nur bei Nürn­ber­gern, Frank­fur­tern und Frei­bur­gern kann er darauf ver­zichten, die kennen so was noch beim eigenen Verein.

Das A 5‑Heft hat sich seine Quer­ver­weise zur Pop­kultur bewahrt. Auf dem Titel der April­aus­gabe etwa ist ein adap­tierter Dis­ney­comic abge­bildet. Donald Duck sagt: Die ganze Kohle ist weg, Dago­bert!“ Der ant­wortet: Schätze, die haben das Geld für die neue Dau­er­karte abge­bucht.“ Das Klima zwi­schen dem Klub und den Fans, die über ihn schreiben, war immer ein spe­zi­elles.

Die sieben Männer und die eine Frau, die zum Kern­team gehören, haben sich ihre Glaub­wür­dig­keit bewahrt und sich auch von Straf­pre­digten der Ver­eins­füh­rung nicht beein­dru­cken lassen. Nach ihrer Anti-Möller-Aus­gabe“ im Herbst 2000 hatte sie Manager Assauer ins Klub­lokal bestellt und mahnte: Nicht mehr so viel Scheiße schreiben!“ Mit Möller spra­chen sie dann ein Heft später über die Beweg­gründe seines Wech­sels, seine pro­le­ta­ri­sche Her­kunft und über den Holo­caust. Er war das offenste Inter­view, das er jemals gegeben hat.

Gaz­prom? Wir konnten uns die Mafia vom Hals halten!“

Als Gaz­prom auf Schalke Sponsor wurde und andere Fan-Initia­tiven groß­zügig bedachte, igno­rierten sie den Geld­segen bewusst. Wir konnten uns die Mafia vom Hals halten, der Klub konnte das leider nicht“, sagt Michael Jer­mann. Bis heute annon­ciert immer noch die Piz­zeria Milano, ihre Drit­tel­seite kostet 60 Euro.

Was sich ver­än­dert hat? Früher saßen sie mit einem Spieler zwei Stunden alleine in der Geschäfts­stelle. Heute ist ein Ver­eins­mit­ar­beiter dabei und zeichnet das Gespräch auf. Die Folge: Als Ver­tei­diger Hans Sarpei launig vom Schnaps­trinken erzählte, kor­ri­gierte er sich nach einem Sei­ten­blick – auf Malz­bier. Das Heft hat jedoch schon hef­ti­gere Stürme über­standen als leicht weich­ge­spülte Inter­views, nament­lich: Felix Magath. Zwei Jahre lang hatte Schalke Unser“ gegen die magat­hösen Ver­hält­nisse“ ange­schrieben, trotz eines dro­henden Ver­kaufs­ver­bots. Sie machten auch öffent­lich, dass die Magath-Mit­ar­beiter auf der Geschäfts­stelle als Besat­zungs­macht“ fir­mierten. Doch im Gegen­satz zum Fan­be­auf­tragten, der gehen musste, durften die Fan­zine-Macher bleiben.

Den­noch ergeht es dem Fan­zine wie Schalke nach der Magath-Malaise: Es steht vor dem Umbruch, gezwun­ge­ner­maßen. Der kri­ti­sche Bei­trag zu den Dau­er­karten ver­hallte unge­hört, trotz des lus­tigen Comics. Die Fan­zine­ve­te­ranen haben jetzt erst­mals ein paar Blogger ange­spro­chen. Und sogar der nim­mer­müde Michael Jer­mann stieß zuletzt beim Publikum an seine Grenzen. Als er das Heft mit Titel­held Raul in die Luft reckte, stutzte einer der vor­bei­lau­fenden Fans und sagte nach kurzem Nach­denken: Oha, der Jogi Löw!“