Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #229. Das Heft ist hier bei uns im Shop erhält­lich.

Das bedeu­tendste Tur­nier in der Geschichte des DDR-Fuß­balls war gerade ein paar Stunden alt, da stand Man­fred Ewald pol­ternd vor zer­knirschten Natio­nal­spie­lern. Der Prä­si­dent des Deut­schen Turn- und Sport­bundes hatte zum Auf­takt des olym­pi­schen Fuß­ball­wett­be­werbes 1976 ein tor­loses Unent­schieden zwi­schen der DDR und Bra­si­lien gesehen, und nun drohte er damit, den ganzen Kader, der eine Schande für das Land war“, noch vor dem zweiten Grup­pen­spiel nach Hause zu schi­cken. Die Spieler wussten natür­lich, dass das nicht ging, aber es war trotzdem kein Spaß, den mäch­tigsten Mann im ost­deut­schen Sport derart wütend zu sehen. 

Es half auch nichts, sich zu sagen, dass Ewald von Fuß­ball keine Ahnung hatte und wohl nicht mal wusste, wel­chen Ruf bra­si­lia­ni­sche Kicker genossen, selbst wenn es sich nicht um die erste Garde han­delte. Schließ­lich war den DDR-Spie­lern selbst klar, dass dies hier böse in die Hose gehen konnte. Erst vor einem Jahr hatten sie durch eine uner­klär­liche Nie­der­lage auf Island die Qua­li­fi­ka­tion zur EM ver­schenkt. Nicht zuletzt des­halb war Trainer Georg Buschner mit einem jungen Kader nach Kanada gereist, in dem aus ver­schie­denen Gründen – dar­unter auch poli­ti­sche – vier der fünf besten Tor­jäger der abge­lau­fenen Ober­li­ga­saison fehlten. In vielen Län­dern, die an Olympia teil­nahmen, wäre all das kein Pro­blem gewesen. Die west­li­chen Nationen durften ihre Profis nicht melden und betrach­teten das Tur­nier daher als Tum­mel­platz für Talente. Doch hinter dem Eisernen Vor­hang zählte nichts mehr als Edel­me­tall bei Olympia, egal in wel­cher Sportart.

Nicht Fuß­ball spielen, son­dern treten, treten, treten“

So mussten sich die DDR-Spieler stei­gern, und das taten sie auch. Von vier Geg­nern umringt schoss Libero Hans-Jürgen Dixie“ Dörner vier Tage später in Mont­real das Tor gegen Spa­nien, das seine Elf ins Vier­tel­fi­nale brachte. Spiel­struk­tu­rell erneut weit unter den Anfor­de­rungen“, grum­melte Die Neue Fuß­ball­woche“, was durchaus stimmen kann, wenn man sich vor Augen hält, dass Hartmut Schade bei seiner Ein­wechs­lung von Buschner die Anwei­sung bekam: Nicht Fuß­ball spielen, son­dern treten, treten, treten.“ 

Doch schon das nächste Spiel brachte das erste High­light, ein 4:0 in Ottawa gegen die Fran­zosen um den jungen Michel Pla­tini. (Die sich aller­dings selbst dezi­mierten, als zwei Spieler so forsch gegen einen Elf­me­ter­pfiff pro­tes­tierten, dass beide vom Platz gestellt wurden.) Eine Medaille war jetzt in greif­barer Nähe, doch an Gold dachte noch nie­mand, schließ­lich ging es nun gegen die Sowjet­union um Oleg Blochin, eine Mann­schaft, die fast gleich­be­deu­tend mit Dynamo Kiew war. Doch Dörner brachte die DDR vom Elf­me­ter­punkt in Füh­rung, und Lothar Kurb­ju­weit nutzte einen schweren Abwehr­fehler zum zweiten Treffer. Kurz zuvor hatte Wolfram Löwe mit einem Kopf­ball aus sechs Metern nur die Latte getroffen, es war also ein ver­dienter Erfolg. 

Nur zwei Tage später machte die DDR den uner­war­teten Tri­umph kom­plett und besiegte vor 72 000 Zuschauern im Olym­pia­sta­dion von Mont­real auch den WM-Dritten Polen. Schade und Martin Hoff­mann trafen zur frühen 2:0‑Führung, Rein­hard Häfner schloss sechs Minuten vor dem Ende einen Konter zum 3:1 ab. Wir sind Olym­pia­sieger“, titelte die FuWo“ fast ungläubig. Und einmal, ein ein­ziges Mal war Man­fred Ewald zufrieden mit seinen Fuß­bal­lern.