Dieser Zettel hat über mein Leben ent­schieden“, sagt René Müller und tippt auf das Blatt Papier. Wir sitzen in der Geschäfts­stelle des 1. FC Nürn­berg, Mül­lers Arbeit­geber im Herbst 2009. Müller erzählt eine Geschichte aus dem Sommer 1984. Seine Geschichte. Vor 25 Jahren hängt seine Kar­riere als Fuß­ball-Tor­wart, seine Zukunft als Bürger der DDR am sei­denen Faden.



Vor Müller liegt ein simpler Brief, adres­siert an Egon Krenz, den ZK-Sekretär der SED. Abge­schickt am 9. Juli 1984. Es geht um den Sports­freund René Müller“, zu diesem Zeit­punkt Tor­hüter des 1. FC Loko­mo­tive Leipzig und Aus­wahl­tor­wart der DDR-Natio­nal­mann­schaft. Einer der besten Schluss­männer der Welt. 25 Jahre jung, im besten Alter. Briefe in sol­cher Form, können in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik Exis­tenzen zer­stören. Doch nicht das Schrift­stück, das René Müller in seinen Händen hält. Dieses Doku­ment hat sein Leben geleitet und bestimmt. Hat ihm die Zukunft gesi­chert, das Leben bewahrt. Und bis heute kann René Müller nicht sagen, warum.

Solche Briefe können Exis­tenzen zer­stören

Rück­blick. Im Juli 1984 befindet sich die Natio­nal­mann­schaft der DDR im Rahmen einer Test­spiel­reise in Schweden. Nach einem Spiel am 7. Juli erreicht der Aus­wahl­tross um 1.30 Uhr die Unter­kunft in Trosa. Dele­ga­ti­ons­leiter Dieter Fuchs wird durch zwei Genossen der Bot­schaft in Emp­fang genommen. Fuchs hört eine erstaun­liche Nach­richt: Tor­wart René Müller wird der geplanten Repu­blik­flucht ver­däch­tigt. Wenige Tage zuvor hatte Müller Fuchs noch vom geplanten Hausbau in seiner Hei­mat­stadt Leipzig berichtet. Warum sollte ein Mann, der sich ein eigenes Haus bauen will, das Land ver­lassen? Der Dele­ga­ti­ons­leiter ist ver­wirrt, doch die Anwei­sungen des DDR-Kon­su­lats sind ein­deutig. Gemeinsam mit seinem Stell­ver­treter Volker Nick­chen bewacht Fuchs in der Nacht den Kor­ridor, auf dem sich das Zimmer von Müller befindet.

Der nächste Tag beginnt für Hans Richter, Mat­thias Lie­bers und ihren Mann­schafts­kol­legen vom 1. FC Lok Leipzig, René Müller, sehr früh. Wäh­rend die Kol­legen früh­stü­cken, sind die drei Leip­ziger bereits auf dem Weg in die Heimat. Ihr Verein brauche sie, wird ihnen gesagt. Lok habe angeb­lich zu viele Ver­letzte, als dass auch noch die Natio­nal­spieler fehlen könnten. Eine glatte Lüge. In Wahr­heit ver­sucht das Kon­sulat in Absprache mit der DDR-Füh­rung, den Sports­freund René Müller“ klamm­heim­lich von der Natio­nal­mann­schaft zu ent­fernen, um den frei erfun­denen Flucht-Vor­würfen ein Fun­da­ment zu bieten. Richter und Lie­bers begleiten unge­wollt als Tar­nung den völlig arg­losen Tor­hüter auf seiner Heim­reise. Müller wird von Lok-Klub­chef Peter Gießner zu seinen Schwie­ger­el­tern nach Bad Düben gebracht.

Ein Flucht­vor­wurf, völlig frei erfunden

Am nächsten Morgen steht der Tor­hüter mit seinen beiden Kol­legen auf dem Trai­nings­platz und fragt sich ernst­haft nach den Gründen für die eilige Rück­hol­ak­tion. Denn nicht ein ein­ziger Mit­spieler ist krank oder ver­letzt. Erst nach dem Trai­ning nimmt ihn Karl Zim­mer­mann, Gene­ral­se­kretär des Deut­schen Fuß­ball-Ver­bandes, zur Seite. Und klärt ihn auf.


Werter Genosse Krenz!
Am Sonn­abend früh, gegen 8.00 Uhr, wurde ich vom Genossen Horst Ger­lach, Minis­te­rium für Staats­si­cher­heit, ange­rufen. Er teilte mir mit, daß der Ver­dacht bestünde, daß der Sports­freund René Müller, Tor­wart unserer Natio­nal­mann­schaft, die gegen­wärtig in Schweden weilt, die Absicht habe, die Repu­blik zu ver­raten […]


Müller ist empört. Er ahnt nicht, dass zur selben Zeit Stasi-Mit­ar­beiter seine Eltern ver­hören und nach den Beweg­gründen der Flucht ihres Sohnes fragen. Erst 1992, kurz vor seinem Tod, erzählt Mül­lers Vater seinem Sohn von dem Verhör. Im Juli 1984 steht die steile Kar­riere des so talen­tierten Tor­hü­ters kurz davor, beendet zu werden. Eine Kata­strophe für den Fuß­baller, der sein Leben bis zu diesem Zeit­punkt kom­plett dem Sport ver­schrieben hat. Im selben Monat plant Mül­lers Hei­mat­verein ein Freund­schafts­spiel im Iran. Die Spieler, für die Reisen ins Aus­land Fest­tage sind, fie­bern dem exo­ti­schen Besuch schon seit langer Zeit ent­gegen. Ob René Müller mit im Flieger in den Iran sitzen wird, ist zu diesem Zeit­punkt mehr als frag­lich.

Die Kar­riere des Welt­klasse-Tor­wart steht vor dem Aus

Als Fuß­baller wäre ich tot gewesen“, sagt Müller. Heute ist er sich sicher, dass Erich Mielke hinter der geplanten Aktion steckte. Der Stasi-Chef, dessen liebstes Spiel­zeug der BFC Dynamo aus Berlin war. Mitte der acht­ziger Jahre lie­fern sich René Müller und BFC-Keeper Bodo Rud­waleit einen Zwei­kampf um den Platz im DDR-Tor. 1984 hatte sich Müller den Stamm­platz gesi­chert. Ein Fuß­baller, der eine Repu­blik­flucht plant, ver­liert nicht nur diesen. Nach­fragen kann Müller heute nicht mehr – alle Betei­ligten sind bereits ver­storben. 


[…] Bei uns ist es üblich, daß in sol­chen Fällen die Sportler mit der­ar­tigen Absichten nach ihrer Rück­kehr in die Heimat aus dem Leis­tungs­sport ent­fernt werden. […]


Doch Mül­lers Kar­riere wird nicht beendet in diesem Sommer 1984. Er ist Teil der Leip­ziger Mann­schaft, die im Iran vor 60.000 fana­ti­schen Zuschauern spielt, er bleibt Natio­nal­keeper und erlebt die Wende im Trikot seines Hei­mat­ver­eins. Er wech­selt zu Dynamo Dresden, spielt in der 1. Bun­des­liga und erfüllt sich damit einen Traum. Warum er das alles erleben darf? Er weiß es nicht. Im Sommer 1993 bemüht sich der Tor­wart um die Ein­sicht in seine Stasi-Akte, wird aber auf der Suche nach Ant­worten nicht fündig. Vom Sommer 1984 an ist die Akte leer. 1994 beendet der Leip­ziger seine aktive Lauf­bahn beim FC St. Pauli. Nach einem Jahr Arbeits­lo­sig­keit wird er Fuß­ball-Trainer. 


[…] Ich per­sön­lich bin dafür, den Sports­freunden der 1. Mann­schaft des FC Lok Leipzig die Lage zu erklären, dabei natür­lich vor allem auf die Machen­schaften unserer Klas­sen­feinde hin­zu­weisen die dies offen­sicht­lich aus­ge­löst haben, ihnen jedoch unser Ver­trauen aus­zu­spre­chen.
Die Leip­ziger Fuß­ball­mann­schaft reist, wie Dir bekannt ist, am Mitt­woch in den Iran. Ich würde die 3 Spieler, ein­schließ­lich René Müller, mit­reisen lassen. […]


2004. Müller ist inzwi­schen Chef­trainer bei Rot-Weiss Erfurt. Eines Tages bekommt er einen Anruf von Dr. Hanns Leske. Leske will ihn für sein Buch Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder“ inter­viewen und lässt Müller einen Schrieb zukommen. Es ist der Brief an Egon Krenz. Der Zettel, der das Leben des ehe­ma­ligen Tor­hü­ters ent­schieden hat. Dieses Doku­ment“, sagt Müller heute und streicht über das Blatt Papier, war die gute Hand, die mein Leben begleitet hat.“


Natür­lich ist das jetzt für uns und für mich per­sön­lich ein beson­deres Risiko, jedoch sehe ich keine Mög­lich­keit, anders zu ent­scheiden, wenn wir die Sportler nicht aus dem Leis­tungs­sport ent­fernen wollen. Ich bin dafür, alles zu unter­nehmen, um sie uns zu erhalten.

Mit sozia­lis­ti­schem Gruß M. Ewald


Man­fred Ewald. Mit­glied des Zen­tral­ko­mi­tees der SED. Prä­si­dent des Deut­schen Turn- und Sport­bunds und des Natio­nalen Olym­pi­schen Komi­tees der DDR. Bis zu seiner Ent­mach­tung 1988 ist Ewald der mäch­tigste Sport­funk­tionär im ganzen Land. Und als sol­cher befugt, über die Schick­sale der DDR-Sportler zu ent­scheiden, wie es ihm beliebt. Ein rück­sichts­loser Funk­tionär. Nach der Wende wird er ver­ur­teilt als Mit­ver­ant­wort­li­cher für das flä­chen­de­ckende Doping in der DDR. Wäh­rend seiner Amts­zeit ist es ein offene Geheimnis, dass Ewald Fuß­ball ver­ab­scheut. Er war ein Fuß­ball­hasser“, nennt es Müller. Ewald unter­steht zu DDR-Zeiten ledig­lich dem für Sport zustän­digen ZK-Sekretär der SED. 1984 ist das Egon Krenz. Sein Ein­satz in Form eines Briefes an den Vor­ge­setzten rettet René Müller das Leben als Fuß­ball-Tor­wart. Bis heute kann der das nicht ver­stehen.

Ein Fuß­ball­hasser“ nennt ihn Müller. Er rettet seine Lauf­bahn

René Müller nimmt seine Brille ab. Dass der Prä­si­dent des DTSB, der größte Anti-Fuß­baller, sich für mich ver­bürgte, das ist ein Witz! Der Mann, der für alles Schlechte im DDR-Sport ver­ant­wort­lich war, hat für mich die Hand ins Feuer gelegt. Wer bin ich gewesen, dass der sich für mich ein­ge­setzt hat?“

René Müller hat Man­fred Ewald nie getroffen. 2002 starb der kurz zuvor zu 22 Monaten Bewäh­rungs­strafe Ver­ur­teilte im bran­den­bur­gi­schen Dams­dorf. Hin­ter­lassen hat er einen Brief, dessen Ent­ste­hung uner­klärbar bleibt. Dass man das Leben so anzu­nehmen hat, wie es kommt“, hat René Müller schon vorher gewusst. Doch dieser Brief hat vieles geän­dert.

In Nürn­berg betreut Müller heute die Ama­teure des Bun­des­li­gisten aus dem Fran­ken­land. Ein guter Job, er macht ihn gerne. Das Gespräch in der Geschäfts­stelle ist fast zu Ende. Der 51-Jäh­rige beugt sich vor und sagt dann: Wir glauben und bilden uns ein, unser Leben selbst in der Hand zu haben. Aber manchmal wird unser Leben um uns herum gemacht.“ Müller faltet den Zettel wieder zusammen und beendet seinen Satz: Und wir müssen dann mit den Umständen klar kommen.“