Seine Arbeits­stunden hat Albert Olbrechts sauber pro­to­kol­liert: 6499 Stunden inner­halb von zehn Jahren.

Fast die Hälfte davon ent­fielen auf die großen Steh­stufen. Er ver­baute dafür 5500 Rand­steine, jeder 125 Kilo­gramm schwer, mit der großen Greif­zange an seine Posi­tion gezogen, teil­weise hun­dert Meter weit. Rund 6000 Schub­karren Erd­ma­te­rial hat er weg­ge­fahren und 260 Tonnen Kies aus­ge­schüttet, 800 Kubik­zen­ti­meter Schla­cken ange­fahren und mit der Hand ver­teilt, 750 Meter Zaun gebaut. Unglaub­lich: Der Mann baute das Alb­gau­sta­dion in Ett­lingen im Allein­gang, sieht man von der Stahl­rohr-Haupt­tri­büne ab.

Er schuf­tete Wochen­ende für Wochen­ende, stellte die Gegen­ge­rade fertig, die Kurven, die Aschen­bahn und die Umzäu­nung. Er baute ohne fremde Hilfe. Das war ihm wichtig. Aber warum?

Olbrechts wuchs in Mechelen auf, in Bel­gien, machte dort Abitur und stu­dierte Land­schafts­ar­chi­tektur und Bio­logie, bis der Zweite Welt­krieg kam. Mit Olbrechts in vor­derster Front, aber auf der fal­schen Seite – auf der deut­schen. Er mel­dete sich frei­willig zur Legion Flan­dern, die später in die Waffen-SS ein­ge­glie­dert wurde. Keine Mit­läufer, gewiss nicht.

Diesen Blöd­sinn kann ich mir nie ver­zeihen“

Ich war katho­lisch erzogen, es gab nichts Schlim­meres als die rus­sisch-bol­sche­wis­ti­sche Krank­heit“, erklärt er das, was ihm noch heute uner­klär­lich ist. Diesen Blöd­sinn kann ich mir nie ver­zeihen, es ist mir unbe­greif­lich, wie ich so blind gewesen sein konnte.“

Bis Kriegs­ende kämpfte er an der Ost­front, danach wurde er in Bel­gien zum Tode ver­ur­teilt, wie alle, die sich frei­willig den Deut­schen ange­schlossen hatten. Das Urteil erfolgte in Abwe­sen­heit, eine Rück­kehr in die Heimat war damit aus­ge­schlossen.

Also tauchte er mit Kriegs­ende unter, irgendwo im Süden Deutsch­lands. Der Beginn einer Odyssee. Olbrechts ver­steckte sich hier und da, bis er sich einem Rabbi anver­traute, der als Mili­tär­geist­li­cher für die Ame­ri­kaner arbei­tete. Der Geist­liche ver­zieh ihm, gab ihm eine Stelle als Haus­meister und brachte ihn nach einem Jahr bei den ame­ri­ka­ni­schen Ein­heiten unter, die die Ber­liner Luft­brücke unter­stützten. Jetzt sogar offi­ziell, mit Papieren. Auch danach blieb Olbrechts bei den Amis und wurde schließ­lich in die Rhein­land­ka­serne nach Ett­lingen ver­legt.

Erd­fuhre Nummer 10.000

Damals bat der Bür­ger­meister die Ein­heit von Olbrechts, in Ett­lingen ein Bag­ger­loch zu bud­deln, um ein Sta­dion anlegen zu können. Die Ein­heit war Teil des ame­ri­ka­ni­schen Labor Ser­vice und sollte den Wie­der­aufbau unter­stützen, ver­fügte über schweres Gerät und einen tat­kräf­tigen Pro­jekt­leiter: Albert Olbrechts. 1953 hatte man die Erd­fuhre Nummer 10.000 aus dem Bag­ger­loch abtrans­por­tiert.

Die Pla­nungen sahen ein Sta­dion mit 60.000 Plätzen vor, das eines der größten in Süd­deutsch­land werden sollte. Doch bald schon holte sich das Unkraut die auf­ge­schüt­teten Erd­wälle zurück. Nie­mand machte weiter. Erst 1958 erin­nerte man sich wieder an das Loch, das ein Sta­dion werden sollte, als die alte Arena des VfB Mühl­burg, dem Vor­gänger des KSC, in der Karls­ruher Hon­sell­straße abge­rissen wurde. Die Ett­linger sorgten dafür, dass die ver­hält­nis­mäßig neue Stahl­rohr­kon­struk­tion der Haupt­tri­büne nicht ver­schrottet, son­dern sorg­fältig zer­legt und an ihrem Bag­ger­loch wieder auf­ge­baut wurde. Das war’s dann aber auch schon wieder für die nächsten zehn Jahre.