Marvin Matip, mit Bra­si­lien, Mexiko und Kroa­tien erwarten Kamerun anspruchs­volle Gegner in der WM-Vor­runde.
Es ist allen klar, dass es eine schwie­rige Auf­gabe wird. Aber wir haben immer eine Chance, zumin­dest wenn die Mann­schaft eng zusammen rückt.

Tut sie das denn?
Das hängt davon ab, ob einige Spieler bereit sind, sich von ihrem Ego­ismus zu lösen und dem gemein­samen Ziel alles unter­zu­ordnen. Ich muss zugeben, dass uns andere Länder in dieser Hin­sicht etwas voraus sind.

Dabei spielt Kamerun seit vielen Jahr auf inter­na­tio­nalem Top-Niveau?
Den­noch fehlen uns gegen­über euro­päi­schen und süd­ame­ri­ka­ni­schen Teams ein paar Jahre in unserer Ent­wick­lung, ins­be­son­dere was die Orga­ni­sa­tion anbe­trifft. Aber gerade die spielt in Tur­nieren eine sehr wich­tige Rolle. 

Woran merkt man man­gelnde Orga­ni­sa­tion?
Es sind zu viele Leute im Umfeld der Mann­schaft, die Pro­zesse ver­lang­samen. Viele Ent­schei­dungen gehen durch meh­rere Instanzen, ehe man sich zu etwas durch­ringen kann. Im täg­li­chen Ablauf hat das zur Folge, dass Dinge oft zeit­ver­zö­gert pas­sieren. Und dann kommt es eben vor, dass die ent­schei­denden Pro­zent­punkte ver­loren gehen.
Wie muss man sich diese Orga­ni­sa­ti­ons­de­fi­zite vor­stellen? Es kann schon mal pas­sieren, dass der Bus­fahrer nicht da ist oder bei der Abfahrt auf irgend­welche Funk­tio­näre gewartet werden muss.

Aber hat Volker Finke der Mann­schaft nicht preu­ßi­sche Dis­zi­plin und Opfer­be­reit­schaft ein­impfen können?
Auf jeden Fall. Ich bin auch zuver­sicht­lich, denn gerade durch die enge Qua­li­fi­ka­tion, in der wir drei End­spiele hin­ter­ein­ander hatten, ist ein Team­geist gewachsen. Gegen Libyen und in den Play-Offs gegen Tune­sien ging es um alles. In diesen Wochen hat Volker Finke die Mann­schaft zur homo­genen Truppe zusammen geschweißt.

Wie kommt der deut­sche Coach bei den Spie­lern an?
Gene­rell kann man sagen, dass der deut­sche Fuß­ball in Kamerun einen sehr guten Ruf genießt. Finke bringt viele deut­sche Attri­bute in die Trai­nings­ar­beit mit ein, die der Mann­schaft helfen. Sein Ansehen und der Respekt vor ihm ist ent­spre­chend hoch.

Wie reagiert Finke, wenn es Ver­zö­ge­rungen im Ablauf gibt?
Naja, als wir vor geraumer Zeit im Bus saßen und nichts voran ging, sahen mein Bruder Joel und ich, wie auch er vorne fas­sungslos den Kopf schüt­telte.

Sie haben auf­grund einer Schul­ter­ver­let­zung bis­lang nur drei Wochen bei der Natio­nal­mann­schaft ver­bracht. Welche Ritual ist Ihnen in Erin­ne­rung?
Nach jedem Trai­ning und jedem Spiel wird gemeinsam gebetet. Und auf dem Weg ins Sta­dion wird im Bus immer gesungen. Einer stimmt an und die anderen setzen nach und nach ein. Anfangs fand ich es unge­wohnt, aber da kriegt man schon eine Gän­se­haut. Ich war sehr über­rascht, wie durch das gemein­same Singen die Vor­freude aufs Spiel steigt. 

Kamerun gilt seit der WM 1990 stets als Geheim­fa­vorit. Ist das dama­lige Team um Roger Milla Fluch oder Ansporn für nach­fol­gende Genera­tionen?
Natür­lich hängt man in Kamerun diesem Team nach, dass es als erste afri­ka­ni­sche Mann­schaft bei­nahe bis ins Halb­fi­nale geschafft hätte. Aber das heu­tige Team hat nichts mehr mit dieser Zeit gemein, inso­fern wird es Zeit, die Ver­gan­gen­heit hinter sich zu lassen.

Das ist nicht immer ganz leicht. Bei der WM 2010 hat Kamerun auf afri­ka­ni­schem Boden alle Vor­run­den­spiele ver­loren.
Diese WM hat Spuren hin­ter­lassen, alle waren ent­täuscht. Inso­fern ist der Wille, nun wieder zu zeigen, was Kamerun wirk­lich drauf hat, sehr aus­ge­prägt. Aller­dings ist unser Trainer erfahren genug, das Team so ein­zu­stellen, dass es vor lauter Ehr­geiz nicht ver­krampft.

Welche Rolle spielt Samuel E’to im Team?
Er gilt ja als geheimer Dik­tator. Natür­lich hat er im Land und in der Mann­schaft eine beson­dere Rolle. Des­halb ver­fügt er auch über Ein­fluss. Aber ich vermag nicht zu beur­teilen, inwie­fern er diesen nutzt. Klar ist, dass es maß­geb­lich von seinem Spiel abhängt, wie Kamerun bei dieser WM abschneidet. Inso­fern hoffe ich, dass er sich ganz in den Dienst der Mann­schaft stellt.

Also: Über­steht Kamerun die Grup­pen­phase?
Wenn das erste Match gegen Mexiko gewonnen wird, ist alles mög­lich. Dann könnte sich eine beson­dere Euphorie im Team ent­wi­ckeln. Wenn nicht, wird es sehr, sehr schwer.