Seite 4: Vertragsauflösung in fünf Stunden

Als beim Euro­pa­cup­spiel in Borissow ver­nehm­lich Schmadtke raus“-Rufe von den Rängen ertönten, traf es den Manager ins Mark. Im Vor­stand war inzwi­schen eine Dis­kus­sion dar­über ent­brannt, wie man gegen­steuern wolle. Nun wollten der Prä­si­dent und sein Vize ganz genau wissen, was eigent­lich Sache war.

Auf einmal hieß es, ich solle mich auf Wunsch des Prä­si­denten mit Leuten aus dem Wirt­schaftsrat treffen“, so Jörg Schmadtke. Und mit denen sprach ich plötz­lich über Dinge wie Stan­dard­si­tua­tionen. Das emp­fand ich schon als befremd­lich.“ Schmadtke zau­derte, ob eine Trai­ner­ent­las­sung in dieser Phase wirk­lich den erwar­teten Erfolg bringen würde. Stö­gers Bin­dung zur Mann­schaft war trotz des Miss­erfolgs immer noch sehr eng. Den­noch musste nun etwas pas­sieren.

Am 23. Oktober bat Jörg Schmadtke um die Auf­lö­sung seines Ver­trags. Das Prä­si­dium meint, Schmadtke wäre damit seiner Ver­ant­wor­tung nicht gerecht geworden: Hätte Jörg Schmadtke uns je kon­kret vor die Wahl gestellt, ob wir an ihm oder am Chef­trainer fest­halten, hätten wir uns immer für den Geschäfts­führer ent­schieden“, sagt Prä­si­dent Spinner.

Er wird seine Gründe gehabt haben“

Dem Manager hin­gegen fehlte das klare, unmiss­ver­ständ­liche Bekenntnis der Bosse, so eine Ent­schei­dung mit­zu­tragen. Es bestand keine Einig­keit in den Gre­mien, wie wir in der Trai­ner­frage ent­scheiden. Des­halb emp­fand ich mich als hand­lungs­un­fähig“, erklärt er. Wenn ein Klub einen Trainer ent­lassen will, muss diese Ent­schei­dung von allen Ver­ant­wort­li­chen mit­ge­tragen werden.“ So wurde sein Auf­he­bungs­ver­trag nach vier­ein­halb erfolg­rei­chen Jahren binnen fünf Stunden abge­wi­ckelt. Auch das lässt tief bli­cken“, so Schmadtke miss­mutig.

Auf der Geschäfts­stelle wurde sein Abgang mit großem Unver­ständnis auf­ge­nommen. Kein Mit­ar­beiter hätte im Ent­fern­testen geglaubt, dass aus­ge­rechnet der robuste Geschäfts­führer als Erster in der Krise die Brücke ver­lässt. Als er sich offi­ziell am Geiß­bock­heim ver­ab­schie­dete, waren viele Mit­ar­beiter wegen der Län­der­spiel­pause nicht zugegen. Auch Peter Stöger ver­passte den Termin. Jörg hat uns in seine Ent­schei­dung nicht mit ein­be­zogen. Das haben wir damals nicht ver­standen“, erklärt der Trainer. Aber er wird seine Gründe gehabt haben.“

Auf keinen Fall den Trainer ent­lassen“

Der FC-Dampfer war auf Grund gelaufen, und das Leck wei­tete sich nun aus. Die Mann­schaft, die so lange zum Trainer gehalten hatte, schwenkte suk­zes­sive um. Eine Fuß­note in diesem Kor­ro­si­ons­pro­zess ist der Kon­flikt um Fit­ness­coach Yann-Ben­jamin Kugel. Schon länger lag er mit seinen Ansichten zur Trai­nings­steue­rung mit Stö­gers Assi Man­fred Schmid über Kreuz. Da gleich meh­rere Stamm­spieler mit Mus­kel­ver­let­zungen aus­ge­fallen waren, tat der Fit­ness­trainer seine Über­zeu­gungen nun unter Spie­lern kund – und wurde dar­aufhin von Stöger ent­lassen.

Als sich Schu­ma­cher und Wehrle kurz darauf mit dem Mann­schaftsrat trafen, stellten sie fest, dass sich der Wind gedreht hatte. Aus der Mann­schaft kam über lange Zeit das klare Signal: Auf keinen Fall den Trainer ent­lassen“, erklärt Werner Spinner. Erst, als wir spürten, dass das gegen­sei­tige Ver­trauen in der langen Krise gelitten hatte, haben wir gehan­delt.“

Stöger wollte Sport­di­rektor werden

Noch bevor der 1. FC Köln am 14. Spieltag auf Schalke seinen dritten Zähler ein­fahren konnte, war beschlossen, dass es Stö­gers letztes Spiel sein würde. Ehe das Prä­si­dium auf einer Pres­se­kon­fe­renz die Ent­las­sung ver­kün­dete, gab es eine zwei­ein­halb­stün­dige Aus­sprache von Spinner, Schu­ma­cher, Wehrle mit dem Trainer und seinem Assi.

Das Gespräch war deut­lich. Wir haben uns gegen­seitig unsere Sicht auf die Dinge geschil­dert, unge­schönt“, sagt Stöger in der ihm eigenen Diplo­matie. Werner Spinner hin­gegen erlebte in diesen Stunden offenbar eine Seite am Trainer, die ihm bis dato unbe­kannt war. Das Gespräch war kon­tro­vers“, sagt der Prä­si­dent, für mich ernüch­ternd und sehr per­sön­lich. Ich war eigent­lich zu auf­ge­wühlt, direkt danach in eine Pres­se­kon­fe­renz zu gehen.“

Seit Schmadtkes Abgang hatten die Betei­ligten über den Sport­di­rek­tor­posten dis­ku­tiert. Es gab eine interne Liste mit Namen von mög­li­chen Kan­di­daten. Im Abschluss­ge­spräch kon­fron­tierte Stöger die Bosse nun mit der Frage, warum er nicht zumin­dest eine dieser Optionen gewesen sei. Eine Chuzpe, die die Ver­ant­wort­li­chen gelinde gesagt ver­wun­derte.