Als die Pres­se­kon­fe­renz schon fast vor­über ist, lässt Peter Stöger noch einen Blick in sein Gefühls­leben zu: Ich bin froh, dass dieses Spiel vorbei ist.“ Borussia Dort­mund hat ein umkämpftes Match in Köln mit 3:2 gewonnen. Vier­ein­halb Jahre hat Stöger als Coach in der Dom­stadt gewirkt. Vor zwei Monaten ist er ent­lassen worden und hat nur eine Woche später beim BVB ange­heuert.

Nun kehrt er an einem kalten Febru­artag für ein Spiel an seine alte Wir­kungs­stätte zurück – und der Emp­fang seiner ehe­ma­ligen Mit­streiter könnte kaum fros­tiger sein. Einige Offi­zi­elle des 1. FC Köln über­sehen Stöger geflis­sent­lich, andere ver­wei­gern ihm sogar den Handschlag.Wenn Men­schen aus dem Pro­fi­fuß­ball erklären, warum es in ihrem Geschäft oft so unbe­re­chenbar läuft, sagen sie gern: So ist der Fuß­ball.“

Die Floskel, aus der auch Unver­ständnis spricht, fasst zusammen, wie viele unglaub­liche Geschichten und Per­so­nal­ro­chaden das emo­tio­nale Gewerbe pro­du­ziert, in dem Ent­schei­dungen oft rasant und rein affekt­ge­trieben fallen. Den­noch ist selbst für intime Kenner der Szene schwer nach­voll­ziehbar, wieso in den zurück­lie­genden Monaten das Chaos über den 1. FC Köln her­ein­brach – und das gute Bin­nen­ver­hältnis der Ver­ant­wort­li­chen fun­da­mental beschä­digte.

Ein bei­spiel­loses Fiasko

Das Tempo des Absturzes nach vier­ein­halb Jahren auf der Erfolgs­welle bricht alle Geschwin­dig­keits­re­korde der Bun­des­li­ga­his­torie. Ab 2013 war es dem Prä­si­dium um Werner Spinner, Vize Toni Schu­ma­cher und Finanz­ge­schäfts­führer Alex­ander Wehrle mit Manager Jörg Schmadtke und Trainer Peter Stöger gelungen, den zum Fahr­stuhl­klub ver­kom­menen FC zu befrieden, zu ent­schulden und wieder in der Bun­des­liga zu eta­blieren.

Am letzten Spieltag der Saison 2016/17 erreichten die Kölner erst­mals seit 25 Jahren wieder einen inter­na­tio­nalen Wett­be­werb. End­lich, so dachten viele, war der FC wieder dort, wo er seinem Selbst­ver­ständnis ent­spre­chend hin­ge­hört. Doch dann geriet die neue Spiel­zeit zum bei­spiel­losen Fiasko. Drei Punkte aus den ersten 16 Spielen – das hatte selbst Tas­mania Berlin in der Saison 1965/66 nicht geschafft.

Der gemein­same Kaffee wird schwierig

Es ist nicht allzu lange her, dass 11 FREUNDE Jörg Schmadtke zum Manager des Jahres“ gekürt hat. Gewählt von einer Jury, der Sach­ver­stän­dige wie Bun­des­trainer Joa­chim Löw ange­hören. Wir trafen den Sport­di­rektor dazu Anfang Juni am Kölner Rudolf­platz. Der Manager aß ein Bau­ern­früh­stück und freute sich deut­lich spürbar, mit uns die erfolg­reiche Saison nach­zu­be­reiten. Gerade war er von einem feucht-fröh­li­chen Par­ty­wo­chen­ende mit dem Trai­ner­team in London zurück­ge­kehrt.

Am Ende des Gesprächs fragten wir den Manager, der gerade vor­zeitig seinen Ver­trag um drei Jahre bis 2023 ver­län­gert hatte, was wäre, wenn er Peter Stöger irgend­wann ent­lassen müsse. Schmadtke ant­wor­tete glaub­haft: Viel­leicht gelingt es uns ja, einen Trai­ner­ver­trag auch mal aus­laufen zu lassen. Und wenn nicht, würde ich mir wün­schen, dass der Zeit­punkt noch in weiter Ferne liegt und wir auch danach noch zusammen Kaffee trinken gehen.“

Stand heute lässt sich sagen: Das mit dem gemein­samen Kaffee könnte schwierig werden. Denn nach ihrem Aus­flug in die bri­ti­sche Metro­pole setzte ein Ent­frem­dungs­pro­zess zwi­schen den beiden ein. Irgend­etwas hat sich im Sommer zwi­schen uns ver­än­dert“, sagt Jörg Schmadtke, die Kom­mu­ni­ka­tion war nicht mehr so wie zuvor.“ Es ist Winter geworden. Der Manager sitzt an einem eisigen Tag in einem Café am Rhein in seiner Hei­mat­stadt Düs­sel­dorf. Seine Zeit beim FC ist Geschichte.

Schmadtke mimt gern den bol­le­rigen Strip­pen­zieher, für den zähl­bare Ergeb­nisse wich­tiger sind, als eine sym­pa­thi­sche Außen­wahr­neh­mung. Doch so sehr er sich bemüht, die Ereig­nisse in Köln als abge­schlos­senes Kapitel dar­zu­stellen – seine Ent­täu­schung kann er nicht ver­bergen. Schmadtke ist ver­letzt.

Ich habe noch nie einen Verein und seine Mit­ar­beiter so nah an mich ran­ge­lassen“, sagt er. Im Nach­hinein weiß ich, warum das auch besser so war.“ Im Sommer noch war er der festen Über­zeu­gung, dass dem Trainer und ihm nach der erfolg­rei­chen Zeit zumin­dest ein, zwei Jahre Kredit ein­ge­räumt würden – selbst wenn die Erfolgs­kurve nicht weiter nach oben gehen würde. Nun stellt er ernüch­tert fest: So kann man sich täu­schen.“

Aber was ist pas­siert? Jörg Schmadtke und Peter Stöger sind beide mit einer guten Por­tion Selbst­ironie aus­ge­stattet, aller­dings in unter­schied­li­cher regio­naler Prä­gung. So haben die beiden gemeinsam oft gescherzt, dass ein Trainer im Pro­fi­fuß­ball nur eine tem­po­räre Erschei­nung“ sei. Beim London-Trip jedoch kippte der Schmäh des Wiener Melan­cho­li­kers offenbar in Fata­lismus. In der Rück­schau fällt schon auf“, so Schmadtke, dass der Trainer in London nicht nur ein oder zwei Mal, son­dern gleich sieben oder acht Mal fal­len­ließ, dass er im Herbst eh längst ent­lassen sei.“

Die Kom­mu­ni­ka­tion haben wir etwas schleifen lassen“ 

So stand die neue Saison von Beginn an unter keinem guten Stern. Dass der Manager in Trans­fer­pe­ri­oden mit­unter eine gewisse Muf­fe­lig­keit an den Tag legt, daran hatten sie sich am Geiß­bock­heim über die Jahre gewöhnt. Doch die Hän­ge­partie um den Transfer von Anthony Modeste stellte die Geduld aller – und ins­be­son­dere die des lösungs­ori­en­tierten Schmadtke – auf eine harte Probe.

Der Fran­zose war dank seiner 25 Bun­des­liga-Treffer der Held. Doch aus­ge­rechnet der größte Star seit Lukas Podolski fing nun clever sein Spiel­chen mit den Medien an. Zeit­weise blickte keiner mehr durch, ob nun der Spieler weg wollte oder der Klub es nur auf eine fette Ablöse abge­sehen hatte. Jörg Schmadtke ist für derlei Theater nicht der Typ. Er wusste, dass Modeste scharf war auf die zehn Mil­lionen Euro netto in China – aber Muf­fen­sausen hatte, als Geld­geier aus Köln zu scheiden.

Der Manager for­derte, dem Spieler keine Vor­züge mehr ange­deihen zu lassen, bis der Fall abge­schlossen sei. Peter Stöger sah das anders, für ihn war Modeste solange eine feste Größe im Team, solange sein Abgang nicht in tro­ckenen Tüchern war. Er herzte den Fran­zosen im Trai­ning, als wäre nichts gewesen.

Sai­son­ziel? K.o.-Runde der Europa-League

In diesen Tagen zeigten sich erst­mals deut­lich die Men­ta­li­täts­un­ter­schiede. Wäh­rend Schmadtke wort­karg an den Trans­fers wer­kelte, stieg Stöger mit gewohnter Rou­tine in die Vor­be­rei­tung ein. Es mag sein, dass wir beide die Kom­mu­ni­ka­tion unter­ein­ander in der kom­pli­zierten Trans­fer­pe­riode etwas haben schleifen lassen“, gibt Peter Stöger zu. Offenbar erwar­teten beide etwas mehr Respekt und Mit­tei­lungs­be­dürfnis vom anderen.

Nicht nur Modeste war kurz davor, in Köln auf ein Podest gehoben zu werden. Auch der Trainer war nach seinen innigen Bekennt­nissen zur Stadt – selbst heute noch, da er längst in Dort­mund arbeitet – und seinen volks­nahen Auf­tritten im Begriff, hei­lig­ge­spro­chen zu werden.

Schmadtke raucht der Kopf

Stöger weiß sich zu prä­sen­tieren, er weiß, was ankommt und wann es besser ist, nichts zu sagen. Anfang August gab er lässig das Errei­chen der K.o.-Runde der Europa League und einen ein­stel­ligen Tabel­len­platz als Sai­son­ziel aus.

Jörg Schmadtke rauchte ange­sichts des infolge des Neymar-Trans­fers frei­dre­henden Marktes der­weil der Kopf. Stöger hin­gegen wollte von dem Wahn­sinn am liebsten unbe­hel­ligt bleiben. Nun aber waren schnelle Ent­schei­dungen in Dimen­sionen gefragt, die beide bis­lang nicht kannten. Und so bekam der eine wohl das Gefühl, dem anderen ständig nach­laufen zu müssen.

Kein abschlie­ßendes Gespräch über Trans­fers

Eine Trans­fer­pe­riode ist enorm belas­tend. Ein stän­diges Abwägen“, erklärt Jörg Schmadtke. Sollen wir das viele Geld inves­tieren oder nicht? In dieser Phase fehlte mir mit­unter der Gegen­part. Ich hatte den Ein­druck, ich ginge dem Coach mit diesen Dingen eher auf die Nerven.“ Jannes Horn und den 17-Mil­lionen-Ein­kauf Jhon Cor­doba holte er noch in enger Abstim­mung mit Stöger, den Spa­nier Jorge Meré ver­pflich­tete er schon fast in Eigen­regie – und ließ ihn vom Trainer abni­cken.

Ein wirk­lich fun­diertes abschlie­ßendes Gespräch der beiden über die Kader­pla­nung fand nicht statt.Zudem über­sahen die Kölner Ver­ant­wort­li­chen in dieser Zeit einige gra­vie­rende Dinge. Einige Spieler kehrten nicht mit der gewohnten Fit­ness aus dem Urlaub zurück. Fast alle Top­trans­fers waren aus­län­di­sche Spieler, die in der wich­tigen Fin­dungs­phase noch nicht inte­griert waren.

Die ver­schwo­rene Ein­heit der Vor­saison ver­wan­delte sich in ein nor­males Pro­fi­team, das sich nicht mehr ständig privat ver­ab­re­dete. Die Test­spiele waren teils ekla­tant schwach. Doch Peter Stöger ist kein auto­ri­tärer Trainer, keiner der in Aktio­nismus ver­fällt. Er setzte weiter auf die Eigen­ver­ant­wor­tung der Spieler.

Der Sai­son­start ging in die Binsen. All­mäh­lich wurde offen­kundig, dass Trainer und Manager nicht mehr so ver­traut zusam­men­ar­bei­teten. Des­halb lud Jörg Schmadtke am ersten Sep­tem­ber­wo­chen­ende den Trainer zu sich nach Düs­sel­dorf zum Früh­stück ein. Stöger sagt: Das Früh­stück bei Jörg habe ich als sehr ange­nehm emp­funden. Als super Gespräch.“ Details will er nicht ver­raten. Sein Gegen­über hat die Begeg­nung eher als neu­tralen Aus­tausch in Erin­ne­rung.

Da spra­chen nun zwei Kol­legen mit­ein­ander – nicht mehr zwei Freunde. Alles okay?“ – Jaja, passt schon!“ Kein kri­ti­sches Wort, kein Alter, manchmal gehst du mir mit deinem Gemuffel echt auf die Nerven“, kein Naja, dieser Spieler …“.

Mehr Offen­heit hätte geholfen“

Da saßen zwei zusammen, die keine Energie oder Lust mehr auf­brachten, noch einmal in eine ergie­bige Kom­mu­ni­ka­tion ein­zu­steigen. Als sie jedoch vom Prä­si­dium darauf ange­spro­chen wurden, funk­tio­nierte die alte Soli­da­rität noch. Vier Jahre lang hatte sie der Vor­stand machen lassen – wieso sollten sie sich nun aus­ge­rechnet bei ihren Vor­ge­setzten über­ein­ander beschweren?

Wie in einer zer­brö­selnden Ehe gab es offenbar im Ver­hältnis der Kölner nicht den einen großen, alles zer­stö­renden Knall. Es war eher die Ver­qui­ckung aus vielen kleinen Zurück­wei­sungen, gekränkten Eitel­keiten und schalen Gewohn­heiten, die vor der Euro­pa­cup­saison mit einer ver­än­derten Druck­si­tua­tion kol­li­dierten. Andau­ernder Erfolg wirkt sich auf jeden aus, der daran betei­ligt ist. Das Pro­blem daran: Die Sym­ptome sind bei jedem Men­schen anders.

Die Nerven beginnen zu flat­tern

Der eine bezieht die Meriten zu sehr auf sich und leitet ein ver­än­dertes Anspruchs­denken daraus ab. Glaubt am Ende viel­leicht sogar, uner­setz­lich zu sein. Der andere erkennt plötz­lich erschro­cken, dass nach oben nur noch wenig Luft bleibt, um die Erfolge zu bestä­tigen – und die Nerven beginnen zu flat­tern.

Vize­prä­si­dent Toni Schu­ma­cher steht vor dem Spiel des 1. FC Köln gegen den BVB auf der Tri­büne des leeren Sta­dions. Wie soll’s mir gehen? Schlecht!“, blökt er zur Begrü­ßung. Er lehnt gegen einen hoch­ge­klappten Scha­len­sitz, auf dem noch ein Schild­chen mit der Auf­schrift Modeste“ klebt. Als Schu­ma­cher den Namen liest, motzt er: Lassen sie uns ein Stück weiter gehen.“

Der eins­tige Tes­to­ster­on­keeper ist auf hun­dert­achtzig. Auch von Stöger und Schmadtke fühlt er sich hin­ter­gangen. Keiner hat uns, dem Prä­si­dium, offen­bart, dass etwas Grund­sätz­li­ches zwi­schen ihnen nicht stimmt“, schimpft er. Wieso hat keiner zuge­geben, dass es Pro­bleme gibt? Mehr Offen­heit hätte geholfen.“

Rufe nach Ver­än­de­rung und selt­same Themen

Wer die Geschichte des Harald Schu­ma­cher kennt, der weiß, dass sich hinter der rauen Fas­sade ein sen­si­bler Cha­rakter ver­birgt. Peter Stöger wid­mete er in seiner 2017 erschie­nenen Bio­grafie Ein­wurf“ noch ein eigenes Kapitel: Wir haben einen Trainer, der nie jam­mert, der keine Ent­schul­di­gung sucht (…) und ver­ant­wor­tungs­be­wusst gegen­über dem Verein ist.“

Doch aus­ge­rechnet in der ersten großen Krise ist der Trainer dieser Ver­ant­wor­tung nicht gerecht geworden.
Als sich im Herbst die Nie­der­la­gen­serie fort­setzte, wurden auch in der Geschäfts­füh­rung die Rufe nach Ver­än­de­rung lauter. Stöger hielt der­weil eisern an seinen Abläufen fest – und blieb weit­ge­hend von Kritik ver­schont.

Indes begann der Kölner Bou­le­vard, sich auf Jörg Schmadtke ein­zu­schießen. Plötz­lich wurde der teure Cor­doba-Transfer zum Thema. Und die anderen, die waren das viele Geld doch auch nicht wert, oder? Nun fiel dem Manager auf die Füße, dass er, anders als der diplo­ma­ti­sche Coach, öfter mal einen Jour­na­listen an den Pranger gestellt hatte.Seltsame Themen kochten plötz­lich hoch: Warum war eigent­lich Schmadtkes Sohn beim FC als Scout ange­stellt? Diese Anstel­lung war explizit auf Betreiben von Geschäfts­führer Wehrle erfolgt. Aber natür­lich eig­nete sie sich ange­sichts der pre­kären Lage nun ideal als Indiz für Klün­gel­wirt­schaft.

Als beim Euro­pa­cup­spiel in Borissow ver­nehm­lich Schmadtke raus“-Rufe von den Rängen ertönten, traf es den Manager ins Mark. Im Vor­stand war inzwi­schen eine Dis­kus­sion dar­über ent­brannt, wie man gegen­steuern wolle. Nun wollten der Prä­si­dent und sein Vize ganz genau wissen, was eigent­lich Sache war.

Auf einmal hieß es, ich solle mich auf Wunsch des Prä­si­denten mit Leuten aus dem Wirt­schaftsrat treffen“, so Jörg Schmadtke. Und mit denen sprach ich plötz­lich über Dinge wie Stan­dard­si­tua­tionen. Das emp­fand ich schon als befremd­lich.“ Schmadtke zau­derte, ob eine Trai­ner­ent­las­sung in dieser Phase wirk­lich den erwar­teten Erfolg bringen würde. Stö­gers Bin­dung zur Mann­schaft war trotz des Miss­erfolgs immer noch sehr eng. Den­noch musste nun etwas pas­sieren.

Am 23. Oktober bat Jörg Schmadtke um die Auf­lö­sung seines Ver­trags. Das Prä­si­dium meint, Schmadtke wäre damit seiner Ver­ant­wor­tung nicht gerecht geworden: Hätte Jörg Schmadtke uns je kon­kret vor die Wahl gestellt, ob wir an ihm oder am Chef­trainer fest­halten, hätten wir uns immer für den Geschäfts­führer ent­schieden“, sagt Prä­si­dent Spinner.

Er wird seine Gründe gehabt haben“

Dem Manager hin­gegen fehlte das klare, unmiss­ver­ständ­liche Bekenntnis der Bosse, so eine Ent­schei­dung mit­zu­tragen. Es bestand keine Einig­keit in den Gre­mien, wie wir in der Trai­ner­frage ent­scheiden. Des­halb emp­fand ich mich als hand­lungs­un­fähig“, erklärt er. Wenn ein Klub einen Trainer ent­lassen will, muss diese Ent­schei­dung von allen Ver­ant­wort­li­chen mit­ge­tragen werden.“ So wurde sein Auf­he­bungs­ver­trag nach vier­ein­halb erfolg­rei­chen Jahren binnen fünf Stunden abge­wi­ckelt. Auch das lässt tief bli­cken“, so Schmadtke miss­mutig.

Auf der Geschäfts­stelle wurde sein Abgang mit großem Unver­ständnis auf­ge­nommen. Kein Mit­ar­beiter hätte im Ent­fern­testen geglaubt, dass aus­ge­rechnet der robuste Geschäfts­führer als Erster in der Krise die Brücke ver­lässt. Als er sich offi­ziell am Geiß­bock­heim ver­ab­schie­dete, waren viele Mit­ar­beiter wegen der Län­der­spiel­pause nicht zugegen. Auch Peter Stöger ver­passte den Termin. Jörg hat uns in seine Ent­schei­dung nicht mit ein­be­zogen. Das haben wir damals nicht ver­standen“, erklärt der Trainer. Aber er wird seine Gründe gehabt haben.“

Auf keinen Fall den Trainer ent­lassen“

Der FC-Dampfer war auf Grund gelaufen, und das Leck wei­tete sich nun aus. Die Mann­schaft, die so lange zum Trainer gehalten hatte, schwenkte suk­zes­sive um. Eine Fuß­note in diesem Kor­ro­si­ons­pro­zess ist der Kon­flikt um Fit­ness­coach Yann-Ben­jamin Kugel. Schon länger lag er mit seinen Ansichten zur Trai­nings­steue­rung mit Stö­gers Assi Man­fred Schmid über Kreuz. Da gleich meh­rere Stamm­spieler mit Mus­kel­ver­let­zungen aus­ge­fallen waren, tat der Fit­ness­trainer seine Über­zeu­gungen nun unter Spie­lern kund – und wurde dar­aufhin von Stöger ent­lassen.

Als sich Schu­ma­cher und Wehrle kurz darauf mit dem Mann­schaftsrat trafen, stellten sie fest, dass sich der Wind gedreht hatte. Aus der Mann­schaft kam über lange Zeit das klare Signal: Auf keinen Fall den Trainer ent­lassen“, erklärt Werner Spinner. Erst, als wir spürten, dass das gegen­sei­tige Ver­trauen in der langen Krise gelitten hatte, haben wir gehan­delt.“

Stöger wollte Sport­di­rektor werden

Noch bevor der 1. FC Köln am 14. Spieltag auf Schalke seinen dritten Zähler ein­fahren konnte, war beschlossen, dass es Stö­gers letztes Spiel sein würde. Ehe das Prä­si­dium auf einer Pres­se­kon­fe­renz die Ent­las­sung ver­kün­dete, gab es eine zwei­ein­halb­stün­dige Aus­sprache von Spinner, Schu­ma­cher, Wehrle mit dem Trainer und seinem Assi.

Das Gespräch war deut­lich. Wir haben uns gegen­seitig unsere Sicht auf die Dinge geschil­dert, unge­schönt“, sagt Stöger in der ihm eigenen Diplo­matie. Werner Spinner hin­gegen erlebte in diesen Stunden offenbar eine Seite am Trainer, die ihm bis dato unbe­kannt war. Das Gespräch war kon­tro­vers“, sagt der Prä­si­dent, für mich ernüch­ternd und sehr per­sön­lich. Ich war eigent­lich zu auf­ge­wühlt, direkt danach in eine Pres­se­kon­fe­renz zu gehen.“

Seit Schmadtkes Abgang hatten die Betei­ligten über den Sport­di­rek­tor­posten dis­ku­tiert. Es gab eine interne Liste mit Namen von mög­li­chen Kan­di­daten. Im Abschluss­ge­spräch kon­fron­tierte Stöger die Bosse nun mit der Frage, warum er nicht zumin­dest eine dieser Optionen gewesen sei. Eine Chuzpe, die die Ver­ant­wort­li­chen gelinde gesagt ver­wun­derte. 

Die Ver­wun­de­rung wurde noch größer, als Stöger nur eine Woche später schon bei Borussia Dort­mund unter­schrieb. Der Coach hatte sich bereits im Juni – Michael Zorc hatte das Treffen offi­ziell bei Jörg Schmadtke ange­fragt – mit den BVB-Bossen unter­halten. Damals waren beide Seiten zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht passt.

Nun aber passte es allen Betei­ligten ganz gut – und die Gerüch­te­küche bro­delte. Doch die Ver­mu­tungen aus Köln, er habe bewusst auf seine Ent­las­sung hin­ge­ar­beitet, um beim BVB anzu­heuern, bringen selbst den sonst so diplo­ma­ti­schen Öster­rei­cher in Wal­lung: Die Ver­ant­wort­li­chen hätten auch die Mög­lich­keit gehabt, mir einen Ver­trag für die zweite Liga zu geben oder mich inte­rims­mäßig zum Sport­di­rektor zu machen. Aber der FC wollte einen Schnitt – und das akzep­tiere ich voll und ganz. Nur kann man mir nach­träg­lich dann nicht vor­werfen, wenn ich einen neuen Job annehme.

Ein Rück­fall in ver­gan­gene Zeiten

Das Kri­sen­ma­nage­ment der Klub­füh­rung bis zum Jah­res­ende war ein Rück­fall in längst ver­gan­gene Zeiten. Reporter ent­deckten Didi Bei­ers­dorfer bei einem infor­mellen Treffen mit einem Ver­treter des Mit­glie­der­rats. Horst Heldt sagte als Manager zu, dann wieder ab, offenbar auch, weil bei Han­nover 96 jemand clever an den Strippen zog.

In einem offenen Brief an die Fans ver­suchte das Prä­si­dium beru­hi­gend auf das Umfeld ein­zu­wirken, indem es erklärte, dass es dem Klub trotz der sport­lich pre­kären Lage wirt­schaft­lich gut gehe. Das war der Ver­such, der Öffent­lich­keit einen Ein­blick zu geben, was vor­ge­fallen war, aller­dings ohne im Detail nach­zu­karten. Viel­leicht hätten wir von vorn­herein Tacheles reden sollen“, sagt Werner Spinner.

Wir hätten genauer hin­schauen müssen“

Im Neben­satz doch mel­dete der Brief auch deut­liche Kritik an den Transfer- und Kader­ent­schei­dungen der ehe­ma­ligen Kol­legen an – und machte die Zahl der Ver­let­zungen zum Thema: Wir hätten genauer hin­schauen und früher ein­greifen müssen.“

Wenn Men­schen über eine Zeit­lang gemeinsam Erfolg haben, zusam­men­stehen und sich offenbar auch sym­pa­thisch finden, ist der Schmerz beson­ders groß, wenn dieses Ver­trauen nicht mehr erwi­dert wird. Ich bin ent­täuscht über die Art, wie aus Köln nach­ge­treten wird“, gibt der sonst so coole Jörg Schmadtke zu.

Jede Partei räumt Fehler ein

Peter Stöger sagt: Wir sind nach jeder Saison ein paar Tage zusammen in den Urlaub gefahren. Das machst du ja nicht, wenn du den anderen nicht magst. Des­wegen tut es mir weh, wie die Situa­tion nun im Nach­hinein bewertet wird.“ Und er kommt zu einem Schluss, bei dem ihm trotz aller Res­sen­ti­ments jeder seiner Ex-Mit­streiter Recht geben würde: Es gibt in dieser Geschichte keine Gewinner, nur Ver­lierer.“

Dass Fehler gemacht wurden, räumt jede Partei ein. Toni Schu­ma­cher sagt, er hätte schon in der End­phase der Saison 2016/17 erkennen müssen, dass die sport­liche Füh­rung nicht mehr auf Linie war: Schmadtke war sicher, dass die Mann­schaft noch Luft nach oben hatte, Stöger war über­zeugt, dass er das Maximum her­aus­ge­holt hatte.“ Stöger gibt zu, dass er die Ver­än­de­rungen im Kader gemeinsam mit Schmadtke nicht optimal gelöst habe. Und auch der Manager wirft sich rück­bli­ckend vor, nicht noch zwei wei­tere Spieler – im Zweifel auch gegen das Votum Stö­gers – geholt zu haben.

Es gibt wieder Zuver­sicht

Unter­dessen ver­sucht der FC unter Stefan Ruthen­beck zu retten, was zu retten ist. Armin Veh hat mit seiner aus­glei­chenden Art am Geiß­bock­heim dafür gesorgt, dass trotz akuter Abstiegs­ge­fahr der Betrieb nicht in Agonie ver­fällt. Auch die zeit­weise geschol­tenen Trans­fers zeigten in der Rück­runde einen Auf­wärts­trend: Meré ist zur festen Größe in der Innen­ver­tei­di­gung geworden. Für Jannes Horn musste der FC sogar ein zwei­stel­liges Mil­lio­nen­an­gebot aus Leipzig zurück­weisen. Köln wird den Abstieg nicht mehr ver­hin­dern können, den­noch über­wiegt zur­zeit die Zuver­sicht, nicht zuletzt nach den Ver­trags­ver­län­ge­rungen von Jonas Hector und Timo Horn.

Zum neuen Jahr schickte Jörg Schmadtke eine SMS an Peter Stöger. Frohes neues Jahr, alles Gute, Rund­mail-Stan­dard, nichts Per­sön­li­ches. Stöger schrieb in ähn­lich ver­bind­lich-unver­bind­li­cher Weise zurück. Es war das tra­gi­sche Ende eines Jahres, das zu einem der schönsten in der Geschichte des 1. FC Köln werden sollte.

Im Gespräch mit 11 FREUNDE Anfang Februar teilte Stöger nun mit: Mir ist sehr daran gelegen, Jörg in Kürze mal anzu­rufen und gemeinsam mit ihm alles auf­zu­ar­beiten. Schließ­lich haben wir beide über Jahre erfolg­reich und eng zusam­men­ge­ar­beitet.“ Jörg Schmadtke ließ dar­aufhin wissen, dass er jetzt erst einmal in den Urlaub fahre. Viel­leicht trinken sie doch noch mal zusammen Kaffee. Wer kann das schon wissen? Es ist schließ­lich der Fuß­ball.