Ges­tern Abend war es wieder einmal so weit, dass alle Kli­schees von den Fuß­ball­sta­dien als Tum­mel­platz von durch­ge­knallten Gewalt­tä­tern bestä­tigt wurden. Bereits vor dem Pokal­spiel zwi­schen Borussia Dort­mund gingen einige der rund 10.000 ange­reisten Fans von Dynamo Dresden auf Poli­zisten und Ordner los. Diese wurden mit Fla­schen und Pyro­technik beworfen, mel­dete die Polizei. Die Beamten setzten Trä­nengas ein. Und weil die Mann­schafts­busse wegen den Aus­schrei­tungen ver­spätet im Sta­dion ein­trafen, musste das Spiel mit 15 Minuten Ver­spä­tung ange­pfiffen werden.

Schau­dernd durften sechs Mil­lionen Fern­seh­zu­schauer mit­er­leben, wie es im Dresdner Block immer wieder rauchte und blitzte. Wäh­rend des Spiels atta­ckierten Dynamo-Fans zudem wei­terhin Ordner und Poli­zisten. Schieds­richter Peter Gagel­mann musste das Spiel dreimal unter­bre­chen, und hin­terher reichte es selbst dem Lieb­ling der Dynamo-Fans. Was einige Chaoten hier wieder abge­lie­fert haben, kann ein­fach nicht angehen. Heute schäme ich mich dafür “, sagte Robert Koch. Dabei hatte der Offen­siv­spieler nicht einmal mit­be­kommen, was hinter den Tri­bünen pas­sierte. Nach Abpfiff ran­da­lierten Anhänger von Dynamo, jagten Dort­munder Fans, beschä­digten Ver­kaufs­stände und die Sta­di­on­ein­rich­tung. Der Verein geht von Sach­be­schä­di­gungen im Wert von fast 100.000 Euro aus. Ins­ge­samt 17 Per­sonen wurden ver­letzt und 15 ver­haftet. So mas­sive Angriffe gegen die Polizei habe ich in meiner Lauf­bahn als Poli­zei­führer von Fuß­ball­ein­sätzen noch nicht erlebt“, sagte der Dort­munder Poli­zei­di­rektor Peter Andres.

Mehr Ver­letzte, aber weniger Straf­ver­fahren

Es war ein schwarzer Tag für den tra­di­ti­ons­reichsten Ost­verein, der aber nicht wirk­lich reprä­sen­tativ für die Lage in den deut­schen Sta­dien ist. Das jeden­falls zeigen Zahlen, die eben­falls ges­tern von der Zen­tralen Infor­ma­ti­ons­stelle Sport­ein­sätze (ZIS) der Polizei ver­meldet wurden. Einer­seits sind in der ver­gan­genen Saison bei ins­ge­samt 750 Spielen der ersten und zweiten Bun­des­liga, sowie an den Liga­stand­orten aus­ge­tra­genen Pokal‑, Euro­pa­pokal- und Län­der­spielen 846 Per­sonen ver­letzt. Das ist der höchste Wert in den ver­gan­genen zwölf Jahren. Das gilt auch, wenn man ihn so unter­teilt, wie es die Poli­zei­sta­tistik tut: Sowohl die 243 ver­letzten Poli­zei­be­amten, 259 so genannten Störer“ als auch 344 ver­letzte Unbe­tei­ligte sind in jeder Kate­gorie ein Höchst­wert.

Doch zugleich deutet sich eine wei­tere, durchaus erfreu­liche Ten­denz an. Zum ersten Mal seit vier Jahren sind näm­lich die ein­ge­lei­teten Straf­ver­fahren rück­läufig. In abso­luten Zahlen sind es ver­gan­gene Spiel­zeit 5818 statt 6043 in der Saison 2009/2010 gewesen. Stellt man sie ins Ver­hältnis zur unter­schied­li­chen Zahl der erho­benen Spiele, bleibt immer noch ein zarter Rück­gang von 7,91 auf 7,76 Straf­ver­fahren pro Spiel.

Eine Erklä­rung dafür ist der bemer­kens­werte Rück­gang der Ein­satz­stunden der Polizei. Noch immer ist es der dritt­höchste Wert seit es die ZIS-Sta­tis­tiken gibt, aber der Rück­gang ist trotzdem deut­lich. Von 1593 Ein­satz­stunden pro Spiel der Saison 2009/10 auf 1497 in der ver­gan­genen Spiel­zeit wurden die Ein­sätze der Län­der­po­lizei redu­ziert und sogar von 711 auf 586 Stunden bei der Bun­des­po­lizei, die Fuß­ball­fans vor allem in den Zügen und auf den Bahn­höfen begleitet.

Die Ent­wick­lung zeigt, dass sich inner­halb der Polizei jene Kräfte stärker werden, die einen neuen Umgang mit Fans ver­su­chen. Der repres­sive Ansatz, Stärke zu zeigen und damit abzu­schre­cken, funk­tio­niert nicht mehr“, sagt Thomas Feltes, Leiter des Lehr­stuhls für Kri­mi­no­logie, Kri­mi­nal­po­litik und Poli­zei­wis­sen­schaft an der Ruhr-Uni­ver­sität in Bochum, der sich aus­führ­lich mit dem Thema beschäf­tigt hat und seit 2010 im wis­sen­schaft­li­chen Beirat der Deut­schen Fuß­ball Liga zum Thema Fans sitzt.

Die Polizei hat lange falsch auf das Ultra-Phä­nomen reagiert

Es geht seiner Mei­nung nach darum, der Ver­än­de­rung der Fan-Kultur in noch grö­ßerem Maße Rech­nung zu tragen. Denn nicht mehr die Hoo­li­gans der acht­ziger und neun­ziger Jahre bestimmen die Sze­nerie, son­dern die Ultras. Auf diese Ent­wick­lung hat die Polizei lange Zeit falsch reagiert“, sagt auch Michael Gabriel, Spre­cher der Koor­di­na­ti­ons­stelle Fan-Pro­jekte in Frank­furt, denn die Stra­te­gien im Umgang mit Hoo­li­gans wurden eins zu eins auf Ultras über­tragen.“

Aller­dings, das zeigt nicht nur das Bei­spiel des Spiels von Dynamo Dresden in Dort­mund, ist der Hoo­li­ga­nismus alter und neuer Prä­gung noch nicht ganz ver­schwunden. Es gibt immer wieder krasse Ein­zel­fälle, außerdem könnte sich die Situa­tion durch die gerade eska­lie­rende Debatte um Pyro­technik im Sta­dion auch wieder nach­haltig ver­schlech­tern.