Dietmar Hamann, Sie haben das kata­stro­phale Abschneiden der Natio­nal­mann­schaft bei der Euro 2000 am eigenen Leib mit­er­lebt. Wie war es, als Rudi Völler plötz­lich als neuer Natio­nal­trainer prä­sen­tiert wurde?
Rudi hat den Vor­teil, dass er unheim­lich cha­ris­ma­tisch ist und viele tolle Spiele – auch für die Natio­nal­mann­schaft – gemacht hat. Wenn einer wie er in die Kabine kommt, hat man als Spieler auto­ma­tisch Respekt. Mit Michael Skibbe brachte er einen Top-Trainer mit, und so war eigent­lich vom ersten Tag seiner Ära gute Stim­mung.

Was nach dem Desaster der Euro 2000, wo Sie mit der Natio­nalelf nach der Vor­runde kläg­lich aus­schieden, bitter nötig war.
Defi­nitiv. Die Bericht­erstat­tung ging nach dem Tur­nier noch wochen­lang weiter. Als Spieler ver­sucht man da abzu­schalten, aber wir wurden immer wieder damit kon­fron­tiert. Kurz: Nach der EM war eine große Ver­un­si­che­rung im Team. Mit Rudi aber holte der DFB genau den rich­tigen Mann. Die Spieler haben sich bald wieder darauf gefreut, zur Natio­nalelf zu kommen.

War das vorher anders?
Es kam vorher auch mal vor, dass Spieler eine Län­der­spiel­reise absagten, wenn sie nicht sicher waren, ob sie mit­spielen würden. Über­haupt war die Atmo­sphäre vorher eine ganz andere bei der Natio­nalelf gewesen. Da gab es für uns Spieler keinen Ansprech­partner, mit dem wir unsere Anliegen bespre­chen konnten. Uns fehlte bei der EM 2000 jemand, der bedin­gungslos hinter den Spieler stand. Das machte die Situa­tion für uns so schwer.

Anfangs sollte Völler nur für zehn Monate Ver­treter des desi­gnierten Bun­des­trai­ners Chris­toph Daum werden. Erst im Herbst 2000 war klar, dass er das Team zur WM 2002 führen würde. Ver­än­derte es seinen Umgang mit den Spie­lern?
Nein, er war immer der gleiche. Wir haben ihn auch nie als Über­gangs­trainer gesehen.

Wie müssen wir uns die Kabi­nen­an­spra­chen des Team­chefs Völler vor­stellen?
Der Rudi war sehr ruhig, hat sach­lich Dinge ange­spro­chen, egal ob wir zurück oder vorne lagen. Er hatte diese Aura, die Men­schen mit wenigen Worten erreicht. Und seine Aus­ge­gli­chen­heit hat sich auf die Mann­schaft über­tragen.

Wer hat das Trai­ning geleitet – Michael Skibbe oder Rudi Völler?
Michael Skibbe hat schon das meiste gemacht, aber Rudi hat sich unheim­lich um die Spieler geküm­mert und so eine gute Atmo­sphäre kre­iert.
Ihr Tor in der WM-Qua­li­fi­ka­tion beim letzten Spiel im alten Wem­bley-Sta­dion schürte eine neue Euphorie um die Völler-Elf. Wie sind ihre Erin­ne­rungen an diesen Tag im Oktober 2000?
Da steckte die Ära Völler noch in den Kin­der­schuhen. Wir hatten seit Ewig­keiten keinen großen Gegner mehr geschlagen. Und dann haben wir vor aus­ver­kaufter Kulisse eines unserer besten Spiele gemacht, haben die Eng­länder über 90 Minuten beherrscht und hätten viel höher als 1:0 gewinnen müssen.

Sie leben seit 1998 in Eng­land. Wie waren die Reak­tionen, als Sie mit der Natio­nalelf im Rück­spiel im Sep­tember 2001 in Mün­chen mit 1:5 unter­lagen…
…und alle fünf Tore von Liver­pool-Spie­lern erzielt wurden. Hören Sie bloß auf. Ers­tens: Das Ergebnis fiel nicht dem Spiel­ver­lauf ent­spre­chend aus, son­dern viel zu hoch. Wenn wir 3:1 ver­loren hätten, wäre es nicht so dra­ma­tisch gewesen. Aber da wurde wahn­sinnig viel rein­in­ter­pre­tiert, was sich am Ende über­haupt nicht aus­wirkte. Denn es reisten beide Teams zur WM nach Asien.

Auf wel­ches der beiden Spiele werden Sie in Eng­land häu­figer ange­spro­chen?
Na, was denken Sie? Die Eng­länder feiern das Spiel von Mün­chen bis heute immer noch, zum Jah­restag 2011 stand bei mir das Telefon nicht mehr still. Aber das ist eben das Pro­blem des eng­li­schen Fuß­balls. Die feiern einen Sieg, der über­haupt keine Rolle spielte. Denn als wir später in Yoko­hama im WM-Finale standen, saßen die Eng­länder schon wieder zwei Wochen zuhause und schauten das Match im Fern­sehen.

Rudi Völler sagt, die Rele­ga­ti­ons­spiele um die WM-Teil­nahme 2002 gegen die Ukraine hätten ihm erst gezeigt, was Druck bedeutet. Wie ging Ihnen das?
Ich denke, diese beiden Spieler haben uns unheim­lich Selbst­ver­trauen gegeben. Wenn eine Mann­schaft kurz davor ist, die Qua­li­fi­ka­tion zur WM zu ver­passen, und so eine Situa­tion meis­tert, dann wächst etwas zusammen. Viel­leicht wären wir bei der WM nach der Vor­runde nach Hause gefahren, wenn wir die Play­offs nicht gespielt hätten. So aber wussten wir bei der WM, dass sich jeder auf den anderen ver­lassen kann.

Michael Bal­lack sagt, die schönste Feier im Kreise der Natio­nalelf fand nach dem Sieg gegen Para­guay im WM-AchteI­fi­nale auf Jeju-Island statt. Was genau ist denn da pas­siert?
Wir waren die erste Mann­schaft, die ins Vier­tel­fi­nale einzog und hatten fast eine Woche frei bis zum Spiel gegen die USA. Da wurde schon um sieben Uhr abends der Grill ange­schmissen, die Frauen saßen mit am Tisch, es war wie eine große Fami­li­en­feier. Da haben alle mit­ge­macht, es gab keine Grüpp­chen. Eine wun­der­volle Zeit, eine tolle Truppe. Solche Abende schweißen zusammen.

Nur die Art wie Fuß­ball gespielt wurde, gefiel nicht allen.
Natür­lich wollten wir guten Fuß­ball spielen, aber im End­ef­fekt zählte der Erfolg. Wenn Sie sich die Spieler anschauen, mit denen wir damals antraten, haben ja nicht schlecht gespielt. Aber damals hatten wir eben keinen Marco Reus oder Mario Götze im Team. Wir waren kein WM-Favorit – keine Frage. Aber gerade des­halb ver­dient die Mann­schaft umso mehr Aner­ken­nung, denn sie zog ins WM-Finale ein.

Was ver­än­derte sich nach der Vize­welt­meis­ter­schaft in Asien?
Nichts, außer der Erwar­tungs­hal­tung. Die Leute haben nach dem Finale erwartet, dass wir nun wieder überall mit 3:0 oder 4:0 gewinnen. Das war natür­lich nicht der Fall. Die Mann­schaft hatte sich zwar ent­wi­ckelt, aber viele krea­tive Spieler hatten wir nicht. Michael Bal­lack und Bernd Schneider hatten da schon die größte Last zu tragen. Und wenn wir gegen Mann­schaften spielten, die hinten drin standen, taten wir uns immer schwer.

Mit wel­chen Emp­fin­dungen fuhren Sie zur Euro 2004 nach Por­tugal?
Mit mehr Opti­mismus als zur WM 2002. Ich war fest davon über­zeugt, dass wir eine gute Rolle spielen würden, auch wenn mir klar war, dass es schwer würde, Euro­pa­meister zu werden. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht.

Was machte Sie so opti­mis­tisch?
Wir hatten eine gefes­tigte Truppe und es kamen auch erst­mals ein paar junge Spieler wie Philip Lahm oder Bas­tian Schwein­s­teiger dazu. Michael Bal­lack war in der Form seines Lebens. Kurz: Wir hatten eine gute Mann­schaft. Und hätten wir die Hol­länder im ersten Match geschlagen, wären wir wei­ter­ge­kommen und hätten eine sehr gute Rolle gespielt. Aber Hätte, Wenn und Aber“ gehört eben nicht zum Fuß­ball.

Haben Sie in den vier Jahren den Team­chef Rudi Völler jemals gestresst erlebt?
Nein, er war immer kon­trol­liert und hat Ent­schlos­sen­heit aus­ge­strahlt. Am Depri­mier­testen habe ich ihn sicher­lich nach dem EM-Aus 2004 nach der Vor­runde erlebt. Auch seine Erwar­tungen waren viel größer gewesen.

In seiner Bio­gra­phie schreibt Philipp Lahm, das Trai­ning unter Rudi Völler sei ins­ge­samt zu lasch gewesen. Hat er Recht?
Sowas macht man nicht, denn jedem sollte klar sein – auch Philipp –, wel­chen großen Anteil Rudi Völler an der Ent­wick­lung hat, die die Natio­nal­mann­schaft nach 2000 nahm.