Marcel Hart­mann, im Rahmen Ihrer Groundhop­ping-Welt­reise waren Sie im Februar auch in Katar. Können Sie sich vor­stellen, dass dort in drei­ein­halb Jahren eine Fuß­ball-Welt­meis­ter­schaft statt­findet?

Das ist extrem schwer vor­stellbar. Man muss den Leuten ja auch fernab des Fuß­ball­tur­niers etwas bieten. Die Fans wollen sich das Land anschauen. In großen Län­dern wie Russ­land, Süd­afrika oder Bra­si­lien ist das ohne Wei­teres mög­lich. In Katar wird das hin­gegen sehr schwer. Einmal war ich außer­halb von Doha, an der Nord­küste. Von ein paar ver­waisten Straßen abge­sehen gibt es dort aber nichts zu sehen!

So schlimm?

Nicht nur als Fuß­ballfan, son­dern auch als Rei­sender würde ich rück­bli­ckend sagen: Man war halt mal da. Mehr ist es leider nicht. Nur Doha fand ich ganz nett, da kann man sicher auch einige Tage ver­bringen.

Was macht Katars Haupt­stadt aus?

Die Innen­stadt hat einiges zu bieten und ist sehr gemüt­lich gestaltet mit vielen schi­cken Parks. Es geht dort sehr inter­na­tional zu, was vor allem an den zahl­rei­chen Gast­ar­bei­tern aus Ban­gla­desch, Indien und Paki­stan liegt. Die machen letzt­end­lich auch die Kultur vor Ort aus, ver­kaufen lokale Spe­zia­li­täten an Ständen auf der Hafen­pro­me­nade und prägen das Stra­ßen­bild.

Wie­der­holt wurde Katar für seinen Umgang mit den Gast­ar­bei­tern auf den Bau­stellen für die WM-Sta­dien kri­ti­siert. Haben Sie davon etwas mit­be­kommen?

Ein paar Bau­stellen von WM-Sta­dien habe ich aus der Ferne sehen können. Für eine nähere Begut­ach­tung hat die Zeit leider nicht gereicht. Daher habe ich von den Arbeits­be­din­gungen oder der Unter­brin­gung der Men­schen nichts mit­be­kommen. Die Kritik wird aller­dings nicht von unge­fähr kommen.

Ist denn im Land über­haupt so etwas wie Fuß­ball­be­geis­te­rung aus­zu­ma­chen?

Nein, gar nicht. Zumin­dest nicht bei den Spielen, die ich besucht habe. Einmal waren zwei, drei Leute im Sta­dion, die ein biss­chen gesungen haben. Das war es dann aber auch schon.

Welche Spiele haben Sie besucht?

Die meisten habe ich in Doha gesehen, alle­samt unter­klassig oder Jugend­spiele. Die Sta­dien haben sich aller­dings kaum von­ein­ander unter­schieden. Alle sind gleich auf­ge­baut: Es gibt in die Tri­bünen inte­grierte Mehr­zweck­hallen, das Fas­sungs­ver­mögen ist gleich und sogar die Treppen befinden sich exakt an den glei­chen Stellen. Ledig­lich die Farbe der Sitz­schalen war anders. Als Groundhopper ist man ja auch immer auf der Suche nach etwas Neuem. Und wenn man dann gefühlt immer das gleiche Sta­dion sieht, wird es schnell lang­weilig. 

Gab es denn zumin­dest außer­halb von Doha etwas Abwechs­lung?

Für eine Partie bin ich an die Nord­küste gefahren. Da gab es immerhin ein Sta­dion, was ich so bis­lang noch nicht gesehen hatte.

Erzählen Sie.

Das war ein völlig ver­rücktes Ding. Wenn man nicht weiß, dass dort ein Sta­dion steht, würde man es wohl gar nicht als sol­ches erkennen. Von außen sieht es näm­lich aus, wie ein Wüs­ten­fort. Die Bau­weise ist exakt so wie die eines tat­säch­lich exis­tie­renden Forts an der Nord­west­küste. Inter­es­sant ist auch, dass die Flut­licht-Masten in den Eck­türmen ver­senkbar sind und zum Spiel­be­ginn aus­ge­fahren werden. Im Sta­dion selbst war aller­dings wieder tote Hose – wie auch sonst an der gesamten Nord­küste.

Wie ist ihr Ein­druck vom fuß­bal­le­ri­schen Niveau im Land des kom­menden WM-Gast­ge­bers?

Ehr­lich gesagt hatte ich mehr erwartet, gerade von einem Land, das gerade die Asien-Meis­ter­schaft gewonnen hat. Da sollten eigent­lich auch in den unteren Ligen zumin­dest gute Ansätze vor­handen sein. Davon habe ich jedoch nichts gesehen. Dabei haben sie dort tat­säch­lich ganz her­vor­ra­gende Trai­nings­be­din­gungen. Auf die Anlagen wäre sicher­lich auch so man­cher Bun­des­li­gist nei­disch.

Zu Jah­res­be­ginn machte Katar mit der Ein­füh­rung einer Sün­den­steuer“ von sich reden. Die Palette Bier soll nun umge­rechnet 90 Euro kosten. Ist es dort wirk­lich so schlimm bestellt um das Lieb­lings­ge­tränk der Fuß­ball­fans?

Grund­sätz­lich ist es schwer, über­haupt an Alkohol zu kommen. In den teu­reren Hotels mag es in dieser Hin­sicht etwas ein­fa­cher sein, aber die können sich ja nur die wenigsten leisten. Eine WM sollte doch von einer gewissen Welt­of­fen­heit geprägt sein. Gerade vor dem Hin­ter­grund dieser Steuer und der Frage, ob die Fans über­haupt öffent­lich Alkohol trinken dürfen, sehe ich diese Welt­of­fen­heit aktuell nicht gewähr­leistet. Viel­leicht sperren sie die Leute zum Bier­trinken in den Zwinger, dass sie auch ja keinen Kon­takt zu den Ein­hei­mi­schen haben.

Um bereits 2022 eine Auf­sto­ckung der WM auf 48 Teil­nehmer zu ermög­li­chen, erwägt die FIFA, einige Par­tien im Oman oder in Kuwait aus­zu­tragen. Sie waren auch in Kuwait vor Ort. Ihre Ein­drücke vom mög­li­chen Co-Gast­geber?

Sehr ähn­lich. Auch wenn Kuwait noch als Gast­geber hin­zu­kommen sollte – das wird ein sehr trost­loses Tur­nier. Dort gibt es eben­falls kaum etwas zu sehen! Genau das gleiche in grün bezie­hungs­weise grau.

Wie werden Sie per­sön­lich mit der WM 2022 umgehen? Gibt es Boy­kott-Pläne?

Ich werde mich wohl auf das Lesen der Ergeb­nisse beschränken. Schon die letzten Jahre haben mich die großen Tur­niere eher weniger inter­es­siert. Früher war ich sogar mal viel mit der Natio­nal­mann­schaft unter­wegs. Doch auch wenn ich heute noch aktiv dabei wäre, würde ich mir Katar wohl nicht noch einmal antun.

2017 kün­digte Marcel Hart­mann seinen Job als Ein­kaufs­leiter im Son­der­ma­schi­nenbau, um auf große Groundhop­ping-Welt­reise zu gehen. Noch etwa einen Monat lang ist er unter­wegs. Seine Ein­drücke schil­dert der Cottbus-Fan auch bei Face­book und Insta­gram.