Herr Subotic, glauben Sie, dass das Leben eines jeden Men­schen vom Schicksal abhängig ist?

Ich glaube, jeder Mensch trifft Ent­schei­dungen, die Ein­fluss auf das Schicksal haben. Jeder ist für sein eigenes Schicksal ver­ant­wort­lich.


Viele der wich­tigsten Ent­schei­dungen in ihrem Leben wurden Ihnen von schick­sal­haften Zufällen abge­nommen.

Ja, aber es war nicht so, dass ich nichts dafür getan hätte. Ich glaube, wenn man etwas Gutes tut, dann bekommt man das auch zurück, wenn man viel gibt, dann kriegt man viel und wenn man hart arbeitet, dann wird man dafür belohnt.

Fällt es Ihnen dadurch schwerer wich­tige Ent­schei­dungen zu treffen?

Das kommt sehr auf die Ent­schei­dung an. Wenn es etwas sehr wich­tiges ist, fällt die Ent­schei­dung immer schwer.

Die erste wich­tige Ent­schei­dung in ihrem Leben haben ihre Eltern getroffen, als Sie noch ganz klein waren.

Das stimmt. Als ich ein­ein­halb Jahre alt war, haben meine Eltern beschlossen vor dem Bür­ger­krieg aus Bos­nien zu fliehen. Daran habe ich aber keine Erin­ne­rungen.

Sie sind also in Deutsch­land auf­ge­wachsen. Als Kind fällt es ja oft leichter, sich zu Recht zu finden. Wie war das für Sie?

Ja, es war total ein­fach. Ich bin in einem kleinen Dorf im Schwarz­wald auf­ge­wachsen, in dem jeder jeden kannte. Zudem gab es dort noch wei­tere Flücht­lings­fa­mi­lien und der Zusam­men­halt war sehr groß. Die meisten meiner dama­ligen Freunde kamen aus dem­selben Land wie ich.

Wie sind Sie zum Fuß­ball­spielen gekommen?

Das erste Jahr in Deutsch­land haben wir in einer Dach­ge­schoß­woh­nung über dem Ver­eins­heim des TSV Schwar­zen­berg gewohnt. Daneben war halt ein Platz, auf dem jeden Tag Fuß­ball gespielt wurde. Mein Papa hat auch für den Verein gespielt. Irgendwie klar, dass ich auch ange­fangen habe.

Für einen Jungen, der nichts lieber tut als Fuß­ball spielen, muss das toll gewesen sein.

Ja, das war schon prak­tisch. Wenn ich kicken wollte, war immer jemand da, der mit mir gespielt hat. Auch in der Schule habe ich in der Pause ständig Fuß­ball gespielt.

Haben Sie damals mit­be­kommen, wie schwer es für ihre Eltern war in Deutsch­land zurecht zu kommen?

Nein. Dazu war ich noch zu klein. Mit elf sind wir ja schon weiter gezogen nach Ame­rika. Mitt­ler­weise weiß ich aber, dass es ihnen schwer gefallen ist, vor allem Arbeit zu finden und genug Geld zu ver­dienen war nicht ein­fach.

Wie schlimm war es für Sie die neue Heimat wieder zu ver­lassen?

Als Kind ist das immer schlimm. Der erste Gedanke war, dass ich meine ganzen Freunde zurück­lassen muss. Das war wirk­lich schlimm für mich. Aber als ich in Ame­rika ange­kommen bin, habe ich recht schnell andere Freunde gefunden und mich ein­ge­lebt.

Haben Sie damals ver­standen, dass ihre Familie keine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung bekam und des­halb Deutsch­land ver­lassen musste?

Meine Eltern haben mir das damals erklärt, aber ich habe es ihnen zuerst nicht geglaubt. Ich dachte, dass wir, wenn Sie wirk­lich gewollt hätten, auch in Deutsch­land hätten bleiben können – und ich bei meinen Freunden. Mitt­ler­weile habe ich natür­lich ver­standen, dass das unmög­lich war.

Haben ihre Eltern Sie damals gefragt, ob sie in die USA oder zurück nach Bos­nien wollen?

Nein. Auch diese Ent­schei­dung haben meine Eltern für mich getroffen. Ist doch klar, ich war erst elf Jahre alt.

Mit elf ist es dann sicher etwas schwie­riger wieder in ein neues Land mit einer anderen Sprache zu kommen?

Es ging eigent­lich recht schnell. Da wo wir hin­ge­zogen sind, waren wieder mal Fami­lien, die auch aus dem ehe­ma­ligen Jugo­sla­wien kamen. Da hat man sich unter­ein­ander sehr geholfen. Sobald eine neue Familie dorthin kam, wurden die zum Kaffee ein­ge­laden und wäh­rend die Eltern Kaffee getrunken haben, habe ich mich mit den anderen Kin­dern ange­freundet und gespielt. Die Sprache habe ich auch schnell gelernt. Ich hatte schließ­lich Unter­richt auf Eng­lisch und musste ja irgendwas ver­stehen. Außerdem ist es das schlimmste für ein Kind, wenn es das Fern­seh­pro­gramm nicht ver­steht. Ich war also ziem­lich moti­viert und es hat nur unge­fähr drei Monate gedauert, dann ging es.

Haben Sie sofort wieder Fuß­ball gespielt?

Nein. Zuerst musste ich mich ein­leben, wir mussten eine Woh­nung finden, meine Eltern brauchten Arbeit. In der Schule hat wirk­lich nie­mand Fuß­ball gespielt, aber mein Vater hat mir dann einen Ball gekauft und ich habe auf einem Ten­nis­platz in der Nähe gekickt.

Dann sind Sie bald schon wieder umge­zogen.

Richtig. 1999 sind wir zunächst nach Salt Lake City, Utah gegangen, weil dort eine Cou­sine meines Vaters lebte. Nach ein­ein­halb Jahren sind wir dann nach Bra­denton in Flo­rida umge­zogen. Meine Schwester hat sehr gut Tennis gespielt und wollte dort auf eine bekannte Aka­demie gehen.

Und Tennis war nichts für Sie?

(lacht) Nein, meine Schwester war zu gut. Ich habe dann ange­fangen in irgend­wel­chen kleinen Ver­einen Fuß­ball zu spielen, aber das war alles sehr unernst. Das hat mir nicht richtig Spaß gemacht und ich habe zwei Jahre keinen orga­ni­sierten Fuß­ball gespielt.

Aber Sie sind doch recht schnell US-Natio­nal­spieler in der Jugend­aus­wahl geworden?

Ich wurde ent­deckt von dem Co-Trainer der U17-Natio­nal­mann­schaft. Seitdem habe ich dort gespielt und dort habe ich mich auch erst richtig ent­wi­ckelt. Da war es dann vorbei mit nur kicken im Park und jeder tut was er will. Das war der Start­schuss.

Wo hat der Trainer Sie ent­deckt?

Ich habe im Park gespielt. Er trai­nierte gerade eine andere Mann­schaft und ich habe ihn gefragt, ob ich mit­spielen könne. Er wollte wissen, wie alt ich sei. Als er hörte, dass ich erst 15 bin, meinte er, dass seine Mann­schaft älter sei. Aber ich bin hart­nä­ckig geblieben, weil ich schon mit einigen der Spieler gespielt hatte. Er hat mich dann mit­ma­chen lassen und hat mich gleich danach zu einem Pro­be­trai­ning der U17-Aus­wahl ein­ge­laden. Und dann hatte ich es geschafft. Das ging unglaub­lich schnell. Das war wirk­lich ein Zufall, ich war zum rich­tigen Zeit­punkt am rich­tigen Ort.

Hat der Fuß­ball Ihnen bei der Inte­gra­tion in den USA geholfen?

Ja, das war auf jeden Fall so. Ich war halt der Neue und die haben sich sehr um mich geküm­mert. Durch den Fuß­ball habe ich bisher die meisten Freunde in meinem Leben gemacht.

Dann haben Sie irgend­wann die ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft ange­nommen. Um in der Natio­nal­mann­schaft zu spielen oder aus Über­zeu­gung?

Weder noch. Es war von Anfang an unser Ziel eine ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft zu bekommen, um eine Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung zu bekommen und um mit dem ame­ri­ka­ni­schen Pass reisen zu können.

Hatten Sie sich auf ein Leben in den USA ein­ge­stellt?

Dar­über habe ich mir nicht wirk­lich Gedanken gemacht. Ich hatte immer schon den Plan, nach Deutsch­land zurück­zu­kehren.

Haben Sie den deut­schen Fuß­ball aus den USA ver­folgen können?

Nicht wirk­lich. Ab und zu habe ich mal ein Spiel gesehen, aber das waren meist Cham­pions-League-Spiele. Trotzdem habe ich mich immer über den deut­schen Fuß­ball infor­miert, wollte immer wissen, wer Meister geworden ist, wer abge­stiegen ist und so.

Haben Sie weiter Kon­takte nach Deutsch­land gepflegt?

Ja. Mit all meinen Freunden hatte ich, wäh­rend ich in Ame­rika war, guten Kon­takt. Als ich dann nach fünf Jahren in den USA meine ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger­schaft bekommen habe, durfte ich erst­mals wieder nach Deutsch­land reisen. Als ich meine Freunde wieder gesehen habe, war das unbe­schreib­lich.

Wie kamen Sie schließ­lich nach Mainz?

Ich war mit der Natio­nal­mann­schaft in einem Trai­nings­camp in Hol­land, wir haben da Freund­schafts­spiele gegen Ajax und Eind­hoven gemacht. Mein jet­ziger Berater Steve Kelly war da, hat mich gesehen und mich gleich ange­spro­chen. Er wollte wissen, ob ich mir vor­stellen könnte in Europa zu spielen. Ich habe ihm gesagt, dass ich hier auf­ge­wachsen bin, dass ich mich hier wohl fühle und mir das defi­nitiv vor­stellen könnte. Dann war ich in den USA auf dem Col­lege und im Sommer haben wir geplant, dass ich nach Deutsch­land komme, um es aus­zu­pro­bieren mit dem Pro­fi­fuß­ball. Er hat mich dann gefragt, wohin ich wollte und ich sagte, dass ich mög­lichst in die Nähe meiner Freunde will, damit ich die zwi­schen­durch besu­chen könnte. Schließ­lich ist meine Familie in den USA geblieben. Kelly ist auch Berater von Conor Casey, der damals schon in Mainz spielte. Er hatte also gute Kon­takte und hat die genutzt.

Gab es auch andere Ange­bote?

Loses Inter­es­senten gab es, aber ich wollte in die Nähe meiner Freunde. Ich bin jetzt schon weit ent­fernt von meiner Familie und ich wollte nicht ganz allein sein.

Die Ent­schei­dung nach Mainz zu gehen, scheint die erste gewesen zu sein, die Sie wirk­lich beein­flussen konnten. Sind sie zufrieden mit sich?

Ja, auf jeden Fall. Ich habe immer schon davon geträumt, Fuß­baller zu werden. Meine Eltern waren nicht sicher, ob es eine gute Idee ist, so früh zu gehen. Ich hätte ja noch ein biss­chen Zeit gehabt, ich war ja erst 17 als ich wieder nach Deutsch­land gekommen bin. Meine Eltern wollten, dass ich mein Col­lege fertig mache und dann einen Ver­such starte. Aber ich war selbst­be­wusst genug zu glauben, dass ich es schaffen kann. Und bisher war die Ent­schei­dung sehr gut.

Auch auf dem Platz müssen oft in sekun­den­schnelle Ent­schei­dungen getroffen werden. Sie scheinen nicht aus der Übung gekommen zu sein.

(lacht) Mitt­ler­weile bin ich es gewohnt, Ent­schei­dungen zu treffen. Mit ein biss­chen mehr Erfah­rung ist es leichter, ein­zu­schätzen was in wel­chem Moment zu tun ist.

Wo sehen Sie ihre Stärken auf dem Platz?

Ich denke, ich bin sehr zwei­kampf- und kopf­ball­stark, was ja beides sehr wichtig ist für einen Ver­tei­diger. Und oft gelingen mir gute lange Bälle nach vorne.

Und Schwä­chen?

Ich glaube, ich bin nicht sehr schlecht in einer bestimmten Sache. Aber man kann sich natür­lich in allem ver­bes­sern. Mit fehlt häufig die Ruhe, wenn wir unter Druck geraten. Daran muss ich arbeiten. Und an der Schnel­lig­keit. Schneller kann man immer werden.

Sie sind auf Anhieb Stamm­spieler geworden, obwohl Sie noch sehr jung sind. Gab es schon Hier­ar­chie-Pro­bleme in der Mann­schaft?

Nein. Keiner hat da ein Pro­blem mit, solange jeder seine Leis­tung bringt. Aber ich bin natür­lich einer der jüngsten in der Mann­schaft und darf Bälle auf­pumpen, Wasser und Hüt­chen holen. Alles was man sich so vor­stellen kann, ich muss es machen. Aber damit habe ich über­haupt kein Pro­blem.

Im Moment tau­chen Sie nicht mehr im Spie­ler­pool auf den Inter­net­seiten des ame­ri­ka­ni­schen Ver­bandes auf. Wie ist der Stand der Dinge?

Ich habe mich erstmal von allen Natio­nal­mann­schafts­ak­ti­vi­täten los­ge­sagt, als ich gemerkt habe, dass ich hier spielen kann. Ich will mich auf Mainz 05 kon­zen­trieren. Das ist schließ­lich mein erstes rich­tiges Pro­fi­jahr. Also habe ich denen gesagt, dass ich eine Pause und mich im Sommer erholen will, anstatt noch mehr zu spielen.

Wie würden Sie ihre Chancen auf die deut­sche U23-Aus­wahl ein­schätzen, wenn Sie einen deut­schen Pass hätten?

Keine Ahnung. Ich kenn da nicht viele Spieler.

Denken Sie dar­über nach, auch auf dem Pass deut­scher zu werden?

Nein. Nicht wirk­lich. Erstmal will ich für Mainz 05 gute Spiele absol­vieren und dann kann ich über diese Ent­schei­dung nach­denken.

Wie wichtig war Jürgen Klopp für Sie, als Sie neu ins Team gekommen bist?

Enorm wichtig. Ich habe mich sofort nachdem ich her­ge­kommen bin total wohl gefühlt. Die ganze Atmo­sphäre im Verein, die Mann­schaft und Jürgen Klopp haben es mir sehr leicht gemacht. Klopp ist ein­fach ein freund­li­cher Mensch, der mich nach dem ersten Tag gleich ange­spro­chen hat und mir ein gutes Gefühl gegeben hat. Außerdem ist er ein super Moti­vator und holt alles aus seinen Spie­lern raus.

Machen Sie sich Gedanken um ihre Zukunft oder Ver­trauen Sie ihrem Schicksal und den Zufällen, die ihr bis­he­riges Leben geprägt haben?

Meine Zukunft ist Sonntag das Spiel gegen Offen­bach. Aber prin­zi­piell bin ich mein eigener Herr. Die meisten Ent­schei­dungen, treffe ich jetzt selbst.

Stellen Sie sich manchmal vor, wie ihr Leben heute aus­sehen würde, wenn das Schicksal etwas anderes mit ihnen vor­ge­habt hätte?

Ja, ich stell mir das vor, aber ich mach mir dar­über nicht zu viele Gedanken. Es ist so wie es ist – und es ist gut so.

Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich hoffe, dass ich als Ver­tei­diger in einem Spit­zen­klub spiele.

Wo fahren Sie hin, wenn Sie Urlaub haben? In die USA oder nach Bos­nien?

Sowohl als auch. In den USA sind natür­lich meine Eltern und meine Schwester. In Bos­nien ist der Rest meiner Familie.