Wolf­gang Weber, beim Wem­bleytor…
… Pardon: beim soge­nannten Wem­bleytor.

Also gut. Beim soge­nannten Wem­bleytor reden jeden­falls seit 50 Jahren alle über den eng­li­schen Schützen Geoff Hurst, den Schieds­richter Gott­fried Dienst oder den Lini­en­richter Tofik Bach­ramow. Alles zwie­lich­tige Zeugen. Den besten Blick auf die umstrit­tenste Szene der Fuß­ball-Welt­ge­schichte hatten Sie.
Aller­dings! Ich habe damals schon gesagt, was heute selbst Wis­sen­schaftler der Uni­ver­sität Oxford bestä­tigen: Der Ball war nicht im Tor! Eng­land war Gast­geber, das Tur­nier war ein Geschenk zum 100. Geburtstag des Ver­bandes, die Königin war im Sta­dion – irgendwie schien alles dafür arran­giert zu sein, dass Eng­land Welt­meister wird. Damit wir uns nicht falsch ver­stehen: Eng­land war ein wür­diger Welt­meister, eine groß­ar­tige Mann­schaft, die ein groß­ar­tiges End­spiel gewonnen hat. Aber wir haben es denen schwer genug gemacht.

Das Finale von 1966 war das erste, das in die Ver­län­ge­rung ging. Weil aus­ge­rechnet Sie 15 Sekunden vor Schluss zum Aus­gleich trafen. Die ent­schei­dende Szene spielte sich in der ersten Halb­zeit der Ver­län­ge­rung ab: Hurst schießt, der Ball prallt gegen die Latte und dann nach unten, wohin auch immer…
…auf die Linie!

Sie springen dazwi­schen und köpfen den Ball ins Aus. Ihnen ist oft vor­ge­worfen worden, dass Sie den Ball nicht im Spiel gehalten haben. In diesem Fall wäre das Spiel wei­ter­ge­laufen, und der Schieds­richter hätte es wahr­schein­lich nicht unter­bro­chen, um seinen Lini­en­richter zu fragen.
Ja, ja, das war ja klar, das musste ja kommen. Aber es über­rascht mich, dass Sie schon so früh in diesem Gespräch damit anfangen.

Sie standen direkt neben dem Eng­länder Roger Hunt, und wäh­rend Sie zum Ball gehen, dreht der schon ab und jubelt.
Den Eng­län­dern hat man wohl bei­gebracht, mög­lichst früh die Hände hoch­zu­reißen, auch um die Schieds­richter zu beein­flussen. So war das auch mit Bobby Charlton…

…dem eng­li­schen Spiel­ma­cher, der jubelnd durch den Straf­raum rannte und dem Sie gleich die Arme nach unten drückten.
Klar, ich hab’ dem gesagt: Hör’ auf damit! Was soll das?“ Ich hatte ja klar gesehen, dass der Ball nicht drin war. Unser Tor­wart Hans Til­kowski war ja noch dran, hat den Ball noch ein biss­chen berührt, aber es hat leider nicht gereicht, um den Lini­en­richter nach­haltig zu beein­dru­cken.

Den Aser­bai­dschaner Tofik Bach­ramow, der dem Schieds­richter signa­li­sierte, er habe den Ball im Tor gesehen.
Der Herr Bach­ramow hat ja später noch ein Buch geschrieben, da steht drin: Ich habe den Ball im Netz gesehen!“ Ja, was soll ich denn dazu sagen?!

Sie zählten zu den deut­schen Spie­lern, die nach dieser Ent­schei­dung wütend an die Außen­linie zum Pro­tes­tieren stürmten.
Wir waren zu dritt. Der Franz Becken­bauer, mein Kölner Freund Wolf­gang Overath und ich. Die drei Youngster, alle noch keine 23 Jahre alt. Dann kam aber sofort der Uwe …

…der Mann­schafts­ka­pitän Uwe Seeler.
Uwe hat uns sofort weg­ge­jagt, er hat gesagt: Hört auf zu pro­tes­tieren, der Schieds­richter hat ent­schieden!“ In sol­chen Kate­go­rien hat man damals gedacht. Aber wir Jün­geren waren eben für die Gerech­tig­keit.

Hat Bach­ramow Sie über­haupt ver­standen? Der sprach ja nur Rus­sisch und Aser­bai­dscha­nisch.
Später habe ich gehört, dass man zur Ver­nei­nung im Rus­si­schen den Kopf schüt­telt. Wer weiß, was der Schieds­richter den Lini­en­richter gefragt hat, und wie seine Ant­wort gemeint war… Aber dass der Bach­ramow nun auch noch eine Statue vor dem Sta­dion in Baku bekommen hat – heute können wir drüber lachen, aber damals war uns nicht nach lachen zumute. Egal, ist vorbei, mit den eng­li­schen Spie­lern ver­stehen wir uns heute noch prächtig, mal abge­sehen von einem.

Wen meinen Sie?
Na, den angeb­li­chen Tor­schützen. Geoff Hurst behauptet ja heute immer noch, dass der Ball drinnen war. Kann man ja irgendwo auch ver­stehen, er sieht sich als drei­fa­chen Tor­schützen in einem WM-Finale und will immer noch dafür gefeiert werden. Aber irgend­wann ist ja auch mal gut.