Seite 2: Von der Ein-Zimmer-Wohnung zum WM-Pokal

Ich habe keinen Moment daran gedacht, 2014 zurück­zu­treten“, sagt er. Ich hatte wei­terhin Lust zu spielen. Das liegt mir ein­fach im Blut. Und ich hatte immer Lust auf die Natio­nal­mann­schaft. Da ist es auch egal, wenn ich mal nur auf der Bank sitze.“ Podolski grinst nicht mehr, sein Blick ver­dun­kelt sich. Das Emoji, das wir jetzt brau­chen, ist eines mit begin­nender Zor­nes­röte im Gesicht. Dann fährt er fort mit seiner Grund­satz­er­klä­rung. 

Soll ich wegen irgendwas sauer sein?“

Es gibt 80 Mil­lionen Deut­sche, aber nur 22, 23 werden zu einem Län­der­spiel ein­ge­laden“, sagt er. Wenn ich einer von denen sein darf, soll ich mich da beschweren? Die Leute erwarten, dass man sauer ist und meckert, wenn man mal nicht spielt. Ich sehe das ganz ent­spannt und locker. Ich bin als Zwei­jäh­riger mit meiner Familie nach Deutsch­land gekommen. Wir haben in einer Ein-Zimmer-Woh­nung gelebt, ich habe auf der Straße gekickt. Und jetzt habe ich bald 130 Län­der­spiele! Ich habe den WM-Pokal in die Höhe halten dürfen! Soll ich da wegen irgendwas sauer sein? Ich genieße bis heute jede Minute, die ich auf dem Platz bin, beim Spiel oder beim Trai­ning. Und ich habe jede Minute bei der Natio­nal­mann­schaft genossen.“ Das ist es, wofür die Men­schen Podolski lieben: dass er auf dem Jahr­markt der Eitel­keiten einer der wenigen ist, die sich über­haupt nicht wichtig nehmen. Viel­leicht ist er sogar der Ein­zige.

Dabei war er wichtig. Sehr wichtig. Man ver­gisst manchmal, dass die ersten der vielen Minuten, die er bei der Natio­nalelf so genossen hat, in eine der schlech­testen Phasen in der langen Geschichte der DFB-Aus­wahl fielen. Im Früh­jahr 2004 war Natio­nal­trainer Rudi Völler vor allem bestrebt, bei der kom­menden EM in Por­tugal eine gute Figur zu machen, wäh­rend so man­cher Experte sich erheb­lich mehr um die anste­hende WM im eigenen Land sorgte. Wann würde man end­lich anfangen, eine Mann­schaft für dieses Tur­nier auf­zu­bauen? Der öffent­liche Druck wurde so groß, dass Völler sich kurz­fristig ent­schloss, doch noch zwei Nach­wuchs­spieler zu nomi­nieren, Podolski und seinen Freund Bas­tian Schwein­s­teiger.

Ich weiß noch, wie wir in einem Hotel in Mainz saßen“, erin­nert sich Podolski. Wir waren ent­täuscht, weil wir gerade bei der U21-EM schon in der Vor­runde aus­ge­schieden waren. Da kam Uli Stie­like zu uns, der damals Trainer der U21 war. Er sagte uns, dass Rudi Völler ange­rufen hatte und dass wir ins Trai­nings­lager der A‑Nationalmannschaft kommen sollten. Wir haben uns ins Auto gesetzt, sind rüber­ge­fahren und haben gleich mit der Mann­schaft zu Abend gegessen. Wir gehörten sofort dazu.“ 

Nur Schule, Abend­essen, Schlafen“

Im Zusam­men­hang mit Podol­skis Auf­stieg zum Star ist das Wort Unbe­küm­mert­heit“ ein paar tau­send Mal zu oft benutzt worden, aber in diesen frühen Tagen bei der Natio­nalelf war es sicher ange­bracht. Inmitten des großen Heu­lens und Zäh­ne­klap­perns, das den deut­schen Fuß­ball erfasst hatte, und in einer Zeit, die von Schwere und Ver­bis­sen­heit geprägt war, als jemand wie Oliver Kahn kaum einen Satz sprach, in dem nicht das Wort Druck“ vorkam, da ver­sprühte Podolski Opti­mismus und Spaß.

Ich weiß, dass es damals eine schwie­rige Phase für die Natio­nal­mann­schaft war“, sagt er rück­bli­ckend, aber ich habe das Drum­herum aus­ge­blendet und mich ein­fach darauf gefreut, als 18-Jäh­riger die Spieler zu treffen, die ja immer noch amtie­render Vize­welt­meister waren. Es hat großen Spaß gemacht, mit all den bekannten Spie­lern zu trai­nieren – Michael Bal­lack, Oliver Kahn, Bernd Schneider. Es war der Lohn für alles, auf das ich für den Fuß­ball ver­zichtet hatte. Als ich klein war, gab es nur Schule, Trai­ning, Abend­essen, Schlafen.

Es muss auch eine Bestä­ti­gung für ihn gewesen sein, die rich­tige Wahl getroffen zu haben, als er sich dafür ent­schied, das Trikot mit dem schwarzen Adler zu tragen, nicht das mit dem weißen. Ich habe pol­ni­sche Wur­zeln und ein pol­ni­sches Herz“, sagt Podolski. Als ich mal in Polen war, stat­tete der Ver­band mir einen Besuch ab. Sie haben mir ein Trikot mit der Nummer 10 und dem Namen Podolski über­reicht und gesagt, sie würden sich freuen, wenn ich für Polen spiele. Der Natio­nal­trainer hat auch mal ange­rufen. Aber ich hatte seit der U15 alle deut­schen Jugend­na­tio­nal­mann­schaften durch­laufen und wollte nicht mehr wech­seln. Außerdem gab es damals noch die Regel, dass man sich fest­spielt, wenn man einmal für die U21 auf­läuft. Von daher war es über­haupt kein Thema, für Polen zu spielen. Viel­leicht wäre alles anders gekommen, wenn die Gespräche früher statt­ge­funden hätten, aber wer weiß das schon? Ich sah die Chance, in Deutsch­land A‑Nationalspieler zu werden. Meine Kar­riere war Schritt für Schritt ver­laufen, von einer Jugend­na­tio­nal­mann­schaft zur nächsten. Und es war nur noch ein Schritt bis zur A‑Mannschaft.“