Seite 4: „Ich wollte nie für Deutschland spielen“

Herr Bar­barez, Sie haben mal gesagt, dass Sie von Bos­nien und Her­ze­go­winas WM-Pre­miere 2018 träumen.
Stimmt. Aber natür­lich war ich nicht ent­täuscht, weil wir uns vier Jahre eher qua­li­fi­ziert haben. Ich habe mich sehr gefreut.
 
Ent­täuscht, dass Sie nie bei einem großen Tur­nier dabei waren?
Nein. Wenn das mein ein­ziges Ziel gewesen wäre, hätte ich mich 1998 ein­bür­gern lassen können.
 
In Deutsch­land?
Es gab damals diese Dis­kus­sion, und hätte ich Berti Vogts damals ange­rufen, wäre ich heute viel­leicht mehr­ma­liger WM- und EM-Teil­nehmer. So habe ich kein ein­ziges großes inter­na­tio­nales Tur­nier gespielt. Den­noch: Für mich hat sich die Frage damals nie gestellt, denn ich wollte immer für das Land spielen, in dem ich geboren wurde. Ganz egal, wie klein oder erfolglos die Natio­nalelf ist.
 
Einmal standen Sie kurz vor einer EM-Teil­nahme.
Das war im Oktober 2003. Wir hatten in der EM-Qua­li­fi­ka­ti­ons­gruppe mit Rumä­nien, Nor­wegen und Däne­mark als totaler Underdog alle Experten erstaunt. Bei einigen Spielen wurden wir sogar aus­ge­lacht, weil wir nicht genü­gend Spieler zusammen bekamen. Nach Däne­mark reisten wir etwa nur mit 13 Mann, und die Gegner spot­teten: Wollt ihr Hal­len­fuß­ball spielen?“ Das hat uns aller­dings enorm moti­viert, und auf einmal standen wir, wenige Jahre nach dem Krieg, vor dem ganz großen Fuß­ball­tri­umph.
 
Für die EM hätte Bos­nien-Her­ze­go­wina das letzte Spiel gegen Däne­mark nur gewinnen müssen.
Doch das Spiel endete 1:1. Heute denke ich manchmal, dass wir nicht zwei Stunden vor Spiel­be­ginn aufs Feld hätten gehen sollen.
 
Warum?
Das Asim-Fer­ha­tović-Sta­dion in Sara­jevo war schon am frühen Nach­mittag bis auf den letzten Platz gefüllt. Als ich gegen 16 Uhr, zwei Stunden vor Spiel­be­ginn, aus den Kata­komben guckte, sah ich in so viele hoff­nungs­volle Gesichter. Auf den Tri­bünen saßen all die Men­schen, die in den ver­gan­genen Jahren so viel Leid und Elend erlebt hatten. Wir wollten unbe­dingt ihre Erwar­tungen erfüllen – und dann ver­krampften wir. Es war einer der emo­tio­nalsten und tra­gischsten Momente meines Lebens. Ich habe nach einem Fuß­ball­spiel nie so bit­ter­lich geweint wie an jenem Okto­be­r­abend 2003.