Seite 3: „Für meinen Jubel gegen Bayern schäme ich mich“

Lotto King Karl hat Ihnen sogar mit Ein Stern von Bos­nien“ ein Lied geschrieben.
Super, nicht wahr?! In Bos­nien gibt es übri­gens auch ein paar Sergej-Lieder. (lacht)
 
Sie wohnen immer noch in Ham­burg. Wann haben Sie sich in die Stadt ver­liebt?
Es war Liebe auf den ersten Blick. Diese Stadt ist ein­fach wun­der­schön, der Hafen, die Elbe, die Parks, dazu noch die kul­tu­rellen Seiten. Und sport­lich lief es für mich per­sön­lich toll. Gleich in meiner ersten Saison wurde ich Tor­schüt­zen­könig.
 
Aber war es nicht ent­täu­schend? Um die Jahr­tau­send­wende waren Sie auf dem Zenit Ihrer Kar­riere, doch der HSV spielte gegen den Abstieg.
Natür­lich war die sport­liche Situa­tion anfangs nicht gut. Doch ich fühlte mich wohl, es ging mir im Fuß­ball auch immer ein stück­weit um das Umfeld und die Stadt. Um das Gefühl von Heimat. Und das hatte ich eben in Ham­burg.
 
Sie waren in Ham­burg einer der Spieler, die sich nie vor Fans ver­steckten. Sind Sie gerne berühmt?
Dar­über habe ich mir nie Gedanken gemacht. Ich habe auch nach meinen großen Ver­trägen immer so weiter gelebt wie als unbe­kannter Fuß­baller. Ich hatte nie Lust, mich groß­artig zu ver­ste­cken, ich mochte Trans­pa­renz.
 
Sie nervt es also nicht, wenn Fans kommen und gemein­same Fotos machen?
Ach, wenn du dich ganz normal durch deine Viertel bewegst, gewöhnen sich die Leute schnell daran, diese selt­same Star-Fan-Grenze wird dann auf­ge­hoben. Ich war immer normal.
 
Als die Ham­burger Bild“ mal zu auf­dring­lich wurde, haben Sie die Zei­tung über ein Jahr boy­kot­tiert. Kann man diesen Kampf über­haupt gewinnen?
Eigent­lich nicht, aber mir war das scheiß­egal. Ich bin ein Gerech­tig­keits­fa­na­tiker, ich bin ein stolzer Mensch, und ich bin super­loyal. Wenn ich das Gefühl habe, dass Men­schen mein Ver­trauen miss­brau­chen oder in meine Pri­vat­sphäre ein­dringen, werde ich sehr wütend. Mit der Bild“ war es nichts Kon­kretes, die halb­wahren Berichte aus meinem Pri­vat­leben hatten sich ein­fach sum­miert. Doch glauben Sie mir: Es war ein lus­tige Zeit.
 
Inwie­fern?
Ich bin nach den Trai­nings­ein­heiten oder Spielen ein­fach an den Repor­tern vor­bei­ge­gangen. Wenn trotzdem mal O‑Töne von mir in der Bild“-Zeitung standen, wusste nicht nur ich: Alles von den Kol­legen geklaut – oder wieder aus­ge­dacht.
 
Sie haben mit dem HSV zwei Spiele gegen Juventus Turin bestritten. Heute erin­nern die Fans vor allem das 4:4. Warum spricht eigent­lich nie­mand über das Rück­spiel?
Das denke ich auch manchmal. Wir haben schließ­lich 3:1 in Turin gewonnen. Juve war in dieser Saison viel­leicht ein wenig außer Form, den­noch war die Mann­schaft gespickt mit Super­stars: Zine­dine Zidane, Edwin van der Saar, Edgar Davids, Ales­sandro del Pierro und natür­lich Filippo Inz­aghi. Die Spiele waren dem­nach ein High­light.
 
Im Hin­spiel zogen Sie Inz­aghi in der letzten Minute am Trikot. Der Schieds­richter ent­schied auf Elf­meter, der den 4:4‑Ausgleich bedeu­tete. Wie sehen Sie die Szene heute?
Wenn man die TV-Bilder anschaut, kann man sagen, es war ein Elf­meter. Wenn man den Spieler kennt, dann.… nun ja. (lacht)
 
Eine andere denk­wür­dige Szene spielte sich am letzten Spieltag der Saison 2001 ab. Sie schossen damals ein Tor gegen den FC Bayern und fei­erten, als hätten Sie die Cham­pions League gewonnen. Dabei ging es für den HSV um nichts mehr.
Es war die legen­däre Meister-der-Herzen-Saison, in der Schalke bei einem HSV-Sieg gegen Bayern den Titel geholt hätte. Die Atmo­sphäre im Vor­feld und die Stim­mung im Sta­dion haben mich wahn­sinnig mit­ge­rissen. In dem Moment, als ich den Ball ein­köpfte, schwebte ich durchs Sta­dion. Es war wie Fredi Bobic mal gesagt hat: Ein Tor zu schießen ist besser als ein Orgasmus.“ Doch heute schäme ich mich dafür.
 
Sie meinen, der Jubel war unan­ge­bracht?
Wir waren par­tei­isch. Dabei hatten wir nichts mit Schalke oder Bayern zu tun. Wir waren der HSV. Was hatten uns die anderen zu inter­es­sieren? Nach dem Jubel kam auch Alex­ander Zickler zu mir und fragte: Was soll das?“ Erst guckte ich ihn irri­tiert an, später habe ich ihn ver­standen.
 
In jener Saison 2000/01 sind Ihnen auch zwei Tore gegen Ihren alten Klub Borussia Dort­mund gelungen. Spürten Sie Genug­tuung?
Ich habe mich damals vor der BVB-Tri­büne auf­ge­baut. Aller­dings habe ich auch gelernt, nicht nach­tra­gend zu sein. Ich habe Bernd Krauss mehr­mals wie­der­ge­troffen. Es ist alles okay zwi­schen uns.
 
Die meisten Fans glaubten, dass Sie Ihre Kar­riere in Ham­burg beenden. Sie sind aber dann nach Lever­kusen. Wieso?
Wenn ein Rudi Völler bei einem auf dem Sofa sitzt, sagt man nicht ab, oder? (lacht) Im Ernst: Er hat sich sehr um mich bemüht und mir von Anfang an eine hohe Wert­schät­zung ent­ge­gen­ge­bracht.
 
Sie spürten ein Stan­ding, das Sie bei Ver­trags­ge­sprä­chen mit dem HSV ver­misst hatten?
Ich habe Bernd Hoff­mann (damals HSV-Vor­stands­vor­sit­zender, d. Red.) immer wieder gesagt, dass der HSV nicht glauben sollte, er könne mich halten, nur weil ich die Stadt Ham­burg liebe. Denn auch wenn immer klar war, dass ich hier leben wollte und die Stadt liebe, war ein Wechsel zu einem anderen Verein nicht aus­ge­schlossen. In Lever­kusen hatte ich eine gute Zeit, aber ich muss auch zugeben, dass sich der Wechsel nach sechs Jahren in Ham­burg anfühlte wie ein Neu­be­ginn im Aus­land.