Seite 2: „Spazierstöcke, gefüllt mit Hochprozentigem“

Sie und Ihr Bruder schossen in Ihrer ersten Saison, 1978/79, ein Drittel aller Düs­sel­dorfer Tore. In der Liga wurden Sie Siebte, dazu kamen die Erfolge im Euro­pa­pokal. Wie erlebten Sie diese Zeit? 
Für einen jungen Spieler war es wie in einem Film. Die his­to­ri­sche Bedeu­tung habe ich gar nicht rea­li­siert. Die kleine For­tuna spielte im Finale gegen das große Barca, die her­aus­ra­gende Mann­schaft in Europa, und wir hatten sie am Rande einer Nie­der­lage.

Warum haben Sie die Partie letzt­lich doch nicht gewonnen? 
Das Spiel war am Ende sehr knapp, wir ver­loren 3:4 nach Ver­län­ge­rung. Bar­ce­lona hatte Johan Nees­kens und Hans Krankl. Wer weiß, wie es aus­ge­gangen wäre, wenn sich Dieter Brei und Gerd Zim­mer­mann, zwei unserer wich­tigsten Spieler, nicht ver­letzt hätten.

Sie haben in dem End­spiel ein kurioses Tor erzielt, gemeinsam mit Ihrem Bruder. Wer war denn nun zuletzt am Ball? 
Es weiß wirk­lich keiner von uns, wer das Tor geschossen hat. Damals gab es noch nicht so viele Kameras und Zeit­lupen. In der offi­zi­ellen Sta­tistik des Euro­päi­schen Fuß­ball­ver­bands werde ich als Tor­schütze geführt. Kor­rek­ter­weise hätte die UEFA aber den Spieler Allofs/​Allofs auf­führen müssen.

War der Thomas Allofs der Saison 1978/79 psy­cho­lo­gisch in der­selben Situa­tion wie Mario Götze 2010/11? 
Es war ver­mut­lich die­selbe Leich­tig­keit, mit der ich durch die Saison stürmte. Man hat in dieser Phase der Kar­riere keinen Druck. Wenn man dann noch Erfolg hat, geht alles wie von selbst.

Wann haben Sie zum ersten Mal Druck ver­spürt? 
Kurz vor dem Finale gegen Bar­ce­lona. Wir betraten das Sta­dion in Basel und alles war bereits gelb-rot ein­ge­hüllt, in den kata­la­ni­schen Farben. Die Barca-Fans hatten ein­deutig die Über­macht in der alten Kiste.

Einen Monat später sind Sie DFB-Pokal­sieger geworden, gegen Hertha BSC Berlin, wieder nach Ver­län­ge­rung. Wolf­gang Seel erzielte in der 116. Minute das ent­schei­dende Tor, aus unmög­li­chem Winkel. 
Hin­terher fei­erten wir in Hameln die ganze Nacht. Ich habe mit Rudi Bommer zusammen die dickste aller ver­füg­baren Brazil-Zigarren geraucht. Und unser Ober­bür­ger­meister über­reichte uns Spa­zier­stöcke, die mit Hoch­pro­zen­tigem gefüllt waren. Wir waren damit sicher kein gutes Bei­spiel für die Jugend.

Was war das Geheimnis der dama­ligen For­tuna-Mann­schaft? 
Wir hatten eine sehr gute Kame­rad­schaft. Die jungen Spieler wurden von den älteren unter­stützt, ich beson­ders von Egon Köhnen. Der gute Geist war aber unser schle­si­scher Zeug­wart Karl Hei­del­berger. Er rief uns immer C und D – Claus und Dommy.

Was haben Sie mit den älteren Spie­lern unter­nommen? 
Wir sind regel­mäßig in die Alt­stadt gegangen, auch mit den Jour­na­listen. Die Pinte“ war unser Stamm­lokal. Nach den Spielen haben wir im Klub­haus am Flinger Broich zusammen geflip­pert, Bil­lard gespielt und Mett­bröt­chen gegessen.

Was haben Sie damals ver­dient? 
In der Saison 1978/79 bekam ich 48 000 Mark Jah­res­ge­halt. Ich habe noch bei meinen Eltern gewohnt, konnte meinen ersten PKW finan­zieren. Den ersten Pro­fi­ver­trag bei der For­tuna hat dann mein Bruder aus­ge­han­delt. Klaus war quasi mein Manager, er hat sogar die Lauf­zeit bestimmt.

Wäh­rend sich Ihr Bruder für Finanzen inter­es­sierte, dis­ku­tierten Sie in der Kabine über Spiel­sys­teme. 
Taktik war etwas, was mehr aus dem Bauch heraus geschah. Wir haben ja nur die Szenen aus der Sport­schau gesehen. Und das Tempo war viel lang­samer, des­halb konnte man alles aber auch umso besser nach­voll­ziehen.

Sie erkannten, dass die Bayern ihre eigene Raum­de­ckung nicht ver­standen hatten. Wem haben Sie davon erzählt? 
Ich war zu dem Zeit­punkt eigent­lich noch Jugend­spieler und habe das unserem Trainer gesteckt: Hans-Dieter Tip­pen­hauer. Er hat tat­säch­lich darauf reagiert – und wir gewannen mit 7:1. Gegen Bayern Mün­chen. Paul Breitner hat hin­terher gesagt: Die Düs­sel­dorfer begriffen unsere neue Raum­de­ckung besser als wir selbst.