Marcus Urban, waren Sie mit den Lebens­ge­schichten von anderen homo­se­xu­ellen Fuß­ball­profis ver­traut, bevor Sie Ver­steck­spieler“ schrieben?
Ich habe mir die gesamte Geschichte von Justin Fas­hanu durch­ge­lesen. Und ich weiß noch, wie erstaunt ich dar­über war, dass es schon in den 80er Jahren einen Spieler gab, der sich öffent­lich zu seiner Homo­se­xua­lität bekannte.

Der Name Heinz Bonn sagte Ihnen nichts?
Ich wusste, dass es mal einen HSV-Spieler gab, der von einem Stri­cher­jungen ermordet worden sein soll, doch seinen Namen kannte ich nicht. Erst später, kurz nach der WM 2006, also in der Zeit, als die Bericht­erstat­tung über Homo­se­xua­lität im Fuß­ball zunahm, las ich häu­figer die Geschichte von Heinz Bonn.

Erkannten Sie sich in dieser Geschichte wieder?
Diese Wand­lung vom Spiel­ge­stalter zum Defen­siv­tak­tiker, die Heinz Bonn gemacht hat, gab es auch bei mir. Auch ich hatte den Drang, nach vorne zu gehen, meine Technik und Schnel­lig­keit aus­zu­spielen, durch tak­ti­sches Defen­siv­spiel bekam ich aber die Aner­ken­nung von meinem Trainer, das war dann für mich wich­tiger als frei auf­zu­spielen. Ich habe auch gute Kri­tiken in der Presse bekommen und mein Trainer sagte mir, dass ich Poten­zial für die Bun­des­liga habe.

Sind die Namen Heinz Bonn und Justin Fas­hanu heute Mahn­male?
Sie sind Denk­male, im Sinne von: denk mal nach. Die Geschichten dieser Spieler sagen unglaub­lich viel über die gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nisse aus, über das soziale Ver­halten, das Mit­ein­ander in Gruppen oder ganz gene­rell über Freund­schaften. Dar­über nach­zu­denken, das macht durchaus Sinn.

Gibt es im Pro­fi­fuß­ball über­haupt echte Freund­schaften? 
Dieser Mythos der Elf Freunde“ hat etwas Zyni­sches. Freund­schaften habe ich im Fuß­ball jeden­falls nicht ken­nen­ge­lernt, alle Kon­takte, die ich hatte, waren ober­fläch­li­cher Natur. Ich habe mit meinen Mit­spie­lern nie über Gefühle gespro­chen, das war mir ein­fach zu heikel. 

Einmal haben Sie den Ver­such gewagt.
Ich stand mit einem Mit­spieler in der Stra­ßen­bahn. Und da sagte ich zu ihm: Ich bin schwul.“ Das hatte etwas von Auf­gabe, es war die Sehn­sucht, end­lich mal los­lassen zu können. Er reagierte nicht. Kein Wort. Letzt­lich auch erschüt­ternd, wie wenig die Spieler über­ein­ander wissen, und wie wenig über­haupt der Wunsch besteht, mehr von seinem Mit­spieler erfahren zu wollen.

Wussten Sie von der Homo­se­xua­lität bei anderen Spie­lern?
Natür­lich habe ich mir dar­über Gedanken gemacht, doch ich hätte es nie gewagt, jemanden ernst­haft darauf anzu­spre­chen. Es war alles geprägt von Skepsis und Angst. Und dieser Frage: Was ist, wenn du dich einem anver­traust, doch die Ver­mu­tung falsch war?

In Ita­lien gibt es angeb­lich eine Art Netz­werk, über das sich homo­se­xu­elle Profis aus­tau­schen können.
In Ita­lien hat ein ver­mummter Spieler auf dem Fern­seh­sender Canal 7“ im Jahr 2008 von einem sol­chen Netz­werk berichtet, das stimmt. Sonn­tags nach dem Spiel, also in den Stunden, wo die Spieler etwas Zeit haben und nicht so sehr in ihr Dop­pel­leben mit Kind und Frau ein­ge­bunden sind, treffen sich die Spieler in Hotels. Escor­t­ser­vices orga­ni­sieren im Hin­ter­grund Kon­takte für ent­spre­chende Lie­bes­dienste. Da fließt auch ganz schön Geld. Viel­leicht ist es in Deutsch­land ähn­lich. Ich weiß davon aller­dings nichts.

In Deutsch­land soll es zumin­dest Agen­turen geben, die sich darauf spe­zia­li­siert haben, dem homo­se­xu­ellen Spieler Frauen anzu­bieten, um den Schein der Hetero-Ehe zu wahren. Dem Spieler wird also dabei geholfen, sich eine dop­pelte Exis­tenz auf­zu­bauen. Ist das Fort­schritt oder ein­fach nur gro­tesk?
Das kann man aus ver­schie­denen Blick­win­keln sehen. In den 60er Jahren, als Homo­se­xua­lität noch strafbar war, hätte sich ein Spieler wie Heinz Bonn solch einen Ser­vice sicher­lich gewünscht. Also schlichtweg die Mög­lich­keit zu haben, ein Dop­pel­leben führen zu können. In meiner Jugend, also in den 80ern in der DDR, war es ähn­lich. Dort war das Thema Homo­se­xua­lität noch mehr Tabu als in der BRD, es gab keine Bars, keine Orte, keinen Dis­kurs. Zudem lag damals keine grö­ßere Metro­pole in der Gegend, wo ich auf­ge­wachsen bin. Da war nichts.

Und der andere Blick­winkel?
Mensch­lich gesehen, muss man natür­lich sagen, dass dieser Zustand gene­rell unhaltbar ist. Man kann nie­mandem zumuten, auf­grund seiner Gefühls­welt, die angeb­lich falsch oder unpas­send sein soll, zwei Leben zu führen. So ent­stehen starke Aggres­sionen, Min­der­wer­tig­keits­kom­plexe, Lebens­unmut, Ener­gie­lo­sig­keit. Ganz ein­fach, weil man inner­lich unfrei lebt und ein starkes Gefühl wie Sexua­lität ständig unter­drü­cken muss. Und diese Aggres­sionen ent­laden sich nicht selten auf dem Platz. Im End­ef­fekt haben wir es mit trau­ma­ti­sierten Men­schen zu tun – da braucht man sich nichts vor­ma­chen.

Würden Sie einem Spieler raten, sich zu outen?
Schmäh­ge­sänge blieben nicht aus und das Medi­en­in­ter­esse wäre riesig, das heißt also, die­je­nigen Spieler, die sich outen würden, wären omni­prä­sent. Auf der anderen Seite gebe es aus anderen Teilen der Gesell­schaft Aner­ken­nung. Viel­leicht sollte sich eine Gruppe outen. Einige homo­se­xu­elle Spieler und Trainer haben sich ja mitt­ler­weile auch ver­netzt. Zudem hat der DFB viel in dieser Hin­sicht getan. Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis wir die ersten schwulen Bun­des­li­ga­spieler haben. Das wird die Gesell­schaft ver­än­dern, ganz ein­fach weil sich ein­ge­fah­rene Vor­stel­lungen über die Geschlech­ter­rollen – sowohl des Mannes als auch der Frau – sich danach ver­än­dern werden.


Marcus Urban, geboren 1971, spielte in den 80er Jahren in DDR-Jugend­na­tio­nal­mann­schaften, später bei Rot-Weiß Erfurt. Nach seiner Fuß­ball-Kar­riere stu­dierte er Sozio­logie und Archi­tektur in Weimar. Bekannt wurde Urban durch seine Bio­grafie Ver­steck­spieler. Die Geschichte des schwulen Fuß­bal­lers Marcus Urban“, die er zusammen mit dem Jour­na­listen Ronny Blaschke schrieb und die 2008 im Werk­statt-Verlag erschien. Momentan laufen Vor­be­rei­tungen für einen Film, der in den nächsten zwei Jahren pro­du­ziert werden soll. Marcus Urban arbeitet heute als Desi­gner in Ham­burg (Infos: www​.marcus​-urban​-soul​de​sign​.com).