Alex­ander Zickler, was fällt Ihnen ein, wenn Sie sich an das Drama von Bar­ce­lona 1999 erin­nern?

Dass ich nach zwei Stunden schlimmster Nie­der­ge­schla­gen­heit die schönste Party erleben durfte, die ich in meiner Zeit beim FC Bayern je gefeiert habe. Selbst unsere Feiern nach dem Sieg im UEFA-Cup 1996 und dem Tri­umph in der Cham­pions-League 2001 können da nicht mit­halten. In dieser Nacht sind wir als Mann­schaft eng zusam­men­ge­rückt und haben uns geschworen – diesen Titel holen wir uns noch.



Wie viel Weiß­bier waren es denn?

Viel, sehr viel.

Die schönste Feier Ihres Lebens nach der schmerz­haf­testen Nie­der­lage, die man sich vor­stellen kann. Wie ist das mög­lich?


Beim Ban­kett kam natür­lich über­haupt keine Stim­mung auf. Aber irgend­wann hat Mario Basler dann ver­sucht, das Ganze anzu­heizen. Und da wurde jedem klar, dass einem in sol­chen Situa­tionen nichts übrig bleibt, als nach vorne zu schauen.

Wie viele Spieler sahen das genauso?


Drei oder vier sind auf ihre Zimmer, der Rest hat gefeiert.

Haben Sie beim Ban­kett noch über das Spiel gespro­chen?


Markus Babbel und Mario Basler saßen mit bei mir am Tisch, mit denen habe ich noch einige Situa­tionen dis­ku­tiert. Am Anfang waren auch noch Carsten Jancker und Stefan Effen­berg dabei, aber die waren so nie­der­ge­schlagen, dass sie dann aufs Zimmer gegangen sind.

Wann waren Sie im Bett?


Ich bin gegen sechs auf mein Zimmer gegangen, habe meine Tasche gepackt und geduscht. Dann gab es Früh­stück und kurz danach sind wir zum Flug­hafen gefahren.

Sie sagen, aus dem Frust von 1999 sei der gemein­same Wille ent­standen, der 2001 zum Gewinn der Cham­pions League führte. Die Mann­schaft 1999 war also, im Gegen­satz zu vielen anderen Bayern-Äras, nicht die gewohnte Zweck­ge­mein­schaft.


Die Mischung in unserem Team stimmte. Wir hatten nicht den einen Top­star, wir hatten eine super Mann­schaft. Nicht von unge­fähr haben wir Man­chester United im Finale über weite Stre­cken domi­niert.

Warum haben Sie den­noch ver­loren?


Wenn man ein Spiel in der Nach­spiel­zeit ver­liert, kann man hin­terher nicht sagen, wir hätten anders spielen müssen. Man­chester hat alles nach vorne geworfen, alles ver­sucht und wir hatten die Mög­lich­keiten, das Spiel zu ent­scheiden. Wir waren die bes­sere Mann­schaft und hätten gewinnen müssen.

Sie wurden in der 71. Minute aus­ge­wech­selt. Wie haben Sie die Gegen­tore erlebt?


Ich saß auf der Bank am Spiel­feld­rand. Nach dem Aus­gleich war ich total fertig, hab nur noch nach unten geschaut, aber das Spiel lief weiter. Ich war sicher, jetzt geht es in die Ver­län­ge­rung. Aber dann fiel auch noch der zweite Treffer…

Hatten Sie sich schon ein fri­sches Trikot für die Sie­ger­eh­rung über­ge­streift?


Nein, aber ich habe mit­be­kommen wie zwei Kisten Caps und die T‑Shirts mit der Auf­schrift »Cham­pions-League-Sieger 1999« zur Bank gebracht wurden. Ein, zwei Shirts hatte ich mir schon für den Schluss­pfiff genommen.

Dann kam der Moment des Abpfiffs…


…und mit ihm die abso­lute Leere. Ich saß zehn Minuten auf dem Rasen und konnte gar nichts mehr machen, ich war ein­fach nur fas­sungslos. Wir waren die bes­sere Mann­schaft und hatten so unver­dient ver­loren. Es war bit­terer, als wenn man nach Elf­me­ter­schießen ver­liert.

In der Kabine soll Gra­bes­stim­mung gewesen sein.


Das war unbe­schreib­lich. Nach und nach tru­delten wir dort ein und jeder hat ver­sucht, ein ruhiges Plätz­chen zu finden, wo man sich ver­ste­cken und mit seinen Gefühlen wieder ins Reine kommen kann.

Oliver Kahn stürzte diese Nie­der­lage in eine Depres­sion, die fast zwei Jahre anhielt.


Die Cham­pions-Legue zu gewinnen, ist das Größte, was man im Ver­eins­fuß­ball errei­chen kann. Und der Olli ist so ehr­geizig, es muss ihn wahn­sinnig gemacht haben, dieses Spiel in der Nach­spiel­zeit zu ver­lieren. Zum Glück haben wir den Titel 2001 geholt, sonst hätte er wahr­schein­lich bis 50 gespielt, um den Pokal doch noch in den Händen zu halten.

Das Spiel in Bar­ce­lona 1999 war Ihr erstes Cham­pions-League-Finale. Konnten Sie vorher gut schlafen?


Ich bin relativ früh ins Bett gegangen, so kurz vor elf Uhr. Aber ich bin erst gegen 1.00 Uhr ein­ge­schlafen, weil die Anspan­nung so groß war. Man fragt sich, was wohl auf einen zu kommt und natür­lich spielt man im Kopf auch ver­schie­dene Sze­na­rien durch.

Waren Sie über­rascht, dass Sie von Anfang an spielten?


Ein biss­chen schon. Zwei Tage vor dem Spiel kam der Trainer zu mir und hat mir meine Posi­tion ange­wiesen. Ich sollte ver­su­chen, über die Außen zu kommen und meine Schnel­lig­keit aus­zu­nutzen.

Alex­ander Zickler, war dass Finale in Bar­ce­lona 1999 die schlimmste Nie­der­lage Ihres Lebens?


Auf jeden Fall! Ich glaube auch nicht, dass es schlimmer geht. Das Spiel gegen Man­chester ver­folgt einen noch Jahre später, denn so ein Spiel hat es noch nie gegeben. Ich weiß auch nicht, wie es heute wäre, wenn wir den Titel 2001 nicht geholt hätten…