Posen freut sich. Am Don­nerstag wird der frisch gekürte deut­sche Meister ein Gast­spiel in der wahr­schein­lich fuß­ball­ver­rück­testen Stadt Polens geben, das die hei­mi­schen Fans kaum erwarten können. 30.000 Tickets hat Lech Posen, der sich den Auf­tritt des BVB beim Transfer von Robert Lewan­dowski ver­trag­lich zuge­si­chert hat, bisher ver­kauft. Und dass bis zum Don­nerstag auch die rest­li­chen Ein­tritt­karten unters Volk gebracht werden, daran zwei­felt in Polen nie­mand. Doch ob die Partie über­haupt statt­findet, war bis Samstag noch gar nicht klar. Wäre es beim Heim­spiel von Lech gegen Ruch Chorzow zu irgend­wel­chen Zwi­schen­fällen auf den Tri­bünen gekommen, hätte der Posener Tra­di­ti­ons­verein bis zum Ende der Saison alle Heim­spiele unter Aus­schluss der Zuschauer aus­tragen müssen.

Und Geis­ter­spiele sind in der Eks­t­ra­klasa“ momentan nichts Unge­wöhn­li­ches. Am letzten Wochen­ende mussten Widzew Lodz und Slask Breslau ihre Liga­spiele vor leeren Rängen aus­tragen. Einen Spieltag zuvor ereilte dieses Schicksal Legia War­schau und Lech Posen. Jene zwei Ver­eine, die am 3. Mai den pol­ni­schen Pokal unter­ein­ander aus­machten und deren Fans sich nach dem Schluss­pfiff im Sta­dion von Brom­berg schwere Aus­ein­an­der­set­zungen mit der Polizei lie­ferten. Erst durch den Ein­satz von Was­ser­wer­fern und Gum­mi­ge­schossen konnte die Polizei die gewalt­tä­tigen Anhänger der Klubs wieder auf die Tri­bünen zurück­drängen.

Pre­mier­mi­nister mit här­terer Gangart gegen­über den Ver­einen

Die pol­ni­schen Sta­dien dürfen nicht zu einem Schlacht­feld der Hoo­li­gans werden. Wir werden keinen Schritt zurück­wei­chen. Dieser Krieg ist zu gewinnen“, erklärte Pre­mier­mi­nister Donald Tusk einen Tag später der pol­ni­schen Presse und kün­digte nicht nur eine harte Gangart gegen­über den gewalt­tä­tigen Fuß­ball­an­hän­gern, son­dern auch gegen­über den Ver­einen an. Mir scheint, dass die bis­he­rige Zusam­men­ar­beit zwi­schen den Ver­eins­füh­rungen und den Fan­klubs, hinter denen sich oft Hoo­li­gans ver­ste­cken, manchmal sogar ein­fache Kri­mi­nelle, mit ein Grund für die bis­he­rige Taten­lo­sig­keit war. Ich habe gar den Ein­druck, dass man­cher­orts die Hoo­li­gan­gruppen das Geschehen in den Sta­dien und Ver­einen domi­nieren.“

Polens Fan­be­auf­tragter: Hoo­li­gans werden bei der EM unter­gehen“ »

Beob­achter des pol­ni­schen Fuß­balls können dem pol­ni­schen Regie­rungs­chef nur zustimmen. Fast jedes Wochen­ende domi­nieren die Kibole“, wie die fana­ti­schen und gewalt­be­reiten Fuß­ball­an­hänger in Polen genannt werden, das Geschehen in den Sta­dien. Sie orga­ni­sieren nicht nur Cho­reo­gra­phien und brennen ben­ga­li­sche Feuer ab, was einen Sta­di­on­be­such ja noch zu einem Erlebnis macht, son­dern lie­fern sich auch mit den Fans der geg­ne­ri­schen Mann­schaft und der Polizei Schlä­ge­reien. Wenn nicht im Sta­dion, dann an ver­ab­re­deten Stand­orten. Hinzu skan­dieren sie gerne frem­den­feind­liche Parolen oder beschimpfen und bedrohen aus Lan­ge­weile schon mal die Pikniki“, jene Fans der eigenen Mann­schaft, die sich nur in Ruhe das Fuß­ball­spiel ansehen wollen. Kurz gesagt: es ist eine mit der hie­sigen Ultra-Bewe­gung ver­wandte Szene, die leider nur jedes Übel der Fuß­ball­kultur über­nommen hat.

So selbst­ver­ständ­lich wie die unschönen Szenen in pol­ni­schen Sta­dien sind aber auch seit Jahren die Ankün­di­gungen der Politik, der Justiz, der Liga und des Fuß­ball­ver­bandes PZPN, mit den Kibole“ end­lich auf­zu­räumen – bisher ohne irgend­welche Ergeb­nisse. Zu sehr ver­folgten alle betei­ligten Seiten ihre eigenen Inter­essen und fanden keinen gemein­samen Weg. Wie unef­fektiv die bis­he­rige Bekämp­fung der Gewalt in den Sta­dien war, zeigen Staruch“ und Litar“, die momentan bekann­testen Hoo­li­gans des Landes.

Freude über Tod eines Legia-Mit­be­sit­zers

Der Legia-War­schau-Fana­tiker Piotr Starucho­wicz, öst­lich der Oder besser bekannt als Staruch“, sorgte im April für Auf­sehen, als er den Legia-Ver­tei­diger Jakub Rzez­niczak vor Fern­seh­ka­meras im Sta­dion ohr­feigte und bedrohte. Es war nicht das erste Mal, dass Staruch“ negativ auf­fiel. Bereits 2009 erhielt der Capo der War­schauer Ultras von dem Verein ein Sta­di­on­verbot, weil er in der Zyleta“, wie die Tri­büne der Legia-Ultras genannt wird, Noch einer“ anstimmte. Kurz zuvor bat der Sta­di­on­spre­cher um eine Schwei­ge­mi­nute für den ver­stor­benen Janusz Wejchert, einem der zwei Mit­be­sitzer von Legia War­schau, die den Tra­di­ti­ons­verein vor einigen Jahren vor dem finan­zi­ellen Ruin ret­teten, trotzdem aber zum Feind­bild der Ultras wurden. Seit Beginn ihrer Amts­zeit bekämpfte die Klub­füh­rung die Gewalt im Sta­dion, um mehr Fami­lien in die neue Arena zu locken, die die Stadt dem Verein erbaute und das zu Beginn der Saison offi­ziell eröffnet wurde.

Doch zum Glück Starucho­wicz’ fürch­tete die Politik eine Fort­set­zung des Kon­flikts zwi­schen der Klub­füh­rung und den Ultras und somit leere Ränge in einem aus Steu­er­gel­dern finan­ziertem Sta­dion und inter­ve­nierte gegen dieses und wei­tere Sta­di­on­ver­bote, was in der schon erwähnten Ohr­feige endete. Aber auch das aktu­elle Sta­di­on­verbot hatte für Starucho­wicz zunächst nicht viele Kon­se­quenzen. Beim Pokal­fi­nale in Brom­berg reckte er vor den Pres­se­fo­to­grafen gar den Pokal in den Himmel, da die Polizei in einem Brief auf seinen Ein­lass drängte. In Polen dürfen nur Gerichte lan­des­weite Sta­di­on­ver­bote aus­spre­chen, wes­halb der pol­ni­sche Fuß­ball­ver­band, der Staruch“ nicht dabei haben wollte, ihm auf Drängen der Polizei eine Karte ver­kaufen musste. 

Litar“, alias Krzy­sztof Mar­ko­wicz, erlangte lan­des­weite Berühmt­heit im Januar. Damals berich­tete die Gazeta Wyborcza, wie Litar“ beim Spiel der pol­ni­schen Natio­nal­mann­schaft gegen die Elfen­bein­küste, das im November in Posen statt­fand, einen Mann und seine Familie bespuckte und tät­lich angriff und dabei von Sicher­heits­ka­meras gefilmt wurde. Mar­ko­wicz gefiel es nicht, dass die Familie in den pol­ni­schen Natio­nal­farben und nicht in den weiß-blauen Ver­eins­farben von Lech Posen auf der Tri­büne erschienen ist.

Mar­ko­wicz ist jedoch kein gewöhn­li­cher Hoo­ligan. Zu dem Zeit­punkt war er nicht nur Vor­sit­zender von Wiara Lecha“, dem größten Fan­club von Lech Posen, mit dem der Verein eng zusam­men­ar­beitet, son­dern auch Vor­sit­zender der lan­des­weiten Fan­ver­ei­ni­gung, einem Gesprächs­partner des pol­ni­schen Fuß­ball­ver­bandes. Seinen Lebens­un­ter­halt ver­dient er mit einem Cate­ring-Unter­nehmen, dessen Haupt­ein­nah­me­quelle bisher das Posener Sta­dion war. Bei Heim­spielen von Lech Posen war Mar­ko­wicz’ Firma für die Gas­tro­nomie ver­ant­wort­lich.

Bis zum Ende der Saison: Alle Spiele ohne Aus­wärts­fans

Nachdem die Regie­rung in den ver­gan­genen Tagen aber hart durch­ge­griffen hat und sogar Sta­dien schließen ließ, scheinen für Staruch“ und Litar“ schwere Zeiten ange­bro­chen zu sein. Sie und 48 wei­tere iden­ti­fi­zierte Teil­nehmer der Aus­schrei­tungen von Brom­berg wurden in den letzten Tagen von Anti-Ter­ror­ein­heiten der Polizei ver­haftet. Zudem wird die Polizei in den nächsten Tagen Fahn­dungs­fotos von wei­teren Teil­neh­mern der Aus­schrei­tungen in Brom­berg ver­öf­fent­li­chen. Aber auch die Ver­eine, denen Tusk ver­gan­gene Woche bei Kon­se­quenzen androhte, und der PZPN reagieren. Bis zum Ende der Saison werden alle Spiele ohne Aus­wärts­fans aus­ge­tragen und Lech Posen hat end­lich die wirt­schaft­li­chen Bezie­hungen zu Litar“ abge­bro­chen.

Die gewöhn­li­chen pol­ni­schen Fuß­ball­fans, die vor über 20 Jahren noch in Scharen in die Sta­dien drängten, und der Rest der Bevöl­ke­rung hono­rieren das momen­tane harte Vor­gehen der Regie­rung. In allen Mei­nungs­um­fragen stieg die Zustim­mung für die Bür­ger­platt­form (PO) von Donald Tusk, was den Pre­mier­mi­nister, ein halbes Jahr vor den Par­la­ments­wahlen, sicher­lich freut. Doch ganz alleine sind Litar“, Staruch“ und ihre sich gerne prü­gelnden Kum­pels im poli­tisch tief gespal­tenen Polen noch nicht. Pro­mi­nente Unter­stüt­zung haben sie aus­ge­rechnet im natio­nal­kon­ser­va­tiven Lager rund um Jaroslaw Kac­zynski und seine Partei Recht und Gerech­tig­keit (PiS) gefunden.

Anstän­dige Fans unter­stützen, die natio­nale Werte hoch­halten“

Als Rache für regie­rungs­kri­ti­sche Trans­pa­rente, die in den letzten Wochen ver­mehrt in den pol­ni­schen Sta­dien auf­tauchten, bezeichnet die PiS die aktu­elle Politik der Regie­rung und feiert gleich­zeitig die Vater­lands­liebe der Kibole“, weil diese gerne auch mal an his­to­ri­sche Ereig­nisse wie den War­schauer Auf­stand von 1944 erin­nern. Ich werde immer die anstän­digen Fans unter­stützen, die natio­nale Werte hoch­halten“, erklärte der PiS-Euro­pa­ab­ge­ord­nete Jacek Kurski ver­gan­gene Woche in Polens bekann­tester TV-Talk­show. Was er und seine Partei über­sehen ist jedoch der Grund für die regie­rungs­kri­ti­schen Pla­kate. Bereits im März drohte Tusk ernste Kon­se­quenzen an, weil pol­ni­sche Hoo­li­gans beim Gast­spiel der Natio­nal­mann­schaft im litaui­schen Kaunus ran­da­lierten.