Martin Curi, für Ihren Blog Bra­si­lien im Land des Fuß­balls“ haben Sie ganz Bra­si­lien bereist. Wo sind Sie der­zeit?
Zuhause in Rio de Janeiro. Mitt­ler­weile war ich in allen WM-Städten und habe über 30.000 Kilo­meter hinter mich gebracht. Von Rio nach Manaus alleine sind es 4400 Kilo­meter.

Sie spre­chen ver­schie­dene Pro­ble­ma­tiken des bra­si­lia­ni­schen Fuß­balls an, unter anderem die nied­rigen Zuschau­er­zahlen. Ist Fuß­ball nicht das Wich­tigste in Bra­si­lien?
Es ist eine Kata­strophe! Man erwartet hier mehr Fuß­ball­be­geis­te­rung – so sagt es der Ste­reotyp. In Bra­si­lien herrscht aber Zuschau­er­mangel. Es kommt keine Stim­mung auf. In Deutsch­land wird ein Sta­dion durch­schnitt­lich von 40.000 Zuschauern besucht. Bei der Partie Vasco da Gama gegen Pal­meiras (3:1) waren nur 2000 Leute im Sta­dion – und das in der ersten Liga!

Was sind Ihrer Ansicht nach die Haupt­ur­sa­chen?
Aus meiner Sicht finan­ziert sich der bra­si­lia­ni­sche Fuß­ball in erster Linie über den Spie­ler­ver­kauf nach Europa. Er ist dazu da, um Spieler her­an­zu­züchten. Für die Ver­eine ist der Fan daher absolut unwichtig. Also werden Anspiel­zeiten nach anderen Kri­te­rien ange­setzt. Mitt­woch­spiele um 22 Uhr sind gut für Ein­schalt­quoten, aber schlecht um ins Sta­dion zu gehen.

Was haben Sie über die Fan­szene in Erfah­rung gebracht?
In die Fan­blocks zu gehen ist trotz den nied­rigen Zuschau­er­zahlen immer ein Erlebnis. Die Ultra­grup­pie­rungen nennen sich Tor­cida orga­nizada“ (auf Deutsch: Fan­klub). Aber wie in Deutsch­land, ist auch hier Gewalt immer ein Thema. Meist sind es aber nur ein­zelne Kra­wall­ma­cher, aber trotzdem werden sie dann pau­schal im Kol­lektiv ver­ur­teilt. 2006/07 habe ich dann aber eine Reak­tion der Fan­szene beob­achtet.

Die da wäre?
Es gibt zwei deut­liche Ver­än­de­rungen. Die Ein­tritts­preise sind stark ange­stiegen. Als ich 2002 ankam, musste ich für einen Steh­platz nur drei Real bezahlen. Das ist umge­rechnet ein Euro. Heute kostet das Ticket 16 Euro. Der Fuß­ball ist etwas für Bes­ser­ver­diener geworden. Das ist eine typi­sche Kon­se­quenz großer Ereig­nisse, wie eben der WM. Die zweite Reak­tion ist eine Indi­vi­dua­li­sie­rung der Fans. Sie wollen nicht mehr mit den Tor­cidas, son­dern alleine ins Sta­dion gehen. Damit wollen diese Grup­pie­rungen den Poli­zei­schi­kanen aus dem Weg gehen. Diese kes­selt homo­gene Gruppen gerne ein und nimmt sie alle gemeinsam fest. Da sich diese Indi­vi­duen aber im Sta­dion wieder treffen, werden sie trotzdem als Kol­lektiv wahr­ge­nommen.

Haben Sie schon einmal eine solche Poli­zei­schi­kane erlebt? 
Für meine Magis­ter­ar­beit beglei­tete ich einen Fan­klub von Flu­mi­nense. Ich fuhr mit dem Fanbus sechs Stunden lang zum bra­si­lia­ni­schen Pokal­fi­nale nach Sao Paulo. Wir kamen erst gegen Abend an. Es war schon sehr kalt, weil es Winter war. Vor der Stadt wurden wir von der Polizei ange­halten und stun­den­lang draußen in der Kälte wie Schwer­ver­bre­cher abge­tastet. Es war fürch­ter­lich und hat so lange gedauert, dass wir zu spät zum Spiel kamen. Auf der Rück­fahrt wurde unser Bus mit Steinen beworfen, doch die Polizei hat nicht reagiert. Wir mussten ohne Fenster durch die eis­kalte Nacht zurück­fahren.
 
Wie unter­scheiden sich diese neuen Grup­pie­rungen sonst noch von anderen?
Sie suchen sich ihre Vor­bilder, zumin­dest die Gesänge, in Argen­ti­nien. Der Verein Gremio aus Porto Alegre hat einen sol­chen Fan­klub. Die Fans haben die Lieder von den Nach­barn über­nommen und ins Por­tu­gie­si­sche über­setzt. Das wurde in den letzten fünf Jahren zu einer Mode­welle.

In Ihrem Blog erwähnen Sie wei­tere Skur­ri­li­täten. Viele Sportler werden später zu Poli­ti­kern. Was hat das für Aus­wir­kungen?
Aus deut­scher Sicht ist das natür­lich eine kuriose Situa­tion. Es ist vor­teil­haft, wenn dich die Leute bereits aus der Sport­szene kennen. Ich habe jetzt den Fall der Patricia Amorim auf­ge­griffen. Sie ist ehe­ma­lige Schwim­merin und heu­tige Prä­si­dentin vom Fuß­ball­klub CR Fla­mengo und nebenbei Stadt­rätin in Rio. Nun kam ans Licht, dass sie Leute von ehren­amt­li­chen Stellen im Stadtrat ange­stellt hat. Sprich: Öffent­liche Gelder bezahlen ehren­amt­liche Mit­ar­beiter eines Fuß­ball­ver­eins, was als Miss­wirt­schaft aus­ge­legt werden kann. Das kommt in Bra­si­lien sehr häufig vor.

Es ist all­ge­mein bekannt, dass die Kri­mi­na­li­täts­rate in Rio hoch ist. Wie gefähr­lich ist die Stadt wirk­lich?
Natür­lich gibt es immer Gebiete, in die man nicht gehen sollte. Aber hier hat die WM eine posi­tive Aus­wir­kung. Es wurde in die öffent­liche Sicher­heit inves­tiert und in den Favelas Sta­tionen der soge­nannten Frie­dens­po­lizei“ ein­ge­richtet. Seither ist die Situa­tion in den Armen­sied­lungen viel besser geworden. Als ich hier her kam, hab ich nachts noch Schüsse gehört. Die Favelas sind direkt vor meinem Haus. Man kann jedoch kri­ti­sieren, dass die Polizei nur in den rei­chen süd­li­chen Teil der Stadt gekommen ist und den Norden ver­nach­läs­sigt. Denn die Tou­risten werden sich in der Süd­zone tum­meln. 

Sie greifen auch die Ras­sismus-Pro­ble­matik auf. In der Partie zwi­schen Quilmes AC und Sao Paulo FC im April 2005 soll Leandro Des­a­bato den ehe­ma­ligen Wolfs­burger Gra­fite ras­sis­tisch belei­digt haben und wurde noch am Spiel­feld­rand fest­ge­nommen. Wie schlimm ist es mit Ras­sismus in Bra­si­lien?
Die Bra­si­lianer sehen sich als nicht-ras­sis­ti­sches Land, in dem alle Haut­farben zusammen leben können. Ober­fläch­lich gesehen ist es auch so. Sie stellen sich gerne als mora­lisch über­legen dar und beschul­digen andere Völker des Ras­sismus. Argen­ti­nier, Euro­päer und die Ame­ri­kaner sind dabei ihre größten Gegner. Das mit Des­a­bato unter­streicht gleich alle Vor­ur­teile. Er war zwei Nächte lang in Unter­su­chungs­haft, ohne dass irgend­welche Beweise vor­lagen, am Ende ist die Geschichte im Sande ver­laufen. Die Sozi­al­struktur Bra­si­liens ist meiner Mei­nung nach absolut ras­sis­tisch. Bei der Job­suche werden Weiße Dun­kel­häu­tigen vor­ge­zogen und die Indianer werden all­ge­mein dis­kri­mi­niert.

Wurden Sie schon ras­sis­tisch behan­delt?
Ich musste auch schon üble Erfah­rungen machen und mich als Nazi beschimpfen lassen, weil ich deutsch bin.

Die großen Events können auch nega­tive Aus­wir­kungen haben. In Süd­afrika ver­wahr­losen Sta­dien, in Polen mussten Leute ihre Häuser ver­lassen, um Platz zu schaffen für Hotels, die heute nie­mand mehr braucht. Sehen Sie solche Schwie­rig­keiten auch auf Bra­si­lien zukommen?
In Rio ist der Umbau voll im Gange. 2014 werden wir eine kom­plett andere Stadt haben. Wir hatten auch den Fall von Zwangs­ent­eig­nungen. Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen ver­su­chen darauf auf­merksam zu machen. Es gibt nicht nur Gewinner. Die WM hat ein­deutig auch Ver­lierer und die haben keine Chance. Rio ist unglaub­lich teuer geworden. So kommen viele Leute in finan­zi­elle Schwie­rig­keiten und müssen teils weg­ziehen.

Was pas­siert nach der WM mit all den Sta­dien und Hotels?
In Rio sehe ich da kein Pro­blem. Rio wird immer Leute anlo­cken, Fuß­ball wird hier immer gespielt werden. Aber was pas­siert in Cuiaba, Manaus, Porto Alegre, Natal und Bra­silia? Wer geht da noch hin? Bra­silia baut ein 70.000-Mann Sta­dion, hat aber keinen Fuß­ball­verein. Und das ist die Haupt­stadt.

Zurück zu Ihrer Tour. Wel­ches ist Ihr Lieb­lings­sta­dion?
Schwierig zu sagen. Ich finde, dass durch die neuen Sta­dien Fan­kultur zer­stört wird. In Manaus und Bra­silia werden schöne Sta­dien gebaut, aber die alten Kom­plexe sind meine Favo­riten. Estadio das Laran­jeiras“ von Flu­mi­nense ist ein wun­der­schönes Sta­dion von 1920. Dort schwebt man über dem Tor. Es wird aber leider nicht mehr für Liga­spiele genutzt. Dann das Sao Janu­ario“ von Vasco da Gama. Es wurde 1927 gebaut und hat diese alten por­tu­gie­si­schen Fliesen am Haupt­ein­gang. Die sind so herr­lich ver­schnör­kelt. Das Sta­dion liegt mitten in einer Wohn­ge­gend und hat gerade des­wegen Charme.

Was macht die alten Sta­dien sonst noch ein­zig­artig?
Die haben bes­seres Essen! In Rio ist das unsäg­lich. Es gibt nur Ham­burger und Hot Dogs. Im Conde Rodolfo Crespi“ in São Paulo werden in der Halb­zeit sizi­lia­ni­sche Süßig­keiten ver­kauft. Das sind Teig­ringe mit einer süßen Creme. Da ist man mitten im ita­lie­ni­schen Migran­ten­viertel und der Bäcker um die Ecke ver­kauft seine Spe­zia­li­täten. Das Conde Rodolfo Crespi“ gehört zum Clube Atle­tico Juventus. Juventus ist ein kleiner Verein aus der dritten Liga, der von Migranten aus Turin gegründet wurde – wie der Name erahnen lässt. Die Farbe Weinrot haben sie aber vom Stadt­ri­valen FC Turin über­nommen. Das Sta­dion ist aus den zwan­ziger Jahren und ein archäo­lo­gi­sches Relikt, daher wird es oft für his­to­ri­sche Filme ver­wendet.

Aus Ihren Erfah­rungen wollen Sie nächstes Jahr ein Buch mit dem Titel Bra­si­lien – im Land des Fuß­balls“ ver­öf­fent­li­chen. Wollen Sie damit die Fuß­ball­kultur Bra­si­liens bewahren?
Ich möchte eine kri­ti­sche Posi­tion ein­nehmen und eine Seite abseits der übli­chen Ste­reo­typen auf­zeigen. Ich werde kein Samba oder halb­nackte Frauen zeigen. Ich will den bra­si­lia­ni­schen Fuß­ball so prä­sen­tieren, wie er ist.

Martin Curi hat die Erfah­rungen seiner zwei­jäh­rigen Reise durch die WM-Städte in seinem Blog Bra­si­lien – im Land des Fuß­balls“ und auf Face­book fest­ge­halten.