Bas­tian Schwein­s­teiger, wie war Ihr Urlaub?

Gut und nach so einer langen Saison auch mehr als nötig.

Mussten Sie viel an Fuß­ball denken?

Ich habe ver­sucht, es zu ver­meiden. Aber natür­lich plant man inner­lich und über­legt sich, wie die nächste Saison laufen sollte.



Wo waren Sie?

In Thai­land. Ich dachte, dass die Leute dort nicht so viel mit der WM am Hut haben. Aber die Mit­ar­beiter im Hotel haben alle nach Auto­grammen gefragt. Dort ist die eng­li­sche Liga Nummer eins, aber die meisten haben mir gesagt, dass ihnen bei der WM der deut­sche Fuß­ball am besten gefallen hat.

In Süd­afrika war die deut­sche Elf im Ver­laufe des Tur­niers auch der größte gemein­same Nenner in der Bevöl­ke­rung. Woran lag das Ihrer Mei­nung nach?

Der große Unter­schied zu frü­heren Tur­nieren ist, dass wir sehr viel auf­ge­holt haben. Wir spielen einen Fuß­ball, an dem die Zuschauer Gefallen finden. Unser Spiel hat Hand und Fuß und es ist kein Glücks­spiel mehr. Schneller Fuß­ball nach vorne – das kommt ein­fach an.

Wie hat die WM Ihnen per­sön­lich gefallen?

Auch sehr gut. Keiner hätte gedacht, dass wir mit einer so jungen Mann­schaft so weit kommen. Aber ich bin schon mal Dritter bei einer WM geworden, des­wegen war ich nicht ganz so eupho­ri­siert. Langsam wird es Zeit für mich, auch inter­na­tio­nale Titel zu gewinnen.

Nach dem EM-Finale 2008 haben Sie gesagt, Sie wünschten, Sie könnten das Spiel gegen Spa­nien noch einmal machen. Die Chance hatten Sie jetzt – erneut ohne Erfolg.

Wir waren näher dran als 2008, aber wir haben uns die Nie­der­lage selbst zuge­führt.

Was meinen Sie damit?

Wir haben nicht den Level wie in den Spielen zuvor erreicht. Ich glaube immer noch, dass Spa­nien bezwingbar ist. Aber ich will so ein Spiel nicht so gewinnen, wie es die Schweiz in der Vor­runde gemacht hat…

Die Spa­nien 90 Minuten unter­legen war und glück­lich mit 1:0 gewann.

Ich will gewinnen, indem wir gleich­wertig sind und in den letzten zwanzig Minuten einen Tick besser. Klar haben wir mehr Druck als 2008 gemacht, aber letzt­lich muss gegen Spa­nien jeder Spieler auf dem Platz genau wissen, was zu tun ist.

Was aber nicht der Fall war. Haben Sie die Defi­zite im Spiel wäh­rend des Urlaubs noch einmal reka­pi­tu­liert?

Nein, dazu hatte ich wäh­rend des Rück­flugs von Süd­afrika genü­gend Zeit. Ich ver­suche solche Nie­der­lagen zügig abzu­haken, zumal ich relativ schnell wusste, an was es gelegen hat.

Sie gelten als sehr ana­ly­ti­scher Spieler. Wie bereiten Sie sich auf ein Halb­fi­nale gegen Spa­nien vor?


Ich will viel über den Gegner wissen. Wie spielt er? Was sind seine Stärken und Schwä­chen? Der Rest liegt an mir selbst: Habe ich den Glauben an die eigene Stärke?

Über welche Rituale gelangen Sie zu diesem Bewusst­sein?

Per­sön­lich habe ich da einen gewissen Ablauf, der bei jedem Spiel der­selbe ist: Bei der Natio­nal­mann­schaft gehe ich immer als letzter aus dem Bus. In der Kabine bilden wir kurz vor dem Raus­gehen noch einen Kreis und auf dem Spiel­feld dann noch einmal.

Es fällt auf, dass Sie inzwi­schen einer der Spieler sind, die in diesen Kreisen die Anspra­chen halten.

Bei Bayern macht das auch der Mark (van Bommel, d.Red.). Mir geht es in diesen Momenten darum, den anderen nochmal die Wich­tig­keit des Spiels zu ver­deut­li­chen und in wenigen Sätzen klar zu machen, was auf dem Spiel steht. Wir hatten gerade bei dieser WM viele junge Spieler, die diese Unter­stüt­zung brauchten.

Was sagen Sie denn zu den Anderen?

Das gehört nicht an die Öffent­lich­keit.

Sind es Schlacht­rufe und ritua­li­sierte Anfeue­rungen oder indi­vi­du­elle Anspra­chen.


Es ist nicht immer das Gleiche. Jeder Gegner spielt anders, des­wegen ist es auch von der Situa­tion abhängig, was ich da sage.

Ab wann war es klar, dass Sie diese Anspra­chen halten? Seit Sie bei Bayern auf die zen­trale Posi­tion ver­setzt wurden?

Ich plane so etwas nicht. Aber bei kon­stant guten Leis­tungen kann man Ver­ant­wor­tung über­nehmen. Ist es nicht in jedem Beruf so, dass es nach ein paar Jahren leichter wird, Erfah­rungen wei­ter­zu­geben? Natür­lich wurde bei mir die Sache auch dadurch beschleu­nigt, dass mein Trainer bei Bayern mich zum ersten Mal dort auf­ge­stellt hat, wo ich am besten bin. Dazu kam, dass ich dritter Kapitän bei Bayern und Vize-Kapitän in der Natio­nalelf geworden bin.


Jupp Heynckes war der erste, der Sie im zen­tralen Mit­tel­feld auf der Sech­ser­po­si­tion ein­setzte. Louis van Gaal hat Sie dann zunächst wieder auf die Außen­bahn beor­dert.

Eigent­lich wollte Louis van Gaal ein anderes System spielen. Aber das klappte nicht so gut, weil Franck (Ribéry, d.Red.) lieber auf der Außen­bahn spielen wollte. Also hat der Trainer sich unsere Sicht auf die Dinge ange­hört. Ich denke, das ist eine große Qua­lität von ihm, dass er unsere Ideen in seine Arbeit mit ein­be­zieht. Auch andere Spieler wollten, dass ich zen­traler spiele, also hat er sich drauf ein­ge­lassen.

Von einem Füh­rungs­spieler denkt man, dass er so eine Rolle beim Trainer auch mal ein­for­dert.


So bin ich nicht. Wenn ein Vor­ge­setzter etwas sagt, hat man das aus meiner Sicht zu akzep­tieren, auch wenn es schwierig ist. Für mich war es die ganzen Jahre nicht leicht, wenn der Bun­des­trainer sagte: Du spielst linkes oder rechtes Mit­tel­feld.“ Trotzdem habe ich ver­sucht, erfolg­reich für die Natio­nalelf zu spielen.

Wusste Joa­chim Löw, welche Posi­tion Sie bevor­zugen?

Er wusste relativ früh, dass ich lieber auf der Sechs und der Acht spiele. Michael Henke, unser Co-Trainer bei Bayern, wusste es auch. Aber in Mün­chen haben vorher Owen Har­greaves, Jens Jere­mies, Michael Bal­lack oder davor Nico Kovac diese Posi­tion besetzt. Da kam ich als junger Spieler nicht so ein­fach vorbei.

Zen­tral können Sie nun mehr glänzen, als Sie es auf einer Außen­po­si­tion können.

Auf der Außen­bahn kann man genauso glänzen. Der Unter­schied ist nur, dass man in der Mitte immer in der Nähe des Balles ist. Als Außen­spieler ist man von Bällen aus der Mitte abhängig. Und wenn man einen Spieler wie Franck Ribery auf der Außen­seite hat, den besten Spieler der Liga, ver­sucht man ihn natür­lich ein­zu­setzen.

Sport­lich könnte es der­zeit nicht besser für Sie laufen. Was hat sich in Ihrem Leben ver­än­dert?

Die ver­gan­genen drei Jahre waren eine Zäsur. Ich achte noch mehr auf Fit­ness, Rege­ne­ra­tion und Ernäh­rung als früher. Da wir bei Bayern inzwi­schen fast den ganzen Tag ver­bringen, ist es auto­ma­tisch so, da wir dort früh­stü­cken und manchmal zu Mittag essen. Das Paket um Fuß­ball herum ist inten­siver geworden.

Sie haben sich also auf­grund von ver­eins­in­ternen Auf­lagen dis­zi­pli­niert?

Nein, keiner ist auf mich zuge­kommen. Ich war vorher auch keiner – auch wenn es anders in der Zei­tung stand – der ständig in die Disko gelaufen ist. Aber ich habe bei Mus­ter­profis wie Lucio oder Zé Roberto gesehen, was es bringt, wenn man neben dem Trai­ning noch viel arbeitet. Dass man es so schaffen kann, über meh­rere Spiele das Niveau zu halten. Früher hatte ich nach guten Spielen auch immer wieder schlech­tere. Jetzt spiele ich schon lange relativ kon­stant.

An wel­cher Stelle hat bei Ihnen dieses Umdenken ein­ge­setzt?

Ein ent­schei­dender Moment war die EM 2008. Vorher hatte ich immer gespielt, dann ver­letzte ich mich in der Vor­be­rei­tung in Kai­sers­lau­tern gegen Weiß­russ­land an der Kapsel. Gott sei Dank nichts Schlim­meres pas­siert. Ich bin dann drei Tage später wieder gegen Ser­bien auf­ge­laufen, obwohl ich es hätte bleiben lassen sollen. In dem Spiel war ich schwach. Vor dem EM-Auf­takt gegen Polen sagte mir der Bun­des­trainer dar­aufhin, dass er Cle­mens Fritz vor­ziehen würde. Das hat mich sehr traurig gemacht. Ich kam später noch ins Spiel, berei­tete das zweite Tor mit vor und war sicher, dass ich nun im nächsten Spiel gegen Kroa­tien auf­laufen würde. Aber auch daraus wurde nichts. Als ich dann beim Stand von 2:0 für Kroa­tien ein­ge­wech­selt wurde, bekam ich einen Schlag auf den ange­schla­genen Knö­chel. Ich reagierte falsch – und wurde vom Platz gestellt.

Gegen Öster­reich waren Sie dar­aufhin gesperrt.

Wenn wir da aus dem Tur­nier geflogen wären, hätte ich in Deutsch­land ordent­lich Gegen­wind bekommen. Das waren bange Momente, die mich sehr in Grü­beln brachten.

Gab es wei­tere Brüche in Ihrem Wer­de­gang, die sie zum Grü­beln brachten?

Die Jah­res­haupt­ver­samm­lung beim FC Bayern im November 2009 hat mich emo­tional sehr berührt.

Wieso?

Im Rahmen der Ver­an­stal­tung wurden wir drei Kapi­täne – Mark van Bommel, Philipp Lahm und ich – aus­ge­rufen. Jeder hat Applaus bekommen, nur bei mir wurde gepfiffen. Das hat mich schwer getroffen. Jetzt jubeln mir alle zu, aber vor einem knappen Jahr wurde ich aus­ge­pfiffen. Von den eigenen Fans, für die ich immer mein Herz geop­fert habe und in jedem Spiel ver­sucht habe, das Beste zu geben. Der Moment wird mir immer in Erin­ne­rung bleiben, weil er mir gezeigt hat, dass man im Fuß­ball schnell nach oben kommt, es aber sehr schnell auch wieder bergab gehen kann.

Und das war der Aus­löser, noch mehr auf die Ernäh­rung zu achten und inten­siver zu trai­nieren?

Ein biss­chen schon. Der Körper braucht ein­fach Pflege. Ich habe letztes Jahr mit WM und Vor­be­rei­tung fast 60 Spiele gemacht. Trotzdem hätte ich nach dem Uru­guay-Spiel gleich wieder auf­laufen können. Ich kann mich noch an die Jahre zuvor erin­nern. Da saß ich am 30. Spieltag in der Kabine und war ein­fach nur müde. Das pas­siert mir jetzt nicht mehr.

Oliver Kahn hat über den Sekun­dentod im Cham­pions-League-Finale 1999 gesagt, er habe vorher noch nie eine der­ar­tige Leere in sich gespürt. Er habe zwei Jahre gebraucht, um diese Nie­der­lage auf­zu­ar­beiten. Kennen Sie auch solche Frust­mo­mente?

Natür­lich, wenn auch nicht so aus­ge­prägt wie er. Da ist er schon etwas anders als ich. Aber wenn du ein Cham­pions-League-Finale ver­lierst und so knapp dran bist am inter­na­tio­nalen Titel, tut es schon wahn­sinnig weh. Ich habe fünf Dou­bles gewonnen, aber ich will nicht zwanzig Dou­bles gewinnen und nachher ohne inter­na­tio­nalen Titel abtreten. Das will ich nicht.

Ihr Bruder Tobias hat vor einigen Jahren mit dem Auto ein 13-jäh­riges Mäd­chen ange­fahren, das hin­terher seinen Ver­let­zungen erlag. Ihn traf keine Schuld. Wie sehr ver­blassen Frust­mo­mente im Sport, wenn Sie sich in seine Lage ver­setzen?

Das ist sehr schwierig für mich, denn Fuß­ball ist mein Leben. Natür­lich weiß ich, dass eine Nie­der­lage nicht damit zu ver­glei­chen ist, was meinem Bruder pas­siert ist. Aber auch ich kenne Momente der Ohn­macht. Zum Bei­spiel, als damals geschrieben wurde, dass ich wetten und Spiele mani­pu­lieren würde. Dinge, die völlig aus der Luft gegriffen waren. Natür­lich habe ich im Urlaub ein paar Tage, in denen ich aus­blenden kann, welche Rolle Fuß­ball in meinem Leben spielt. Aber im Grunde lebe ich mit und für den Fuß­ball – und werde es vor­aus­sicht­lich auch über die nächsten zehn Jahre hinaus tun.

Gibt es nichts, bei dem Sie völlig vom Fuß­ball abschalten können?

Nein.

Fehlt Ihnen im eng getack­teten Pro­fi­alltag die Zeit, andere Inter­essen aus­zu­bilden?

Nein, aber ich bin der Mei­nung, dass ich aus dem, was ich am besten kann, das Maxi­male her­aus­holen sollte. Viele stu­dieren neben dem Fuß­ball. Die haben auch recht, aber ich habe keine Zeit für so etwas. Ich habe nor­ma­ler­weise mitt­wochs und sams­tags Spiele und ver­suche, die Zeit dazwi­schen effektiv zu nutzen, um meinem eigenen Wunsch von einem inter­na­tio­nalen Titel näher zu kommen.

Sie sollen ja auch eher ungern zur Schule gegangen sein.

Ich war jeden­falls sehr froh, als es vorbei war. Ich habe die Mitt­lere Reife geschafft – das war auch mein Ziel.

Als Jugend­li­cher war Lothar Mat­thäus Ihr großes Vor­bild, einer der Spieler, die stell­ver­tre­tend für eine ganze Ära beim FC Bayern stehen. Nach der Kar­riere hat er große Pro­bleme, seinen Platz in der Gesell­schaft zu finden. Glauben Sie, dass es Ihnen einst leichter fallen wird?

Das ist Kopf­sache. Ich denke, Lothar Mat­thäus hatte die außer­ge­wöhn­liche Gabe zu erkennen, wie es im Fuß­ball für ihn laufen sollte. Inwie­weit er diese Gabe auch im pri­vaten Leben hat, kann ich nicht beur­teilen und es steht mir auch nicht zu. Ich glaube nicht, dass ich so bin wie er. Ich bin ein Spieler, der nebenbei ein gewöhn­li­ches Leben führt, der ganz normal in ein Café geht. Mün­chen ist eine Stadt, die einen in Ruhe lässt. Die Bedie­nungen in einem Café behan­deln mich ganz normal, okay viel­leicht nur ein ganz klein wenig anders. Ich spiele ab und zu im Eng­li­schen Garten Fuß­ball, weil ich es mag, nor­male Dinge mit meinen Freunden zu machen.

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Morgen auf 11freunde​.de:
Bas­tian Schwein­s­teiger spricht im zweiten Teil des Inter­views über Bie­trinken mit Angela Merkel, seine Freund­schaft zu Lukas Podolski und einen mög­li­chen Wechsel im Aus­land.

In 11FREUNDE #106: Der wahre Prinz“ – wie aus dem unbe­küm­merten Schweini“ der wich­tigste deut­sche Spieler wurde: Bas­tian Schwein­s­teiger. Jetzt am Kiosk.