Nou Camp 1999 war das Trauma. In jener Euro­pa­po­kal­nacht von Bar­ce­lona wurde dem FC Bayern alles genommen. Glaube, Kraft, Welt­bild. 102 Sekunden, die den Rekord­meister nicht zwei­feln, son­dern ver­zwei­feln ließen, 102 Sekunden, die eine Wunde rissen, so klaf­fend, so tief, so exis­ten­ziell, dass keine deut­sche Meis­ter­schaft und kein deut­scher Pokal­sieg sie hätte heilen können. Heilen konnte, wie sich das eben aus­nimmt bei der Trauma­be­wäl­ti­gung, allein die Kon­fron­ta­tion mit dem Trauma selbst. Ein wei­teres Finale musste her, unbe­dingt.

So geriet die baju­wa­ri­sche Saison in der Cham­pions League 2000/01 zur Katharsis eines ganzen Ver­eins, die von großen Hei­lungs­schüben (Vier­tel­fi­nal­sieg über Man­chester United) und klei­neren Rück­fällen (0:3 gegen Olym­pique Lyon in der Grup­pen­phase) begleitet wurde. Franz Becken­bauer Wut­rede nach der Pleite gegen die Fran­zosen kam einem ein­dring­li­chen Weckruf gleich, man solle jetzt, da man sich auf dem Weg der Bes­se­rung befindet, nicht noch alles weg­schmeißen. Der Appell zeigte Wir­kung, aber über eine end­gül­tige Gesun­dung musste der 23. Mai 2001 ent­scheiden.

Der grüne Rasen von San Siro als Psych­ia­ter­couch, 74.500 im Sta­dion und sehr viel an den TV-Geräten, kurz: eine The­ra­pie­ein­heit als öffent­li­ches Spek­takel. Ottmar Hitz­feld sagte: Ich habe nie damit gerechnet, schon nach zwei Jahren die Chance dazu zu bekommen, die Scharte von Bar­ce­lona aus­zu­wetzen.“ Der General war nervös, aber auch opti­mis­tisch. Hatte die Mann­schaft nicht einige Tage vorher in einem unglaub­li­chen Finale dem FC Schalke 04 die Schale aus der Hand gerissen? Hatte sie nicht mit Bixente Liz­a­razu, Patrik Andersson und Gio­vane Élber Typen, die vor zwei Jahren ver­misst wurden? Hatte sie nicht die Großen sowieso schon aus­ge­schaltet und jetzt nur noch einen Underdog vor der Brust?

Viel sprach für die Bayern. Trotzdem oder gerade des­halb war die Fall­höhe in Mai­land unwahr­schein­lich hoch. Man konnte mit einem Sieg die Schre­cken der Ver­gan­gen­heit end­lich tilgen – oder sich mit einer Nie­der­lage unrettbar zer­stören. Eine zweite Mutter aller Nie­der­lagen“ hätte wohl auch das Mia-san-Mia nicht ver­wunden, jeden­falls nicht auf abseh­bare Zeit.