Seite 2: "Wenn Australien nicht geklappt hätte, hätte ich meine Karriere beendet"

Im ver­gan­genen Herbst haben Sie erzählt, dass Corona ein Grund gewesen sei, nicht ins Aus­land zu wech­seln. War Corona jetzt ein Grund, nach Aus­tra­lien zu gehen?
Letzt­lich war das sogar der aus­schlag­ge­bende Punkt für Aus­tra­lien. Wir wollten weg davon, dass Corona wei­terhin unser Leben dik­tiert.

Was war zuerst da: der Wunsch, nach Aus­tra­lien zu gehen, oder die kon­krete Anfrage eines Ver­eins?
Das eine bedingt das andere: Die inter­na­tio­nalen Grenzen sind kom­plett dicht. Du kommst nur nach Aus­tra­lien, wenn du eine Arbeits­ge­neh­mi­gung hast. Ich hatte Kon­takt zu drei ver­schie­denen Ver­einen. Letzt­lich habe ich mich für Perth ent­schieden, weil das für meine Familie und mich der beste Ort zur rich­tigen Zeit ist.

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Sebas­tian Lang­kamp im Trikot von Perth Glory.

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Sport­lich läuft es in Perth aller­dings noch nicht ganz so gut. Für Ihren neuen Klub haben Sie erst zwei Teil­zeit­ein­sätze bestritten.
Über die volle Distanz wäre es kör­per­lich gar nicht mög­lich­ge­wesen. Man darf nicht ver­gessen, dass ich mein letztes Spiel am 7. Juli bestritten hatte, in der Rele­ga­tion mit Werder Bremen. Die fuß­ball­freie Zeit war schon extrem lang. Des­halb hatten wir uns darauf ver­stän­digt, dass ich hier erst einmal eine vier­wö­chige indi­vi­du­elle Vor­be­rei­tung mit einem Ath­le­tik­trainer absol­viere. Da bin ich eigent­lich ganz gut durch­ge­kommen, habe mir dann aber gleich im ersten Team­trai­ning die Speiche gebro­chen und bin damit genauso vier Wochen aus­ge­fallen wie später noch einmal mit einem Faser­riss im Adduktor.

Wann rechnen Sie damit, wieder spielen zu können?
Seit zwei Wochen bin ich zurück im Trai­ning. Aber die Saison endet bald, und ich stehe für die letzten Spiele nicht mehr im Kader. Statt­dessen soll ich die Zeit nutzen, um mich für die Vor­be­rei­tung auf die nächste Saison vor­zu­be­reiten. Eine Vor-Vor­be­rei­tung sozu­sagen. Mein Körper braucht ein­fach noch, um sich den Gege­ben­heiten hier anzu­passen. Aber ich bin mit dem Wissen hier hin­ge­kommen, dass das pas­sieren kann. Jetzt muss ich abwarten, ob der Körper das noch mal mit­ma­chen möchte oder ob ich sage: Okay, jetzt ist es gut gewesen. Dar­über bin ich mir noch nicht ganz im Klaren.

Belastet Sie diese Frage? Oder sind Sie relativ ent­spannt?

Einer­seits bin ich ent­spannt. Ande­rer­seits bin ich schon noch so ambi­tio­niert, dass ich einen ver­nünf­tigen Abschluss meiner Fuß­bal­ler­kar­riere haben möchte. Ich weiß, dass es genü­gend Spieler gibt, die wegen einer Ver­let­zung auf­hören mussten. Ich weiß auch, dass man irgend­wann seinem Alter Tribut zollt. Aber ich bin ganz ehr­lich: Ich hatte die Hoff­nung, dass mein Körper durch das Leben hier, durch die Ent­spannt­heit, ein biss­chen weniger Stress hat. Leider ist es bisher ein biss­chen anders gekommen.

Sie waren mehr als ein halbes Jahr ohne Verein. Wie sind Sie damit umge­gangen?

Nach der nicht so opti­malen Saison mit Werder habe ich mir schon bewusst meine Zeit genommen, auch um den Kopf ein biss­chen aus­zu­schalten. Die ver­gan­gene Saison war psy­cho­lo­gisch nicht ohne, auch weil ich mit Ver­let­zungs­pro­blemen zu kämpfen hatte, wenig Spiele gemacht habe und mir anschlie­ßend erst mal klar werden musste: Was will ich noch von den letzten zwei, drei Jahren meiner Kar­riere?

In Ham­burg kenne ich mitt­ler­weile jede Lauf­strecke“

Im Herbst haben Sie sich eine Zeit lang bei der U 23 von Hertha BSC fit­ge­halten.
Ja, für diese Mög­lich­keit bin ich Hertha sehr dankbar. Es war coro­nabe­dingt alles nicht so leicht. Mit Blick auf die Win­ter­trans­fer­pe­riode habe ich mich dann auf ein gewisses Fit­ness­ni­veau gebracht. In Ham­burg, wo wir damals noch gewohnt haben, kenne ich mitt­ler­weile jede Lauf­strecke. Es war sogar schon so, dass mich andere Läufer gegrüßt haben.

Ist Ihnen auch mal der Gedanke gekommen: Das war’s mit der Kar­riere?
Im November, Dezember habe ich mich tat­säch­lich inten­siver mit meinem Kar­rie­re­ende beschäf­tigt, vor allem aus fami­liären Gründen. Wenn wir zu dem Schluss gekommen wären, dass der Umzug nicht das Rich­tige für unseren Kleinen ist, dann hätten wir das nicht gemacht.

Hatten Sie sich eine Frist gesetzt?
Hätte der Wechsel nach Aus­tra­lien nicht statt­ge­funden, hätte ich meine Kar­riere Ende Dezember oder spä­tes­tens im Januar beendet. Denn ganz ehr­lich: Wenn es im Winter nicht geklappt hätte, hätte es keinen Sinn mehr gehabt, noch bis zum Sommer zu warten. Die Chancen wären ja nicht besser geworden, gerade in der Corona-Pan­demie, in der jeder Klub mit den Kosten zu kämpfen hat. Ich hatte schon damit gerechnet, dass sich der eine oder andere Zweit­li­gist noch meldet. Das ist auch pas­siert. Aber wenn du als Erst­li­ga­spieler in die Zweite Liga wech­selst, sind die Erwar­tungen an dich natür­lich hoch. Ich habe mich gefragt: Werde ich diesen Erwar­tungen gerecht? Bin ich kör­per­lich in der Lage, einem Zweit­li­gisten zu helfen, der doch noch mal andere Ambi­tionen hat als ein aus­tra­li­scher Erst­li­gist?

Hatten Sie schon einen Plan für die Zeit nach dem Fuß­ball?
Wir wären auf jeden Fall erst mal nach Berlin zurück­ge­kommen. Berlin wird unsere nächste Sta­tion als Familie, das ist seit län­gerem so geplant. Eine ganz spe­zi­elle Idee für meine beruf­liche Ori­en­tie­rung habe ich bis dato nicht. Ich hätte vieles aus­pro­biert, hätte mir auf jeden Fall auch eine Aus­zeit genommen, um Zeit mit der Familie zu haben, ein biss­chen die Gedanken schweifen zu lassen und um ein­fach ein biss­chen run­ter­zu­kommen. Diese Aus­zeit hatte ich jetzt unge­wollt bis Februar. In dieser Zeit habe ich mir ganz bewusst so wenig Spiele wie mög­lich ange­sehen. Dadurch habe ich einer­seits einen gewissen Abstand gewonnen. Ande­rer­seits habe ich das Gefühl ent­wi­ckelt: Ich bin noch nicht ganz fertig mit meinem Fuß­ball­leben. Mich juckt’s ein­fach noch in den Füßen.

Dieses Inter­view erschien ursprüng­lich auf tages​spiegel​.de und erscheint an dieser Stelle im Rahmen einer Koope­ra­tion.