Herr Lang­kamp, kann man in Aus­tra­lien eigent­lich die Fuß­ball-Bun­des­liga ver­folgen?
Nein, gar nicht. Von der Bun­des­liga gibt es hier eine drei­mi­nü­tige Zusam­men­fas­sung auf You­tube, die habe ich mir regel­mäßig ange­schaut. Aber seit unserer Abreise aus Deutsch­land habe ich kein ein­ziges Spiel mehr gesehen. Trotzdem habe ich natür­lich mit­be­kommen, was meine Ex-Ver­eine gemacht haben.

Und am letzten Spieltag, als es für Werder Bremen um den Klas­sen­er­halt ging? Haben Sie da am Live­ti­cker gesessen?
Ehr­lich gesagt, bin ich an diesem Abend früh ins Bett gegangen, aber kurio­ser­weise irgend­wann auf­ge­wacht, was sonst nie pas­siert. Das war direkt nach dem Abpfiff. Da habe ich mir natür­lich die Ergeb­nisse ange­schaut. Dass Werder absteigt, ist wirk­lich sehr, sehr traurig. Eine Bun­des­liga ohne Werder Bremen, das kann man sich noch gar nicht richtig vor­stellen.

Vor einem Jahr waren Sie noch dabei, als sich Werder in der Rele­ga­tion gerettet hat, Sie kennen den Verein sehr gut, viele Spieler, die han­delnden Per­sonen. Was bedeutet der Abstieg?
Das ist ein harter Ein­schlag, für die Region, für die Stadt, für die Leute. Werder ist was ganz Spe­zi­elles, eine Insti­tu­tion in der Bun­des­liga, das muss ich Ihnen ja nicht erzählen. Ich tu mich ein biss­chen schwer, die Ver­ant­wort­li­chen zu ver­ur­teilen. Jeder in Bremen trägt diese grün­weiße Brille. Aber genau das wird Werder jetzt negativ aus­ge­legt. Dass viele Ehe­ma­lige Posi­tionen im Verein bekleiden, dass sie sich alle unter­ein­ander schon lange kennen, das hat Werder doch über Jahr­zehnte aus­ge­macht. Natür­lich wurden Fehler gemacht, aber die Arbeit von ein, zwei Ver­ant­wort­li­chen nur an den ver­gan­genen beiden Jahren fest­zu­ma­chen, das halte ich für ein biss­chen bedenk­lich.

Wie schätzen Sie Wer­ders Chance auf den direkten Wie­der­auf­stieg ein?
Ein Selbst­läufer wird das ganz sicher nicht. Bei den Trans­fers hat man sich ein biss­chen ver­kal­ku­liert, aber vor allem durch die Corona-Pan­demie ist Werder in eine wirt­schaft­liche Schief­lage geraten. Es wird schwer, eine schlag­kräf­tige Truppe für die Zweite Liga auf­zu­bauen. Trotzdem sollte man ver­su­chen, im ersten Jahr wieder auf­zu­steigen. Dass es sonst immer schwie­riger wird, sieht man ja an einem anderen nord­deut­schen Klub.

Ich weiß nicht, ob es das in Berlin auch gäbe: dass Bau­ar­beiter, die auf der Straße mit ihrem Schlag­bohr­hammer zugange sind, auf­hören zu arbeiten, weil eine Familie mit Kin­der­wagen vor­bei­kommt“

Sie sind jetzt weit weg von Bremen, nachdem Sie im Früh­jahr zu Perth Glory nach Aus­tra­lien gewech­selt sind. Laut Wiki­pedia ist Perth eine Stadt mit hoher Lebens­qua­lität. Können Sie das bestä­tigen?
Vor meinem Wechsel habe ich mich ein biss­chen schlau gemacht und auch mit dem einen oder anderen gespro­chen. Trotzdem war ich noch einmal extrem positiv über­rascht, weil Perth wirk­lich sehr, sehr lebens­wert ist.

Warum genau?
Du hast hier eine sehr schöne Innen­stadt mit sämt­li­chen Mög­lich­keiten. Die Restau­rant- und Gas­tro­no­mie­szene ist sehr inter­na­tional und erin­nert mich ein biss­chen an Berlin. Du bist in zehn Minuten am Strand, hast diverse Wein­an­bau­ge­biete in der Nähe, außerdem gibt es ent­lang der West­küste einige Orte, die man gesehen haben sollte. Auch die Küs­ten­straßen sind super­schön. Du hast hier also sämt­liche Mög­lich­keiten. Und die Men­ta­lität der Men­schen ist super. Auch wenn man sich erst einmal daran gewöhnen musste.

Inwie­fern?
Die Aus­tra­lier nennen sich selbst ein biss­chen lazy, also faul. Bis mit unserer Woh­nung, den Ver­si­che­rungen, dem Auto alles gere­gelt war, hat es ein biss­chen gedauert. Aber seitdem ist es super. Man adap­tiert das auch ein biss­chen, gerade was die Work-Life-Balance angeht. Und die Leute sind super­freund­lich, sehr hilfs­be­reit, sehr kin­der­lieb. Ich weiß nicht, ob es das in Berlin auch gäbe: dass Bau­ar­beiter, die auf der Straße mit ihrem Schlag­bohr­hammer zugange sind, auf­hören zu arbeiten, weil eine Familie mit Kin­der­wagen vor­bei­kommt.

Das wäre in Berlin wahr­schein­lich nicht so.
Das wäre in Berlin auf jeden Fall nicht so (lacht). Da bekämst du wahr­schein­lich sogar noch einen dummen Spruch, wenn du doof guckst. Aber hier ist das so. Du kommst hier auch sehr schnell in Gespräche, weil die Leute offen­herzig sind. Wir haben uns super­schnell ein­ge­lebt und fühlen uns sehr wohl. Was bei Wiki­pedia steht, kann ich also nur bestä­tigen.

Sebas­tian Lang­kamp, 33

spielte in der Bun­des­liga für Karls­ruhe, Augs­burg, Hertha und Bremen. Seit Anfang des Jahres steht der Abwehr­spieler bei Perth Glory in der ersten aus­tra­li­schen Liga unter Ver­trag.

Hatten Sie sich vorab mal bei Mathew Leckie erkun­digt, Ihrem frü­heren Mit­spieler bei Hertha BSC?
Ja, es war sogar Mathews Agent, der den Transfer am Ende ein­ge­fä­delt hat. Wir waren immer in Kon­takt, des­halb habe ich mich natür­lich auch bei ihm schlau gemacht. Aber Mathew kommt aus Mel­bourne, Bun­des­staat Vic­toria. Und den Men­schen aus Vic­toria sagt man nach, dass sie sehr, sehr stolz sind auf ihre Stadt und ihre Region. Das ist bei anderen auch so und führt dazu, dass viele Aus­tra­lier gar nicht in andere Regionen reisen. Sie sind ja davon über­zeugt, dass sie schon in der schönsten Stadt oder Region leben. Mathew selbst kannte Perth nicht, aber er hat sich bei Freunden erkun­digt, die schon mal in Perth gewesen waren.

Wie gut kannten Sie Aus­tra­lien?
Gar nicht. Für uns war das ein biss­chen eine Reise ins Unge­wisse. Aber auch ein Grund, warum ich mich dafür ent­schieden habe. Und wir sind sehr happy mit dieser Ent­schei­dung, auch für unseren Kleinen, der mitt­ler­weile sieben Monate alt ist. Wir freuen uns total, dass er auch die Gestik und Mimik von anderen Leuten ken­nen­lernt. Hier ist ja coro­nafreie Zone und dadurch alles mas­ken­frei. Was das Pri­vat­leben betrifft, hat sich die Ent­schei­dung wirk­lich ren­tiert.