Seite 3: „Ich weiß nicht, worüber die Bayern dieses Jahr stolpern könnten“

John Verhoek und Markus Kolke freuen sich bestimmt, aber was Sie sagen wollen: Früher war alles besser?
Das ist immer roman­ti­scher Kitsch. Früher war nie alles besser. Die Sommer waren auch nicht besser. Und die Schul­zeit war auch nicht immer geil. Aber was viel­leicht inter­es­sant ist: Vor etli­chen Jahren sprach ich mit einem ent­fernten Ver­wandten, er war auch Glad­bach-Fan, besuchte jedes Spiel auf dem Bökel­berg, auch aus­wärts, alles mit­ge­nommen, und der sagte mir: Ich geh’ nicht mehr zu Borussia. Mir ist das alles zu abge­dreht.

Grund­sätz­lich ver­ständ­lich.
Ja. Aber das war 2005. 2005! Da haben Leute bei uns gespielt wie Jörg Böhme, Bernd Kor­zy­nietz, Marek Heinz oder Ivo Ulich. Es war die zweite Saison nach dem Bökel­berg-Auszug. 2005! Was ist denn daran abge­dreht, dachte ich damals. Was ich damit sagen will: Für meinen Ver­wandten war das mit dem neuen Sta­dion, dem Borussia-Park, natür­lich etwas anderes als der Fuß­ball der 80er- und 90er-Jahre. Der hatte damit abge­schlossen. Aber genauso ist es bei der nach­fol­genden Genera­tion. Und der danach. Und der danach. Also eine mög­liche These: Viel­leicht ist der Fuß­ball gar nicht so abge­dreht. Viel­leicht werden wir, Sie und ich, auch ein­fach nur älter und winken mür­risch wegen der neuen Ent­wick­lungen in Rich­tung der jün­geren Leute ab wie Clint East­wood in Gran Torino. Denn zumin­dest im Fuß­ball ist man gerne kon­ser­vativ. Ich auch. Alles Neue finde ich erst mal doof. Wissen Sie, was ich vor dem Start der Cham­pions League gemacht habe?

Was denn?
Ich dachte zunächst: Ey, der Fuß­ball ist doch so ver­rückt geworden, alles ist nur noch irre, es hat doch nie­mand mehr Bock auf diesen Fuß­ball, es ist alles zu viel. Meinen gleich­alt­rigen Freunden ging es ähn­lich. Ich war mir sicher, die ganze Welt denkt, der Fuß­ball ist nicht mehr so cool wie früher. Und dann habe ich mir mal die Insta­gram-Kom­men­tar­spalten der ein­schlä­gigen Fuß­ball­seiten von DAZN, Spox oder Sport 1 ange­sehen. Und zwi­schen all den Komm zu Bes­iktas“-, CR7 Ehren­mann“- und wie Mbappe ein­fach wieder zerstört“-Kommentaren stand sehr viel, was mich irri­tierte.

Kno­chen­säge, Men­schen­rechte, alles egal: New­castle spielt wieder oben mit!“

Und zwar?
Naja, da war nichts zu lesen von Über­sät­ti­gung. Die ganzen 17-jäh­rigen Jungs und Mädels schrieben: Geil! Cham­pions League! Ich kann’s nicht erwarten!“ oder Ich hab so Bock, end­lich geht’s wieder los! Ich werde mir jedes Spiel angu­cken.“ Und dann saß ich da und dachte plötz­lich: Viel­leicht ist es gar nicht der Fuß­ball an sich, viel­leicht bin ich auch ein­fach nur der Ver­wandte von 2005 geworden, der die neuen Ent­wick­lungen aus per­sön­li­chen Gründen nicht mehr mit­ma­chen will. Der seinen Fuß­ball – ganz kon­ser­vativ – behalten will. Inves­toren, Fort­nite-Jubel, Trans­fers für über 100 Mil­lionen, Laser­shows bei Toren: All das will ich nicht. Aber ich kann es auch nicht auf­halten, also ent­ferne ich mich zuneh­mend. Als vor Kurzem die saudi-ara­bi­schen, und sagen wir mal zwie­lich­tigen Inves­toren von New­castle United vor­ge­stellt wurden und vor allem jün­gere Fans der Mag­pies diese Tat­sache vor der Geschäfts­stelle abfei­erten, als wäre gerade Michael Jackson gelandet, da habe ich mir an den Kopf gepackt und die Welt nicht mehr ver­standen. Das ist doch absurd: Kno­chen­säge, Men­schen­rechte, alles egal: New­castle spielt wieder oben mit! Dann cheaten wir eben! Ver­rückt. Aber scheinbar ist das jetzt so.

Viel­leicht wird New­castle also in Zukunft die Pre­mier League anführen. Gutes Stich­wort, denn wir müssen noch über eine alte Geschichte spre­chen: Die Bayern domi­nieren die Bun­des­liga. Sind Sie auf­zu­halten?
Irgend­eine Zei­tung fragte nach dem 1:2 gegen Ein­tracht Frank­furt, ob der Nagels­mann-Code“ geknackt sei. (Lacht.) Das ist natür­lich Schwach­sinn. Das war viel Glück – und Kevin Trapp. In neun von zehn Fällen gewinnt Bayern das Spiel 4:2. Ich gebe zu, mir macht diese Mann­schaft Angst. Unter Julian Nagels­mann ist sie noch einmal besser geworden und vor allem ist sie jetzt schon so richtig da. Ich meine, klar, der FC Bar­ce­lona ist kein Maß­stab – fan­tas­tisch, das mal zu sagen – aber trotzdem war dieses 3:0 wieder eine Macht­de­mons­tra­tion. Wie ein Erst­run­den­pokal-Spiel. Ich weiß nicht, wor­über die Bayern dieses Jahr stol­pern könnten. Lever­kusen macht ver­mut­lich wieder den Lab­badia und wird in der Rück­runde ein­bre­chen. Dort­mund ist der­zeit noch zu abhängig von seinem Stürmer. Klar, ist Erling Haa­land bis zum Sai­son­ende fit, können sie den Bayern selbst­re­dend gefähr­lich werden. Aber ohne ihn prä­sen­tiert sich der BVB der­zeit noch wie die FDP ohne Chris­tian Lindner: als eine nicht defi­nier­bare, gelbe Truppe. Leipzig in dieser Saison: nein. Tut mir leid für alle Her­thaner, aber auch ein 6:0 über die Alte Dame ist der­zeit kein Zei­chen von Form­an­stieg. Und der VfL Wolfs­burg ent­wi­ckelt sich gerade auch vom V12 Touareg zurück zum Lupo. Somit bleibt nur der FC Bayern. Mein Tipp: Am 29. Spieltag sind sie Meister.

Und wie finden Sie es, dass Julian Nagels­mann mit dem Skate­board an der Säbener Straße umher düst?
Erst hatte das für mich den Cool­nes­faktor von Philipp Amthor, der Na, Rezo, du alter Zer­störer“ in die Kamera blökt. Oder wie der neue Freund der Mutter, der dem Stief­sohn durch die Haare wuschelt und sagt: Na, Champ, gehen wir später ein paar Bälle werfen?“ Aber dann fiel mir ein, dass Nagels­mann auch ein­fach noch jung ist. Der ist jünger als sein Tor­wart, also muss ich ihm das Skate­board­fahren zuge­stehen. Ich finde den eh mitt­ler­weile ganz cool. Anders ver­hält es sich bei seinen Out­fits. Da weiß ich manchmal gar nicht, ob er da wirk­lich an der Sei­ten­linie steht oder doch Claudia Roth.

Schmidtchen Schleifer Frank Schmidt in Heidenheim

Frank Schmidt gehört zu Hei­den­heim wie der Dom zu Köln oder Steu­er­raz­zien zum DFB. Jetzt hat er seinen Ver­trag mal wieder ver­län­gert, natür­lich direkt bis 2027. Wann hat der Mann genug von Zweit­li­ga­fuß­ball in der ost­würt­tem­ber­gi­schen Pro­vinz?

Danke für diese Über­lei­tung, denn wer auch Farbe bekannt hat…
Oh Gott.

… ist Frank Schmidt. Seit 14 Jahren Trainer beim FC Hei­den­heim, hat seinen Ver­trag nochmal ver­län­gert: Bis 2027. Was macht das mit Ihnen?
Hach, Frank Schmidt. Der Steffen Baum­gart unter den Fuß­ball­trai­nern! Der deut­sche Chris­tian Streich! Ich bin Fan. Darf man hier uniro­nisch von Kult­figur spre­chen? Ich glaube, ja. Ich finde die Ver­län­ge­rung fan­tas­tisch. Und den Mann eh. Ein Club wie Hei­den­heim braucht diese Kon­stanz, braucht dieses Gesicht. Durch ihn weiß man doch, für was dieser Verein steht. Ansonsten wären Hei­den­heim und Sand­hausen für mich der­selbe Club. Wenn ich an Hei­den­heim denke, denke ich an die Spieler, die eher klingen wie Pan­zer­kna­cker oder Loriot-Figuren: Flo­rian Tau­send­pfund, Marcel Titsch-Rivero, David Schit­ten­helm, Marc Schnat­terer…

… die spielen alle nicht mehr da.
Ist doch scheiß­egal! Seit wann geht es im Fuß­ball um Logik? Und vor allem bei 11FREUNDE? Für mich geht Michael Thurk da auch immer noch als Mit­tel­stürmer auf Tore­jagd. Der ist 45? Mir doch wurscht. Selbst wenn die alle nicht mehr da sind, einer bleibt: Frank Schmidt. Und das ist doch toll. Der wird irgend­wann mit seinen Hei­den­hei­mern auf­steigen. Davon bin ich über­zeugt. Vor­aus­ge­setzt Michael Thurk erwischt eine Sahne-Saison, das ist klar.