Seite 2: „Manchmal fühle ich mich wie Simba in der Gnu-Herde“

Nochmal zum Des­in­ter­esse wegen des Über­an­ge­botes an Spielen, das wir in dieser Kolumne bereits einmal bespro­chen haben. Was stört Sie denn daran, ein großes Angebot zu haben?
Ich halte es wirk­lich für viel zu viel Fuß­ball. Das Beson­dere geht flöten. Das Knis­tern. Das Lager­feuer. Heute heißt es Hast du zufällig ges­tern das Spiel gesehen oder hast du keinen Account?“, früher hieß es ein­fach nur Wahn­sinn, wie Van Nistel­rooy den ges­tern gemacht hat, oder?“, weil man davon aus­gehen konnte, dass eh jeder und jede DAS SPIEL geguckt hat. Wenn ich heute google, welche Partie ich heute gucken kann, fühle ich mich manchmal wie Simba in der Gnu-Herde, so sehr werde ich von Ange­boten auf diversen Platt­formen über­rannt. Von Por­tu­gie­si­scher Liga über MLS bis zur Europa League. Alles ist zu jeder Zeit ver­fügbar. Die Net­flexi­sie­rung des Fuß­balls. Hummer und Trüffel sind vor allem so beliebt, weil beides nur sehr selten ver­kös­tigt wird. Aber jeden Tag Hummer schmeckt irgend­wann fürch­ter­lich. Und da müssen wir auf­passen. Denn dieses nicht defi­nier­bare Beson­dere ist der Grund, warum der Fuß­ball so erfolg­reich ist. Und da muss ich tat­säch­lich mal Oliver Bier­hoff Recht geben…

… jetzt wird’s span­nend!
… der im Zuge der Dis­kus­sion, ob die WM nun alle zwei Jahre aus­ge­tragen werden sollte, sagte, es muss für den Fuß­ball jetzt vor allem erst mal um Qua­li­täts­si­che­rung gehen. Da gebe ich ihm Recht. Es ist jetzt nicht die Zeit, über Neues und über Mehr zu dis­ku­tieren. Fuß­ball würde meiner Mei­nung nach sonst so beliebig wie Boxen oder Tennis. Irgendein Kampf eines Ver­bandes oder irgendein ATP-Tur­nier ist doch immer.

Inter­es­sant ist auch, dass die Sta­dien aktuell oft nicht aus­ge­lastet sind, obwohl mehr mög­lich wäre. Es scheint, die Men­schen hätten nicht mehr so große Lust auf Fuß­ball. Herr Schmitt, was ist da los?
(Über­legt.) Es ist ein biss­chen wie beim Lie­bes­kummer, oder? Erst denkt man, man kann nicht ohne die andere oder den anderen. Und irgend­wann greift die Floskel Die Zeit heilt alle Wunden“ dann tat­säch­lich und man wird sich eini­ger­maßen egal.

Der unglaubliche Iñaki Dauerbrenner Iñaki Williams

Mit 203 Par­tien am Stück hat Iñaki Wil­liams einen neuen spa­ni­schen Rekord auf­ge­stellt. Als Feld­spieler. Dabei war schon der erste Ein­satz des Basken in seiner Heimat umstritten.

Wie meinen Sie das genau?
Vor einem Jahr haben wir gesagt: Irgend­wann ist alles wieder wie früher, dann können wir wieder ins Sta­dion, ach, wie wird das toll! Der Fuß­ball hat ja immerhin mein Wochen­ende und das vieler anderer Men­schen über Jahre bestimmt. Und nach einer gewissen Zeit hat sich das Gefühl ein­ge­stellt, dass es eben auch ohne Fuß­ball geht. Zu Beginn der Pan­demie wurde mir mal gesagt, die Men­schen würden sich jetzt andere Beschäf­ti­gungen suchen – und das konnte ich nicht glauben. Aber es war tat­säch­lich so. Dazu kommt natür­lich die Tat­sache, dass in den Sta­dien ja immer noch nicht alles beim Alten ist. Und dass bis­lang kein Die Pan­demie ist vorbei!“ von der Politik raus­po­saunt wurde. Ich denke, die Men­schen haben das Gefühl, dass all das, was gerade als Frei­heit daher­kommt, ledig­lich auf Bewäh­rung geschieht und auch schnell wieder vorbei sein kann. So lange es kein defi­niertes Ende gibt, wird auch nicht der abso­lute Enthu­si­asmus ein­setzen, davon bin ich über­zeugt.

Und nun?
Wird es ver­mut­lich ein biss­chen dauern, bis alles wieder so ist wie vorher. Wie gesagt: Ein Ende der Pan­demie, aber auch neue Geschichten, die der Fuß­ball schreibt, müssen her. Die Ver­eine müssen sich neu beweisen und um die Liebe der Fans buhlen. Das braucht Zeit. Es gibt einen Fuß­ball vor den Geis­ter­spielen und einen danach. Das dazwi­schen war eine Zäsur, die unseren Fan-Kom­pass durch­ein­ander gewir­belt hat. Dass alles zurück­kommt, ist ja kein Ding der Unmög­lich­keit. Es liegt jetzt vor allem an den Mann­schaften selbst. Bei­spiel: Der 1. FC Köln. Die lie­fern zur­zeit enorm ab, sorgen in der Stadt für eine Euphorie, die sie lange nicht mehr erlebt hat. Kein FC-Fan wird dieser Tage sagen, dass er keine große Liebe mehr zum Spiel emp­findet – die haben richtig Bock. Und seit dem Spiel gegen Dort­mund und mit den neuen, jungen Fohlen wie Joe Scally, Luca Netz und Manu Koné geht es mir als Glad­bachfan ganz ähn­lich: Ich habe wieder mehr Lust als noch vor einem Monat, als ich noch das Gefühl hatte, die Hälfte der Mann­schaft hätte gerne den Verein gewech­selt. Mein Fan-Defi­bril­lator hat ein­ge­setzt. Wenn Geis­ter­spiele aus­bleiben, werden wir in der Bun­des­liga spä­tes­tens in der Rück­runde wieder den ganz nor­malen Fuß­ball mit eupho­ri­schen Kurven erleben.

Eigent­lich hätte es diese Euphorie ja schon früher geben können, denn in diesem Sommer ist so viel pas­siert: Lionel Messi zu Paris, Ronaldo zurück zu Man­chester United. Wahn­sinn, oder?
Als Zine­dine Zidane einst zu Real Madrid wech­selte, da saß ich wie gebannt vor dem Fern­seher und hab mir alle Video­schnipsel rein­ge­zogen, die ich erha­schen konnte. Ich wollte ein­fach wissen, ob es mit ihm da in Spa­nien funk­tio­niert. Dass er sich die Rücken­nummer Fünf aus­ge­sucht hatte, hat uns auf dem Schulhof drei Wochen beschäf­tigt. Aber jetzt? Wie gesagt: Es ist mir alles zu viel, über­dreht und egal. Ich kann Paris Saint-Ger­main nicht gucken. Ich weiß nicht, wieso. Damals gab es ja in Madrid ja immerhin auch Die Galak­ti­schen“ und ein Star­ensemble, das nur mit Geld gelockt wurde. Aber Paris? Ich ertrage das nicht. Mich lang­weilt PSG. Ich gucke lieber Hansa Ros­tock oder sowas.