Und, Herr Schmitt, haben Sie die Län­der­spiel­pause genossen?
Ich hasse sie.

Oha.
Vor allem die im Oktober. Ein aus­ge­machter Coitus inter­ruptus für jeden Bun­des­li­gafan. Dazu noch das Nations-League-Finale am Sonn­tag­abend in der ARD, für das der Tatort wei­chen musste. Was habe ich mich dar­über auf­ge­regt. Und dabei schaue ich nicht mal Tatort.

Warum haben Sie sich dann auf­ge­regt?
Weil ich nicht will, dass sich dieser Quatsch-Wett­be­werb eta­bliert. Es ist alles zu viel und dadurch völlig egal. Dar­über hinaus: die Par­tien der Nations League liefen vorher bei DAZN. Das Finale aber in der ARD. Die Leute, die sonst ARD und Tatort gucken, wussten doch über­haupt nicht, worum es bei diesem Spiel genau ging. Die kriegen die Nach­speise, ohne Vor- und Haupt­ge­richt ver­zehrt zu haben. Abso­luter Koko­lores. Es ist zu viel Fuß­ball! Wann wird das end­lich begriffen? Spa­nien spielt gegen Frank­reich, was für eine Partie! Und ich, der diesen Sport liebt, seit er denken kann, inter­es­siert sich nicht die Bohne für den Aus­gang des Spiels. Das ist doch Wahn­sinn! Kein Witz: Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es aus­ge­gangen ist.

Ich google das kurz… 2:1 für Frank­reich.
Na dann: Gra­tu­la­tion. Ich glaube, nur die neuen Simp­sons-Folgen sind mir egaler als die Nations League. Aber ein Freund von mir, Fran­zose, der seiner Équipe von Japan bis Bra­si­lien in aller Herren Länder hin­terher reist, wusste nicht mal, dass seine Mann­schaft am Sonntag spielt. Das stimmt mich opti­mis­tisch.

Aber haben Sie die WM-Quali-Spiele der deut­schen Mann­schaft geguckt?
Als maso­chis­tisch ver­an­lagter Mensch habe ich mir das Rumä­nien-Spiel sogar in Ham­burg in der AOL-Arena – ja, das ist immer noch der offi­zi­elle Name – ange­sehen. Und ich muss sagen, es hat sogar Spaß gemacht. Die Natio­nal­mann­schaft bereitet mir gerade wieder Freude. Und die Zuschauer waren über­ra­schen­der­weise von der ersten Minute an da“, wie wir Fuß­ball­kom­men­ta­toren sagen. Es hatte nicht diese Geis­ter­spiel­at­mo­sphäre wie sonst. Sogar Leroy Sané, der leider so ziel­si­cher war wie die Teil­nehmer im Finale von Takeshi’s Castle, wurde immer wieder mit auf­mun­terndem Applaus gepusht. Die Rumänen haben super gekämpft und deren Fans gut Alarm gemacht. Das war ein unver­hofft cooler Abend in Ham­burg. Das Bit­tere ist…

Ja?
… dass bei diesen, dann doch mitt­ler­weile sehr unter­halt­samen WM-Quali-Spielen immer mit­schwingt, dass das gerade alles nur wegen der beknackten Kirmes-WM in Katar pas­siert.

Wie gehen Sie mit dieser Zwick­mühle um?
Ich bin mitt­ler­weile sehr pes­si­mis­tisch, dass da noch der große Pro­test ein­setzt. In den Kom­men­tar­spalten der Repu­blik liest man immer mehr Rela­ti­vie­rendes á la dann hätte man auch Deutsch­land und Süd­afrika boy­kot­tieren müssen“ oder Es reicht jetzt auch mal“ oder ähn­li­ches. Im nächsten Jahr gibt es wahr­schein­lich etwa drei Debatten dazu, zwei Doku­men­ta­tionen über Arbei­te­rinnen und Arbeiter vor Ort, die wir ganz bestürzt in den Sozialen Medien teilen werden. Wir werden ein paar Regen­bo­gen­fahnen auf Insta­gram sehen und am Ende gucken wir uns die Spiele nach dem vierten Glüh­wein dann doch wieder an. Natür­lich absolut iro­nisch, das ist klar. Und Nüsse essend und Bier trin­kend werden wir dann kopf­schüt­telnd vor dem Fern­seher sitzen und Sätze sagen, wie Dass da eine WM statt­findet, Absur­di­stan, wenn du mich fragst“. Und dann ist auch schon wieder Bun­des­liga-Rück­runde und weiter geht die wilde Fahrt.

Die Akte Katar

Wie der Wüs­ten­staat sich eine WM kaufte und Wan­der­ar­beiter dafür teuer bezahlten

Wie macht sich denn Hansi Flick bis­lang so als Natio­nal­trainer? Der große Umbruch ist ja noch aus­ge­blieben.
Aber dass da über­haupt ein neuer Coach sitzt, ist für mich schon ein Umbruch. Die Mann­schaft ist in Takt und hat Qua­lität. Klar, es brauchte nach der Euro­pa­meis­ter­schaft vor allem defen­sive Sta­bi­lität, aber ansonsten reicht es mir schon, dass er einen neuen Spirit ver­sprüht. Ich war nie ein Löw-Gegner, aber es war jetzt ein­fach an der Zeit, und nach dem Aus­scheiden in der Grup­pen­phase 2018 und dem quä­lenden Tur­nier 2021 konnte man ja nicht mehr von Aus­rut­schern spre­chen. Flick macht das Gleiche wie bei Bayern: kein Laut­spre­cher sein, sich öffent­lich nicht in die Karten gucken lassen und akri­bisch arbeiten. Und sein neuer Brazzo, Oliver Bier­hoff, macht es ihm ver­mut­lich auch um einiges leichter.

Aber hätten Sie nicht einen grö­ßeren per­so­nellen Umbruch erwartet?
Was soll er denn machen? Roy Präger nomi­nieren, oder wie? Das ist schon der beste Kader dieser Nation. Und er ver­sucht doch schon mit einigen jungen, neuen Spie­lern etwas aus­zu­pro­bieren. Klar, der Stoß­stürmer fehlt, aber den kann er sich ja nicht backen. Würde ich jetzt nach drei Hefe­weizen in der Lobby eines Flug­ha­fen­ho­tels in Mün­chen sitzen, würde ich selbst­ver­ständ­lich ver­langen, dass Hansi mal Simon Ter­rodde oder Fabian Klos nomi­nieren sollte. Aber das ist Blöd­sinn. Auch wenn beide tolle Stürmer sind. Wir müssen andere Lösungen finden. Und diese Kritik an Timo Werner, die bei­nahe Mob­bing gleich­kommt, geht mir auch gehörig auf den Senkel.

Wieso?
Nur weil ein 25-Jäh­riger mal zwei schwe­rere Jahre durch­macht, ist er doch noch lange keine Bock­wurst. Das geht mir heut­zu­tage viel zu schnell mit dem Urteil. Stürmer sind, genau wie Tor­hüter, sen­sible Geschöpfe, die eine solche Phase mal durch­ma­chen. Timo Werner hat für Leipzig 78 Tore in 127 Spielen geschossen. Für Chelsea hat er in 60 Spielen 14 Tore erzielt und 16 Assists abge­geben, das ist jetzt auch nicht – Ver­zei­hung – kom­plett scheiße. Dar­über hinaus wurde ihm vom VAR in Eng­land 16 Mal (!) ein Tor aberkannt. Sech­zehn Mal! Vor dem Video­be­weis, also vor guten drei Jahren, würden wir ihn jetzt also wahr­schein­lich als abso­luten Top­stürmer bezeichnen, von dem unser Glück in Katar abhängt. Stürmer wie er, die an der Linie lauern, spielen nun mal mit dem Risiko, erwischt zu werden. Wie viele Tore hätte Pippo Inz­aghi wohl in Zeiten des VAR pro Saison erzielt? Drei? Ich will ihn jetzt auch nicht zu pathe­tisch in Schutz nehmen, aber Werner hat mit seinem Stil auch ein biss­chen Pech, in der fal­schen Zeit Fuß­ball­profi geworden zu sein. Trotzdem muss er sich aktuell deut­lich ver­bes­sern, keine Frage. Vor allem im Posi­ti­ons­spiel und hin­sicht­lich seiner Läufe, wie es Flick nach dem Rumä­nien-Spiel ja auch zurecht monierte. Aber der kommt schon wieder, keine Sorge.

Nochmal zum Des­in­ter­esse wegen des Über­an­ge­botes an Spielen, das wir in dieser Kolumne bereits einmal bespro­chen haben. Was stört Sie denn daran, ein großes Angebot zu haben?
Ich halte es wirk­lich für viel zu viel Fuß­ball. Das Beson­dere geht flöten. Das Knis­tern. Das Lager­feuer. Heute heißt es Hast du zufällig ges­tern das Spiel gesehen oder hast du keinen Account?“, früher hieß es ein­fach nur Wahn­sinn, wie Van Nistel­rooy den ges­tern gemacht hat, oder?“, weil man davon aus­gehen konnte, dass eh jeder und jede DAS SPIEL geguckt hat. Wenn ich heute google, welche Partie ich heute gucken kann, fühle ich mich manchmal wie Simba in der Gnu-Herde, so sehr werde ich von Ange­boten auf diversen Platt­formen über­rannt. Von Por­tu­gie­si­scher Liga über MLS bis zur Europa League. Alles ist zu jeder Zeit ver­fügbar. Die Net­flexi­sie­rung des Fuß­balls. Hummer und Trüffel sind vor allem so beliebt, weil beides nur sehr selten ver­kös­tigt wird. Aber jeden Tag Hummer schmeckt irgend­wann fürch­ter­lich. Und da müssen wir auf­passen. Denn dieses nicht defi­nier­bare Beson­dere ist der Grund, warum der Fuß­ball so erfolg­reich ist. Und da muss ich tat­säch­lich mal Oliver Bier­hoff Recht geben…

… jetzt wird’s span­nend!
… der im Zuge der Dis­kus­sion, ob die WM nun alle zwei Jahre aus­ge­tragen werden sollte, sagte, es muss für den Fuß­ball jetzt vor allem erst mal um Qua­li­täts­si­che­rung gehen. Da gebe ich ihm Recht. Es ist jetzt nicht die Zeit, über Neues und über Mehr zu dis­ku­tieren. Fuß­ball würde meiner Mei­nung nach sonst so beliebig wie Boxen oder Tennis. Irgendein Kampf eines Ver­bandes oder irgendein ATP-Tur­nier ist doch immer.

Inter­es­sant ist auch, dass die Sta­dien aktuell oft nicht aus­ge­lastet sind, obwohl mehr mög­lich wäre. Es scheint, die Men­schen hätten nicht mehr so große Lust auf Fuß­ball. Herr Schmitt, was ist da los?
(Über­legt.) Es ist ein biss­chen wie beim Lie­bes­kummer, oder? Erst denkt man, man kann nicht ohne die andere oder den anderen. Und irgend­wann greift die Floskel Die Zeit heilt alle Wunden“ dann tat­säch­lich und man wird sich eini­ger­maßen egal.

Der unglaubliche Iñaki Dauerbrenner Iñaki Williams

Mit 203 Par­tien am Stück hat Iñaki Wil­liams einen neuen spa­ni­schen Rekord auf­ge­stellt. Als Feld­spieler. Dabei war schon der erste Ein­satz des Basken in seiner Heimat umstritten.

Wie meinen Sie das genau?
Vor einem Jahr haben wir gesagt: Irgend­wann ist alles wieder wie früher, dann können wir wieder ins Sta­dion, ach, wie wird das toll! Der Fuß­ball hat ja immerhin mein Wochen­ende und das vieler anderer Men­schen über Jahre bestimmt. Und nach einer gewissen Zeit hat sich das Gefühl ein­ge­stellt, dass es eben auch ohne Fuß­ball geht. Zu Beginn der Pan­demie wurde mir mal gesagt, die Men­schen würden sich jetzt andere Beschäf­ti­gungen suchen – und das konnte ich nicht glauben. Aber es war tat­säch­lich so. Dazu kommt natür­lich die Tat­sache, dass in den Sta­dien ja immer noch nicht alles beim Alten ist. Und dass bis­lang kein Die Pan­demie ist vorbei!“ von der Politik raus­po­saunt wurde. Ich denke, die Men­schen haben das Gefühl, dass all das, was gerade als Frei­heit daher­kommt, ledig­lich auf Bewäh­rung geschieht und auch schnell wieder vorbei sein kann. So lange es kein defi­niertes Ende gibt, wird auch nicht der abso­lute Enthu­si­asmus ein­setzen, davon bin ich über­zeugt.

Und nun?
Wird es ver­mut­lich ein biss­chen dauern, bis alles wieder so ist wie vorher. Wie gesagt: Ein Ende der Pan­demie, aber auch neue Geschichten, die der Fuß­ball schreibt, müssen her. Die Ver­eine müssen sich neu beweisen und um die Liebe der Fans buhlen. Das braucht Zeit. Es gibt einen Fuß­ball vor den Geis­ter­spielen und einen danach. Das dazwi­schen war eine Zäsur, die unseren Fan-Kom­pass durch­ein­ander gewir­belt hat. Dass alles zurück­kommt, ist ja kein Ding der Unmög­lich­keit. Es liegt jetzt vor allem an den Mann­schaften selbst. Bei­spiel: Der 1. FC Köln. Die lie­fern zur­zeit enorm ab, sorgen in der Stadt für eine Euphorie, die sie lange nicht mehr erlebt hat. Kein FC-Fan wird dieser Tage sagen, dass er keine große Liebe mehr zum Spiel emp­findet – die haben richtig Bock. Und seit dem Spiel gegen Dort­mund und mit den neuen, jungen Fohlen wie Joe Scally, Luca Netz und Manu Koné geht es mir als Glad­bachfan ganz ähn­lich: Ich habe wieder mehr Lust als noch vor einem Monat, als ich noch das Gefühl hatte, die Hälfte der Mann­schaft hätte gerne den Verein gewech­selt. Mein Fan-Defi­bril­lator hat ein­ge­setzt. Wenn Geis­ter­spiele aus­bleiben, werden wir in der Bun­des­liga spä­tes­tens in der Rück­runde wieder den ganz nor­malen Fuß­ball mit eupho­ri­schen Kurven erleben.

Eigent­lich hätte es diese Euphorie ja schon früher geben können, denn in diesem Sommer ist so viel pas­siert: Lionel Messi zu Paris, Ronaldo zurück zu Man­chester United. Wahn­sinn, oder?
Als Zine­dine Zidane einst zu Real Madrid wech­selte, da saß ich wie gebannt vor dem Fern­seher und hab mir alle Video­schnipsel rein­ge­zogen, die ich erha­schen konnte. Ich wollte ein­fach wissen, ob es mit ihm da in Spa­nien funk­tio­niert. Dass er sich die Rücken­nummer Fünf aus­ge­sucht hatte, hat uns auf dem Schulhof drei Wochen beschäf­tigt. Aber jetzt? Wie gesagt: Es ist mir alles zu viel, über­dreht und egal. Ich kann Paris Saint-Ger­main nicht gucken. Ich weiß nicht, wieso. Damals gab es ja in Madrid ja immerhin auch Die Galak­ti­schen“ und ein Star­ensemble, das nur mit Geld gelockt wurde. Aber Paris? Ich ertrage das nicht. Mich lang­weilt PSG. Ich gucke lieber Hansa Ros­tock oder sowas.

John Verhoek und Markus Kolke freuen sich bestimmt, aber was Sie sagen wollen: Früher war alles besser?
Das ist immer roman­ti­scher Kitsch. Früher war nie alles besser. Die Sommer waren auch nicht besser. Und die Schul­zeit war auch nicht immer geil. Aber was viel­leicht inter­es­sant ist: Vor etli­chen Jahren sprach ich mit einem ent­fernten Ver­wandten, er war auch Glad­bach-Fan, besuchte jedes Spiel auf dem Bökel­berg, auch aus­wärts, alles mit­ge­nommen, und der sagte mir: Ich geh’ nicht mehr zu Borussia. Mir ist das alles zu abge­dreht.

Grund­sätz­lich ver­ständ­lich.
Ja. Aber das war 2005. 2005! Da haben Leute bei uns gespielt wie Jörg Böhme, Bernd Kor­zy­nietz, Marek Heinz oder Ivo Ulich. Es war die zweite Saison nach dem Bökel­berg-Auszug. 2005! Was ist denn daran abge­dreht, dachte ich damals. Was ich damit sagen will: Für meinen Ver­wandten war das mit dem neuen Sta­dion, dem Borussia-Park, natür­lich etwas anderes als der Fuß­ball der 80er- und 90er-Jahre. Der hatte damit abge­schlossen. Aber genauso ist es bei der nach­fol­genden Genera­tion. Und der danach. Und der danach. Also eine mög­liche These: Viel­leicht ist der Fuß­ball gar nicht so abge­dreht. Viel­leicht werden wir, Sie und ich, auch ein­fach nur älter und winken mür­risch wegen der neuen Ent­wick­lungen in Rich­tung der jün­geren Leute ab wie Clint East­wood in Gran Torino. Denn zumin­dest im Fuß­ball ist man gerne kon­ser­vativ. Ich auch. Alles Neue finde ich erst mal doof. Wissen Sie, was ich vor dem Start der Cham­pions League gemacht habe?

Was denn?
Ich dachte zunächst: Ey, der Fuß­ball ist doch so ver­rückt geworden, alles ist nur noch irre, es hat doch nie­mand mehr Bock auf diesen Fuß­ball, es ist alles zu viel. Meinen gleich­alt­rigen Freunden ging es ähn­lich. Ich war mir sicher, die ganze Welt denkt, der Fuß­ball ist nicht mehr so cool wie früher. Und dann habe ich mir mal die Insta­gram-Kom­men­tar­spalten der ein­schlä­gigen Fuß­ball­seiten von DAZN, Spox oder Sport 1 ange­sehen. Und zwi­schen all den Komm zu Bes­iktas“-, CR7 Ehren­mann“- und wie Mbappe ein­fach wieder zerstört“-Kommentaren stand sehr viel, was mich irri­tierte.

Kno­chen­säge, Men­schen­rechte, alles egal: New­castle spielt wieder oben mit!“

Und zwar?
Naja, da war nichts zu lesen von Über­sät­ti­gung. Die ganzen 17-jäh­rigen Jungs und Mädels schrieben: Geil! Cham­pions League! Ich kann’s nicht erwarten!“ oder Ich hab so Bock, end­lich geht’s wieder los! Ich werde mir jedes Spiel angu­cken.“ Und dann saß ich da und dachte plötz­lich: Viel­leicht ist es gar nicht der Fuß­ball an sich, viel­leicht bin ich auch ein­fach nur der Ver­wandte von 2005 geworden, der die neuen Ent­wick­lungen aus per­sön­li­chen Gründen nicht mehr mit­ma­chen will. Der seinen Fuß­ball – ganz kon­ser­vativ – behalten will. Inves­toren, Fort­nite-Jubel, Trans­fers für über 100 Mil­lionen, Laser­shows bei Toren: All das will ich nicht. Aber ich kann es auch nicht auf­halten, also ent­ferne ich mich zuneh­mend. Als vor Kurzem die saudi-ara­bi­schen, und sagen wir mal zwie­lich­tigen Inves­toren von New­castle United vor­ge­stellt wurden und vor allem jün­gere Fans der Mag­pies diese Tat­sache vor der Geschäfts­stelle abfei­erten, als wäre gerade Michael Jackson gelandet, da habe ich mir an den Kopf gepackt und die Welt nicht mehr ver­standen. Das ist doch absurd: Kno­chen­säge, Men­schen­rechte, alles egal: New­castle spielt wieder oben mit! Dann cheaten wir eben! Ver­rückt. Aber scheinbar ist das jetzt so.

Viel­leicht wird New­castle also in Zukunft die Pre­mier League anführen. Gutes Stich­wort, denn wir müssen noch über eine alte Geschichte spre­chen: Die Bayern domi­nieren die Bun­des­liga. Sind Sie auf­zu­halten?
Irgend­eine Zei­tung fragte nach dem 1:2 gegen Ein­tracht Frank­furt, ob der Nagels­mann-Code“ geknackt sei. (Lacht.) Das ist natür­lich Schwach­sinn. Das war viel Glück – und Kevin Trapp. In neun von zehn Fällen gewinnt Bayern das Spiel 4:2. Ich gebe zu, mir macht diese Mann­schaft Angst. Unter Julian Nagels­mann ist sie noch einmal besser geworden und vor allem ist sie jetzt schon so richtig da. Ich meine, klar, der FC Bar­ce­lona ist kein Maß­stab – fan­tas­tisch, das mal zu sagen – aber trotzdem war dieses 3:0 wieder eine Macht­de­mons­tra­tion. Wie ein Erst­run­den­pokal-Spiel. Ich weiß nicht, wor­über die Bayern dieses Jahr stol­pern könnten. Lever­kusen macht ver­mut­lich wieder den Lab­badia und wird in der Rück­runde ein­bre­chen. Dort­mund ist der­zeit noch zu abhängig von seinem Stürmer. Klar, ist Erling Haa­land bis zum Sai­son­ende fit, können sie den Bayern selbst­re­dend gefähr­lich werden. Aber ohne ihn prä­sen­tiert sich der BVB der­zeit noch wie die FDP ohne Chris­tian Lindner: als eine nicht defi­nier­bare, gelbe Truppe. Leipzig in dieser Saison: nein. Tut mir leid für alle Her­thaner, aber auch ein 6:0 über die Alte Dame ist der­zeit kein Zei­chen von Form­an­stieg. Und der VfL Wolfs­burg ent­wi­ckelt sich gerade auch vom V12 Touareg zurück zum Lupo. Somit bleibt nur der FC Bayern. Mein Tipp: Am 29. Spieltag sind sie Meister.

Und wie finden Sie es, dass Julian Nagels­mann mit dem Skate­board an der Säbener Straße umher düst?
Erst hatte das für mich den Cool­nes­faktor von Philipp Amthor, der Na, Rezo, du alter Zer­störer“ in die Kamera blökt. Oder wie der neue Freund der Mutter, der dem Stief­sohn durch die Haare wuschelt und sagt: Na, Champ, gehen wir später ein paar Bälle werfen?“ Aber dann fiel mir ein, dass Nagels­mann auch ein­fach noch jung ist. Der ist jünger als sein Tor­wart, also muss ich ihm das Skate­board­fahren zuge­stehen. Ich finde den eh mitt­ler­weile ganz cool. Anders ver­hält es sich bei seinen Out­fits. Da weiß ich manchmal gar nicht, ob er da wirk­lich an der Sei­ten­linie steht oder doch Claudia Roth.

Schmidtchen Schleifer Frank Schmidt in Heidenheim

Frank Schmidt gehört zu Hei­den­heim wie der Dom zu Köln oder Steu­er­raz­zien zum DFB. Jetzt hat er seinen Ver­trag mal wieder ver­län­gert, natür­lich direkt bis 2027. Wann hat der Mann genug von Zweit­li­ga­fuß­ball in der ost­würt­tem­ber­gi­schen Pro­vinz?

Danke für diese Über­lei­tung, denn wer auch Farbe bekannt hat…
Oh Gott.

… ist Frank Schmidt. Seit 14 Jahren Trainer beim FC Hei­den­heim, hat seinen Ver­trag nochmal ver­län­gert: Bis 2027. Was macht das mit Ihnen?
Hach, Frank Schmidt. Der Steffen Baum­gart unter den Fuß­ball­trai­nern! Der deut­sche Chris­tian Streich! Ich bin Fan. Darf man hier uniro­nisch von Kult­figur spre­chen? Ich glaube, ja. Ich finde die Ver­län­ge­rung fan­tas­tisch. Und den Mann eh. Ein Club wie Hei­den­heim braucht diese Kon­stanz, braucht dieses Gesicht. Durch ihn weiß man doch, für was dieser Verein steht. Ansonsten wären Hei­den­heim und Sand­hausen für mich der­selbe Club. Wenn ich an Hei­den­heim denke, denke ich an die Spieler, die eher klingen wie Pan­zer­kna­cker oder Loriot-Figuren: Flo­rian Tau­send­pfund, Marcel Titsch-Rivero, David Schit­ten­helm, Marc Schnat­terer…

… die spielen alle nicht mehr da.
Ist doch scheiß­egal! Seit wann geht es im Fuß­ball um Logik? Und vor allem bei 11FREUNDE? Für mich geht Michael Thurk da auch immer noch als Mit­tel­stürmer auf Tore­jagd. Der ist 45? Mir doch wurscht. Selbst wenn die alle nicht mehr da sind, einer bleibt: Frank Schmidt. Und das ist doch toll. Der wird irgend­wann mit seinen Hei­den­hei­mern auf­steigen. Davon bin ich über­zeugt. Vor­aus­ge­setzt Michael Thurk erwischt eine Sahne-Saison, das ist klar.