Und, Herr Schmitt, haben Sie die Län­der­spiel­pause genossen?
Ich hasse sie.

Oha.
Vor allem die im Oktober. Ein aus­ge­machter Coitus inter­ruptus für jeden Bun­des­li­gafan. Dazu noch das Nations-League-Finale am Sonn­tag­abend in der ARD, für das der Tatort wei­chen musste. Was habe ich mich dar­über auf­ge­regt. Und dabei schaue ich nicht mal Tatort.

Warum haben Sie sich dann auf­ge­regt?
Weil ich nicht will, dass sich dieser Quatsch-Wett­be­werb eta­bliert. Es ist alles zu viel und dadurch völlig egal. Dar­über hinaus: die Par­tien der Nations League liefen vorher bei DAZN. Das Finale aber in der ARD. Die Leute, die sonst ARD und Tatort gucken, wussten doch über­haupt nicht, worum es bei diesem Spiel genau ging. Die kriegen die Nach­speise, ohne Vor- und Haupt­ge­richt ver­zehrt zu haben. Abso­luter Koko­lores. Es ist zu viel Fuß­ball! Wann wird das end­lich begriffen? Spa­nien spielt gegen Frank­reich, was für eine Partie! Und ich, der diesen Sport liebt, seit er denken kann, inter­es­siert sich nicht die Bohne für den Aus­gang des Spiels. Das ist doch Wahn­sinn! Kein Witz: Ich kann Ihnen nicht sagen, wie es aus­ge­gangen ist.

Ich google das kurz… 2:1 für Frank­reich.
Na dann: Gra­tu­la­tion. Ich glaube, nur die neuen Simp­sons-Folgen sind mir egaler als die Nations League. Aber ein Freund von mir, Fran­zose, der seiner Équipe von Japan bis Bra­si­lien in aller Herren Länder hin­terher reist, wusste nicht mal, dass seine Mann­schaft am Sonntag spielt. Das stimmt mich opti­mis­tisch.

Aber haben Sie die WM-Quali-Spiele der deut­schen Mann­schaft geguckt?
Als maso­chis­tisch ver­an­lagter Mensch habe ich mir das Rumä­nien-Spiel sogar in Ham­burg in der AOL-Arena – ja, das ist immer noch der offi­zi­elle Name – ange­sehen. Und ich muss sagen, es hat sogar Spaß gemacht. Die Natio­nal­mann­schaft bereitet mir gerade wieder Freude. Und die Zuschauer waren über­ra­schen­der­weise von der ersten Minute an da“, wie wir Fuß­ball­kom­men­ta­toren sagen. Es hatte nicht diese Geis­ter­spiel­at­mo­sphäre wie sonst. Sogar Leroy Sané, der leider so ziel­si­cher war wie die Teil­nehmer im Finale von Takeshi’s Castle, wurde immer wieder mit auf­mun­terndem Applaus gepusht. Die Rumänen haben super gekämpft und deren Fans gut Alarm gemacht. Das war ein unver­hofft cooler Abend in Ham­burg. Das Bit­tere ist…

Ja?
… dass bei diesen, dann doch mitt­ler­weile sehr unter­halt­samen WM-Quali-Spielen immer mit­schwingt, dass das gerade alles nur wegen der beknackten Kirmes-WM in Katar pas­siert.

Wie gehen Sie mit dieser Zwick­mühle um?
Ich bin mitt­ler­weile sehr pes­si­mis­tisch, dass da noch der große Pro­test ein­setzt. In den Kom­men­tar­spalten der Repu­blik liest man immer mehr Rela­ti­vie­rendes á la dann hätte man auch Deutsch­land und Süd­afrika boy­kot­tieren müssen“ oder Es reicht jetzt auch mal“ oder ähn­li­ches. Im nächsten Jahr gibt es wahr­schein­lich etwa drei Debatten dazu, zwei Doku­men­ta­tionen über Arbei­te­rinnen und Arbeiter vor Ort, die wir ganz bestürzt in den Sozialen Medien teilen werden. Wir werden ein paar Regen­bo­gen­fahnen auf Insta­gram sehen und am Ende gucken wir uns die Spiele nach dem vierten Glüh­wein dann doch wieder an. Natür­lich absolut iro­nisch, das ist klar. Und Nüsse essend und Bier trin­kend werden wir dann kopf­schüt­telnd vor dem Fern­seher sitzen und Sätze sagen, wie Dass da eine WM statt­findet, Absur­di­stan, wenn du mich fragst“. Und dann ist auch schon wieder Bun­des­liga-Rück­runde und weiter geht die wilde Fahrt.

Die Akte Katar

Wie der Wüs­ten­staat sich eine WM kaufte und Wan­der­ar­beiter dafür teuer bezahlten

Wie macht sich denn Hansi Flick bis­lang so als Natio­nal­trainer? Der große Umbruch ist ja noch aus­ge­blieben.
Aber dass da über­haupt ein neuer Coach sitzt, ist für mich schon ein Umbruch. Die Mann­schaft ist in Takt und hat Qua­lität. Klar, es brauchte nach der Euro­pa­meis­ter­schaft vor allem defen­sive Sta­bi­lität, aber ansonsten reicht es mir schon, dass er einen neuen Spirit ver­sprüht. Ich war nie ein Löw-Gegner, aber es war jetzt ein­fach an der Zeit, und nach dem Aus­scheiden in der Grup­pen­phase 2018 und dem quä­lenden Tur­nier 2021 konnte man ja nicht mehr von Aus­rut­schern spre­chen. Flick macht das Gleiche wie bei Bayern: kein Laut­spre­cher sein, sich öffent­lich nicht in die Karten gucken lassen und akri­bisch arbeiten. Und sein neuer Brazzo, Oliver Bier­hoff, macht es ihm ver­mut­lich auch um einiges leichter.

Aber hätten Sie nicht einen grö­ßeren per­so­nellen Umbruch erwartet?
Was soll er denn machen? Roy Präger nomi­nieren, oder wie? Das ist schon der beste Kader dieser Nation. Und er ver­sucht doch schon mit einigen jungen, neuen Spie­lern etwas aus­zu­pro­bieren. Klar, der Stoß­stürmer fehlt, aber den kann er sich ja nicht backen. Würde ich jetzt nach drei Hefe­weizen in der Lobby eines Flug­ha­fen­ho­tels in Mün­chen sitzen, würde ich selbst­ver­ständ­lich ver­langen, dass Hansi mal Simon Ter­rodde oder Fabian Klos nomi­nieren sollte. Aber das ist Blöd­sinn. Auch wenn beide tolle Stürmer sind. Wir müssen andere Lösungen finden. Und diese Kritik an Timo Werner, die bei­nahe Mob­bing gleich­kommt, geht mir auch gehörig auf den Senkel.

Wieso?
Nur weil ein 25-Jäh­riger mal zwei schwe­rere Jahre durch­macht, ist er doch noch lange keine Bock­wurst. Das geht mir heut­zu­tage viel zu schnell mit dem Urteil. Stürmer sind, genau wie Tor­hüter, sen­sible Geschöpfe, die eine solche Phase mal durch­ma­chen. Timo Werner hat für Leipzig 78 Tore in 127 Spielen geschossen. Für Chelsea hat er in 60 Spielen 14 Tore erzielt und 16 Assists abge­geben, das ist jetzt auch nicht – Ver­zei­hung – kom­plett scheiße. Dar­über hinaus wurde ihm vom VAR in Eng­land 16 Mal (!) ein Tor aberkannt. Sech­zehn Mal! Vor dem Video­be­weis, also vor guten drei Jahren, würden wir ihn jetzt also wahr­schein­lich als abso­luten Top­stürmer bezeichnen, von dem unser Glück in Katar abhängt. Stürmer wie er, die an der Linie lauern, spielen nun mal mit dem Risiko, erwischt zu werden. Wie viele Tore hätte Pippo Inz­aghi wohl in Zeiten des VAR pro Saison erzielt? Drei? Ich will ihn jetzt auch nicht zu pathe­tisch in Schutz nehmen, aber Werner hat mit seinem Stil auch ein biss­chen Pech, in der fal­schen Zeit Fuß­ball­profi geworden zu sein. Trotzdem muss er sich aktuell deut­lich ver­bes­sern, keine Frage. Vor allem im Posi­ti­ons­spiel und hin­sicht­lich seiner Läufe, wie es Flick nach dem Rumä­nien-Spiel ja auch zurecht monierte. Aber der kommt schon wieder, keine Sorge.