Mit­tags, wenn sich der Groß­teil der Geschäfts­stelle von Hertha BSC zu Tisch begibt, geht Fredi Bobic ins Wasser. Der Geschäfts­führer des Ber­liner Fuß­ball-Bun­des­li­gisten hat vor einiger Zeit das Schwimmen als idealen Aus­dau­er­sport für sich ent­deckt, und auf dem Olym­pia­ge­lände im Ber­liner Westend findet er dazu per­fekte Bedin­gungen vor. Eine Stunde zieht Bobic in der Regel seine Bahnen und legt dabei 3000 Meter zurück.

Ziem­lich genau ein Jahr ist Fredi Bobic jetzt für die Geschicke von Hertha BSC ver­ant­wort­lich – und er ist in dieser Zeit nicht nur regel­mäßig schwimmen, er wäre auch bei­nahe gehörig baden gegangen. Erst im letzten Moment, in der Rele­ga­tion gegen den Ham­burger SV, haben die Ber­liner den siebten Abstieg ihrer Ver­eins­ge­schichte dank einer kaum noch für mög­lich gehal­tenen Ener­gie­leis­tung doch noch abwenden können. Zumin­dest der letzte Akt war ein beein­dru­ckender. Eine schlechte Saison ging für Hertha BSC doch noch ver­söhn­lich zu Ende. Vieles löste sich im Jubel auf. Aber gut ist des­wegen noch lange nicht alles.

Die Par­al­lelen dieser Spiel­zeit zu Bobics erstem Enga­ge­ment bei Hertha BSC sind unüber­sehbar. Der Jubel war gewaltig, als er 2003 nach Berlin wech­selte. Bobic kam als erfolg­rei­cher Stürmer und mit großen Erwar­tungen befrachtet nach Berlin. Erfüllt haben sich diese Erwar­tungen damals nicht. Statt um den Titel mit­zu­spielen, kämpfte Hertha gegen den Abstieg. Bobic funk­tio­nierte als Nach­folger von Michael Preetz im Sturm nur bedingt, aber immerhin hatte er mit seinem Tor zum 1:0‑Sieg gegen seinen Ex-Klub Stutt­gart ent­schei­denden Anteil daran, dass die Saison nicht mit dem sport­li­chen Total­schaden endete.

Die Pro­bleme ver­schwinden nicht über Nacht

Wel­chen Anteil er diesmal an der Ret­tung hatte, dar­über werden später viel­leicht einmal die Ver­eins­his­to­riker streiten: Hatte er über­haupt einen, weil er am Ende mit Felix Magath noch einen glück­li­chen Griff tat? Oder war er nicht eher dafür ver­ant­wort­lich, dass es über­haupt so weit kommen konnte?

Bobic hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass die Hin­ter­las­sen­schaften seines Vor­gän­gers Michael Preetz ihm das Leben erheb­lich erschwert haben. Damit aber macht er sich die Sache ein wenig zu ein­fach. Und des­halb wäre es auch über­trieben, den Klas­sen­er­halt mehr als eine Nacht allzu eupho­risch zu feiern. Die Pro­bleme ver­schwinden nicht über Nacht. Und gut ist noch lange nicht alles.

Ja, die Alt­lasten, die Bobic bei seinem Amts­an­tritt vor­ge­funden hat, waren gewaltig. Ja, mit kos­me­ti­schen Kor­rek­turen wäre es ver­mut­lich nicht getan gewesen. Ja, an die Struk­turen her­an­zu­gehen war nicht nur richtig, son­dern not­wendig. Und trotzdem: Der Kader, der sich über weite Stre­cken nur als bedingt bun­des­li­ga­taug­lich erwiesen hat, ehe er sich bei letzter Gele­gen­heit noch einmal straffte, dieser Kader war sein Werk.

Kein ein­ziger Bobic-Transfer saß

Man muss es ein­fach mal so deut­lich fest­halten: Von all den Spie­lern, die Her­thas Sport­chef in den ver­gan­genen zwölf Monaten ver­pflichtet hat, hat sich keiner als ver­läss­liche Ver­stär­kung erwiesen. Das ist vor allem gemessen an dem Ruf, den sich Bobic in seiner Zeit bei Ein­tracht Frank­furt erworben hat, keine erfreu­liche Erkenntnis. Von seinen Ent­schei­dungen auf der Trai­ner­po­si­tion ganz zu schweigen. Natür­lich kann es nie­mand beweisen, aber es spricht einiges für die These, dass der Klas­sen­er­halt mit Pal Dardai, den Bobic im Herbst ohne erkenn­bare Not geschasst hat, leichter zu bekommen gewesen wäre.

Bobic ist selbst­ver­ständ­lich nicht der Allein­schul­dige für die bemit­lei­dens­werte Per­for­mance des Ver­eins. Sich trotz einer Finanz­spritze von 374 Mil­lionen Euro nicht nur nicht zu ver­bes­sern, son­dern sogar dra­ma­tisch zu ver­schlech­tern – das spricht für ein Ver­sagen auf allen Ebenen. Ein Ver­sagen, das trotz des Klas­sen­er­halts auf allen Ebenen Kon­se­quenzen haben und den Verein in den nächsten Tagen und Wochen womög­lich noch gehörig durch­schüt­teln wird.

Einen Trainer gibt es aktuell für die Mann­schaft nicht, der Kader für die neue Saison exis­tiert allen­falls in Bobics Fan­tasie, Prä­si­dent Werner Gegen­bauer steht zur Dis­po­si­tion, das Prä­si­dium womög­lich auch, und Ingo Schiller, der Finanz­ge­schäfts­führer, hört im Herbst defi­nitiv auf.

Ver­mut­lich ist es diese Gesamt­kon­stel­la­tion, die Bobic vor einer ernst­zu­neh­menden Dis­kus­sion um seinen Ver­bleib im Job bewahrt. Einer muss ja jetzt die Zukunft planen. Die echte Über­zeu­gung der Fans in seine Ent­schei­dungen aber muss sich Bobic erst noch ver­dienen. Auch nach dem Klas­sen­er­halt.

Der Text erscheint im Rahmen unserer Koope­ra­tion mit dem Ber­liner Tages­spiegel.