Don­ners­tag­mittag ver­lässt der Kol­lege einer großen deut­schen Bou­le­vard­zei­tung, wie es immer so schön heißt, ein Hotel in der Münchner Innen­stadt. Er zieht einen Trolley hinter sich her und muss sich sputen, der Zug fährt gleich. Sein Foto­graf macht im Bespre­chungs­raum von Reger“ noch ein paar Fotos, dann ist 11FREUNDE dran. Oder erst einmal noch nicht. Noch 20 Minuten“, sagt Thomas Hitzl­sperger. Er will sich mit dem Herrn von einer Kölner Agentur bespre­chen, die er damit beauf­tragt hat, die rie­sige Zahl von Pres­se­an­fragen zu bear­beiten, in den ersten 24 Stunden waren es unge­fähr 400.

Dann sind wir dran und staunen. Thomas Hitzl­sperger wirkt nicht wie der Mann, über den in Deutsch­land gerade am meisten gespro­chen wird. Würde nicht fast jeder andere von dieser Spring­flut von Auf­merk­sam­keit ein­fach nur hin­weg­ge­spült werden? Hek­tisch mit fla­ckerndem Blick her­um­laufen? Oder sich für einen Super­helden und Über­men­schen halten? An diesem Morgen ist Thomas Hitzl­sperger auf dem Titel fast aller deut­schen Tages­zei­tungen, alle Nach­rich­ten­sen­dungen haben am Abend zuvor über ihn berichtet. Aber jetzt sitzt er gelassen wie immer vor uns, freund­lich und über­haupt nicht gehetzt.

Der erste Tag im neuen Leben

Wie war der erste Tag im neuen Leben? Es ist kein neues Leben“, sagt er. Am Tag seines Coming-out war er zuhause vor dem Com­puter, den Kopf­hörer seines Handys im Ohr. Ich habe bewusst kein Fern­sehen geschaut und auch im Netz nichts gelesen. Ich war die meiste Zeit damit beschäf­tigt, mit Familie und Freunden zu schreiben. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit so viele E‑Mails und SMS bekommen.“ So war er dann doch über alles infor­miert, was an dem Tag pas­sierte. Ich wusste natür­lich nicht, wie die Reak­tionen aus­fallen würden. Diese Welle von Glück­wün­schen und Respekt­be­kun­dungen hätte ich aller­dings nicht erwartet.“ Sein Telefon klin­gelt, und er muss dran­gehen. Zuhause gibt es noch kurz was zu regeln, denn abends geht es weiter nach Eng­land. Hat ihn eine Reak­tion beson­ders umge­hauen oder beson­ders gefreut? Nein, ich habe mich wirk­lich über alle gefreut, wenn sie positiv waren. Da ist mir ein Spieler nicht mehr wert als ein Freund.“

Feed­back von Pre­mier­mi­nister

Im Bespre­chungs­raum zischt leise der Samowar fürs Tee­wasser vor sich hin, und das Telefon des Herrn von der Agentur klin­gelt. Er blickt von seinem Laptop hoch und schaut über den Rand seiner Horn­brille. Die neue Fami­li­en­mi­nis­terin Manuela Schwesig hat die volle Gleich­stel­lung der Homo-Ehe gefor­dert. Wow!“, sagt Hitzl­sperger, aber so richtig über­rascht klingt er nicht. Aber wie sollte ihn auch noch etwas ver­wun­dern, wenn sich am Mitt­woch schon zwei Stunden nach seinem Coming-out die Bun­des­re­gie­rung positiv dazu äußerte. Und sein Witz im Inter­view mit dem eng­li­schen Guar­dian“ hielt auch nicht lange. Wo ist David Cameron, er ist doch ein Villa-Fan?“, hatte Hitzl­sperger gesagt, der zwi­schen 2000 und 2005 bei Aston Villa gespielt hat. Kurz darauf kam der Tweet des eng­li­schen Pre­mier­mi­nis­ters: Als AVFC-Fan habe ich Thomas Hitzl­sperger immer für seine Leis­tungen auf dem Platz bewun­dert – aber heute bewun­dere ich ihn noch mehr. Ein mutiger & wich­tiger Schritt.“

Das und die prompte Reak­tion durch den deut­schen Regie­rungs­spre­cher Steffen Sei­bert haben ihn über­rascht. Aber ich hatte ja gesagt, dass ich eine öffent­liche Dis­kus­sion vor­an­treiben will, und scheinbar wollen sich einige Leute daran betei­ligen.“

Die ersten beiden Tage, seit er seine Homo­se­xua­lität bekannt machte, waren ein Leben im Aus­nah­me­zu­stand. Ich war kaum draußen. In der Nach­bar­schaft habe ich ein paar Leute getroffen, die mir gra­tu­liert, aber gesagt haben: Wahn­sinn, dass das immer noch so ein Thema ist.“ Ein paar Kids haben getu­schelt, als sie ihn auf der Straße gesehen haben. Im Café gegen­über von seiner Woh­nung in Mün­chen bilden sich aber keine Men­schen­trauben, als er an diesem früh­lings­haften Win­ter­nach­mittag am Tisch draußen noch ein Stück Kuchen isst. Die Bedie­nung ist viel­leicht etwas auf­ge­regt, ver­sucht sich aber nichts anmerken zu lassen.

Inzwi­schen sind schon wieder 20 SMS und 40 Mails gekommen. Jetzt kommt noch der Mann vom Fern­sehen vorbei. Kurze Bespre­chung für eine Inter­viewauf­zeich­nung am Samstag. Schon wieder klin­gelt eines der Tele­fone, obwohl man das gar nicht mehr erwähnen muss, denn eigent­lich klin­gelt es durch­ge­hend. Ein Inter­view muss noch auto­ri­siert werden, also wird der Reporter zum Chauf­feur zum Flug­hafen, was für beide Seiten prak­tisch ist. Auf dem Bei­fah­rer­sitz liegt eine Taschen­buch­aus­gabe von Thomas Mann, Tod in Venedig“.

Groß wie ein WM-Finale

Hitzl­sperger tele­fo­niert mit seiner Agentur, mit der Zei­tung, die ihn inter­viewt hat, mit Freunden, liest Mails. Eines ist klar: So ein Coming-out ist rich­tige Arbeit und Thomas Hitzl­sperger hat sie ange­nommen, wie er früher schon als Spieler seinen Job ange­gangen ist. Er war immer ein Profi, der optimal vor­be­reitet sein wollte. Er hat sich immer viele Gedanken über rich­tiges Trai­ning und die best­mög­liche Ein­stel­lung auf ein Spiel gemacht. Als ich Mitt­woch­abend schlafen gegangen bin, hatte ich das Gefühl, auf gute Weise richtig meinen Job erle­digt zu haben.“

Viel­leicht brauchte es als Eis­bre­cher für dieses Thema einen wie ihn. Nicht nur, weil er die Sache so gut vor­be­reitet ange­gangen ist. Einer, der schon mit 18 Jahren nach Eng­land ging und sich in der Pre­mier League durch­setzte, der den VfB Stutt­gart mit seinem Tor zur Deut­schen Meis­ter­schaft 2007 führte und Deutsch­land 2008 ins Finale der Euro­pa­meis­ter­schaft schoss. Einer, für den es keine neue Erfah­rung ist, ange­gafft und beju­belt zu werden. Einer, der es auch kennt, kri­ti­siert und aus­ge­pfiffen zu werden. Denn dieses Match ist groß wie ein WM-Finale.

Wagen abstellen im Park­haus und dann zum Flug nach London. Hitzl­sperger liebt Eng­land, wo er sieben Jahre gelebt hat. Dort warten Reporter und die Tor­jä­ger­le­gende Gary Lineker in einem Studio der BBC. Der Job ist noch nicht erle­digt, aber Montag geht es in den Urlaub.