Carsten Bangel, gerade in der tristen Gegen­wart des Ober­liga-Abstiegs­kampfs: Kann man das Momm­sen­sta­dion über­haupt lieben?

Carsten Bangel: Oh ja. Wir lieben es alle. Das Momm­sen­sta­dion ist keine Schön­heit, es ist aber ein Old-School-Para­dies. Es hat Soul. Wir haben rund 80 Pro­zent Steh­plätze und im Sta­dion totale Bewe­gungs­frei­heit. Es gibt keine Video­würfel, wo man mit Wer­bung bom­bar­diert wird und keine Kame­ra­über­wa­chung. So wie Fuß­ball eben vor 20, 30 Jahren war. Man hört auch von vielen Groundhop­pern, dass sie auf das Ambi­ente stehen.

Das ist dann wohl der Luxus der Ober­liga…

Carsten Bangel: Gewis­ser­maßen schon, ohne damit den Absturz der letzten Jahre roman­tisch ver­klären zu wollen. Natür­lich träumen wir davon, in abseh­barer Zeit auch wieder höher zu spielen. Das wird dann auch Ver­än­de­rungen mit sich bringen. Aber momentan genießen wir eben die Dinge, die im großen Fuß­ball etwas ver­loren gegangen sind.

Und was stört die Ober­liga-Idylle?

Carsten Bangel: Auf die Tar­tan­bahn könnten wir ver­zichten, aller­dings ist man auf der Gegen­ge­raden immer noch nah genug dran, um auch mal seine Mei­nung aufs Spiel­feld zu brüllen. Da unsere Anhän­ger­schaft tra­di­tio­nell eher aus den Innen­stadt­be­zirken kommt, ist der Standort etwas pro­ble­ma­tisch. Es ist nicht so leicht, die Leute aus ihren Kiezen in den ver­schla­fenen Eich­kamp zu locken. Das ist aller­dings eher ein Pro­blem der gefühlten Ent­fer­nung, denn vom Fried­richs­hain bei­spiels­weise ist man in einer halben Stunde im Sta­dion.

Wer geht über­haupt noch zu TeBe?

Carsten Bangel: TeBe hat eher eine sub­kul­tu­rell ori­en­tierte Fan­szene, war immer auch ein Gegen­mo­dell zu Hertha. In den 70er Jahren waren viele Punks im Sta­dion. In den 90ern waren wir dann ein Gegenpol zu anderen Klubs, weil in vielen Kurven in Berlin Anti­se­mi­tismus, Ras­sismus und Hom­phobie weit ver­breitet waren. Bei TeBe hatte das keinen Platz, das wussten die Leute zu schätzen.

Wo wir bei den 90er Jahren sind: Damals hat TeBe durch das Enga­ge­ment des Haupt­spon­sors Göt­tinger Gruppe seine letzte Hoch­zeit erlebte. Wie bewer­teten die Fans diesen erkauften Erfolg?

Carsten Bangel: Das war sehr ambi­va­lent. Unter den Fans gab es viel Wut über die Göt­tinger Gruppe. Wir wurden zum Bei­spiel zuge­müllt mit Rah­men­pro­gramm – allein diese furcht­bare Sam­ba­gruppe. Das hatte über­haupt kein Fee­ling, zer­störte jeden Sup­port und hatte eigent­lich kaum noch was mit TeBe zu tun. Alles in allem finde ich die jet­zige Zeit deut­lich geiler.

Wie kam das über­haupt an – sub­kul­tu­relle Fan­szene auf der einen und der Ruf, ein neu­rei­cher Mil­lio­närs­klub zu sein, auf der anderen?

Carsten Bangel: Wir wurden von allen gehasst, teil­weise war das ja auch nach­voll­ziehbar. Nach innen haben wir uns mit dem Verein gefetzt, nach außen sind wir selbst­iro­nisch mit der Situa­tion umge­gangen. Da stand dann unser Mini-Mob im Gäs­te­block und höhnte: Wenn wir wollen, kaufen wir euch auf“. Dass das ganze Kon­zept früher oder später gegen die Wand fahren würde, haben wir eh alle geahnt.

Die Selbst­ironie hat bestimmt nicht jeder ver­standen. Habt ihr es damit nicht schlimmer gemacht?

Carsten Bangel: Sicher hat das manche pro­vo­ziert, aber es war eigent­lich immer unser Style, nicht stumpf zurück­zu­pö­beln, son­dern eher subtil zu kon­tern. Über Gesänge, oder in meinem Fall dann eben über die Sta­di­on­musik. Als Union-Fans mal Lila­weiße west­ber­liner Scheiße“ ange­stimmt haben, habe ich mit Rocko Scha­monis Mauern“ gekon­tert. Wobei der Song gar nicht als Disse gemeint war, son­dern als humor­volle Bestands­auf­nahme des Ver­hält­nisses beider Klubs zuein­ander. Den­noch gab es von Union-Seite recht erzürnte Reak­tionen.



Sport­lich lief es in den 90ern mit der Göt­tinger Gruppe so gut wie lange nicht.

Carsten Bangel: Ja, es gab tolle Spiele, vor allem das legen­däre 4:2 gegen Hertha im Olym­pia­sta­dion. Die haben wir richtig abge­schossen, das war ein Rausch. Das High­light der jün­geren Ver­eins­ge­schichte.

Schon komisch, dass Sie Ihr bestes Spiel im Olym­pia­sta­dion erlebt haben.

Carsten Bangel: Ja. Aber auch im Momm­sen­sta­dion gab es tolle Siege.

Zum Bei­spiel?

Carsten Bangel: Im Jahr nach der Göt­tinger Gruppe waren wir Abstiegs­kan­didat in der Ober­liga, spielten dann aber um den Auf­stieg mit. Das dama­lige 1:0 gegen die haus­hoch favo­ri­sierten Hertha-Ama­teure war Gän­se­haut pur. Und dann natür­lich das legen­däre Schein­spiel.

Schein­spiel?

Carsten Bangel: Das war im Februar 2006. Auf­grund der schlechten Drai­nage des Momm­sen­sta­dions fiel nach der Win­ter­pause ein Spiel nach dem anderen aus, so dass wir bereits extrem auf Entzug waren. Als dann auch die Partie gegen Babels­berg abge­sagt wurde, haben wir gesagt: Jetzt reicht’s, wir gehen trotzdem hin. Also haben wir uns mit den Babels­ber­gern im Mommse ver­ab­redet, dazu einen Schieds­richter orga­ni­siert. Da standen dann 50 Leute im Away­block und 50 bei uns und haben sich ein erbit­tertes Sup­port­duell gelie­fert.

Und wer war besser?

Carsten Bangel: Dar­über wurde hin­terher noch lange gestritten. Das Spiel stand zudem kurz vor dem Abbruch, als die Babels­berger ben­ga­li­sche Feuer zün­deten und plötz­lich die Polizei auf­tauchte. Die wollte uns dann ernst­haft weis­ma­chen, es würde gar kein Spiel statt­finden. Nach län­gerer Dis­kus­sion haben sie es aber humor­voll genommen und sind wei­ter­ge­fahren, so dass das Spiel ord­nungs­gemäß zu Ende gebracht werden konnte.

Wer hat das Spiel denn gewonnen?

Carsten Bangel: Es endete mit einem his­to­ri­schen 2:0 für TeBe, aus dessen Anlass auch T‑Shirts gefer­tigt wurden. Die Babels­berger behaupten bis heute, das erste Tor sei Abseits gewesen. Den Schieds­richter, den wir gestellt hatten, haben sie Holger Hoyzer getauft. Kurio­ser­weise hat das Spiel hin­terher enorme Wellen geschlagen, sogar in Argen­ti­nien gab es eine Video­text­mel­dung dazu. Natür­lich schon etwas bezeich­nend für unsere Situa­tion, dass TeBe seine größte Medi­en­re­so­nanz der ver­gan­genen Jahre aus­ge­rechnet durch ein nicht statt­ge­fun­denes Spiel erzielte.

TeBe steht jetzt vor dem Sturz in die sechste Liga. Wie schlimm wäre das für den Verein?

Carsten Bangel: Der Klas­sen­er­halt wäre ein enormer Erfolg für den Klub und die Anhänger, die im ver­gan­genen Sommer so viel zur Ret­tung des Ver­eins geleistet haben. Nie­mand von uns fährt gerne mit der U‑Bahn zu den Aus­wärts­spielen. Sollte es sich aber nicht ver­meiden lassen, dann werden die meisten Fans den Weg wohl mit­gehen. Wer nach all den Kata­stro­phen der ver­gan­genen Jahre immer noch dabei ist, wird wohl auch eine Liga tiefer nicht von TeBe los­kommen.