René Adler, hätten Sie gedacht, dass Sie nicht einmal zwölf Monaten nach ihrem Wechsel zum Ham­burger SV wieder fest zum Kader der deut­schen Natio­nal­mann­schaft gehören würden?
Nein, ganz ehr­lich, daran habe ich nicht gedacht. Natür­lich hatte ich die Natio­nal­mann­schaft als lang­fris­tiges Ziel im Hin­ter­kopf, doch dass es von Anfang an bei mir so gut laufen und mit dem Come­back in der Natio­nal­mann­schaft so schnell gehen würde, das habe ich nicht gedacht. Das ist ein biss­chen wie im Mär­chen.
 
Wun­dern Sie sich manchmal selbst dar­über, wie schnell es im Laufe ihrer Kar­riere sowohl auf­wärts als auch abwärts gehen kann?
Das war schon extrem bisher, stimmt. Ich kam bei Bayer recht unver­mit­telt ins Tor, und dann ging es rasend schnell weiter bis in die Natio­nal­mann­schaft. Als ich mich dann ver­letzt habe und sowohl in der Natio­nal­mann­schaft als auch in Lever­kusen plötz­lich kom­plett draußen war, da war es war brutal zu spüren, dass man aus­tauschbar ist. Man weiß ja um diese Tat­sache, aber es ist doch ein ekliges Gefühl, wenn man es tat­säch­lich erlebt. Mein Leben hatte ich zu dieser Zeit ja aus­schließ­lich auf der Säule Fuß­ball errichtet. Aber diese Erfah­rungen helfen mir heute, mein Leben auf meh­rere Säulen zu stellen, was mich aus­ge­gli­chener sein lässt. Und sie helfen mir, die jet­zige tolle Phase rea­lis­tisch ein­schätzen und gleich­zeitig auch genießen zu können.

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Hatten Sie zwi­schen­zeit­lich selbst Zweifel an Ihrer Rück­kehr auf die große Fuß­ball­bühne?
In der langen Zeit der Ver­let­zungen war mein Selbst­wert­ge­fühl kom­plett weg. Und ich fühlte mich schlecht, ich bekam sogar Berüh­rungs­ängste mit dem Sta­dion. Der Ort, an dem ich mich sonst am besten fühlte, sorgte dafür, dass mir total unwohl wurde. Ich war froh, wenn ich wieder zu Hause war. Heute weiß ich, dass ich mir damals viel zu viel Druck gemacht habe, der Körper sucht sich dann ein Ventil, und bei mir waren das die vielen Ver­let­zungen. Ich musste damals wirk­lich auf­passen, dass ich nicht in eine Depres­sion ver­falle
 
Gab es in dieser Saison einen Moment, an dem sie wussten: Jetzt bin ich wieder der Alte?
Nein, nicht diesen einen bestimmten Moment, denn dafür ging tat­säch­lich alles zu schnell. Schon im Trai­nings­lager wurde mir bewusst, dass die Ver­bin­dung mit dem HSV eine ganz beson­dere werden könnte. Als ich nach ein paar Tagen in voller Trai­nings­montur an einem Spiegel vorbei ging, habe ich das, was ich sah, als total selbst­ver­ständ­lich hin­ge­nommen. Das wurde mir erst im Nach­hinein bewusst. Kein Wun­dern dar­über, dass die Kla­motten plötz­lich blau statt rot waren, anderes Logo und so weiter. Ich sah in den Spiegel und dachte: sieht gut aus, und fühlt sich irgendwie auch total richtig an. Von da an lief es rund und eh ich mich versah, war ich wieder der Alte.

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Gibt es ein Spiel in dieser Saison, an das Sie sich beson­ders gerne erin­nern?
Zwei. Die beiden Spiele gegen den BVB. Es kommt nicht so häufig vor, dass man zweimal in einer Saison den deut­schen Meister und Pokal­sieger schlägt. Im Hin­spiel hatten wir noch eine gehö­rige Por­tion Glück, aber in der Rück­runde haben wir total ver­dient dort gewonnen. Und ich konnte noch nicht einmal so richtig was dafür, die Jungs vor mir haben ein­fach alles weg­ge­räumt und tolle Tore geschossen. Dieses Spiel habe ich genossen.
 
Sehen Sie sich wieder bei Ihrer alten Leis­tungs­stärke im Ver­gleich zu Ihren Glanz­zeiten in Lever­kusen?
Ich denke, das darf ich so sagen, ohne über­heb­lich oder mich selbst über­schät­zend zu wirken. Es ging wie gesagt erstaun­lich schnell, schneller als ich es selbst für mög­lich gehalten hätte, aber ich freue mich, dass ich wieder ein gutes Niveau errei­chen konnte.