Es irrt der Mensch, solang er strebt“, sagten ent­weder Johann Wolf­gang von Goethe oder Otto Reh­hagel oder beide auf einer lang zurück­lie­genden Pres­se­kon­fe­renz. Man weiß es nicht mehr so genau. Jeden­falls stimmt die These. Die Belege dafür sind zahl­reich.

So sprach 1899 der dama­lige Chef des US-ame­ri­ka­ni­schen Patent­amtes, Charles Duell, mit dem Brustton der Über­zeu­gung: Alles, was erfunden werden kann, wurde bereits erfunden!“ Er vertat sich dabei ebenso wie Darryl F. Zanuck, Chef der 20th Cen­tury-Fox“, der 1935 doch tat­säch­lich meinte: Der Fern­seher wird sich auf dem Markt nicht durch­setzen. Die Men­schen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperr­holz­kiste zu starren.“ Und auch Ken Olson, Gründer von Digital Equip­ment Corp., irrte, als er 1977 kon­sta­tierte: Es gibt keinen Grund, warum irgend­je­mand einen Com­puter in seinem Haus wollen würde.“

Nun ist in der Zwi­schen­zeit – sogar noch im selben Jahr, in dem Charles Duell dies noch aus­schloss! – die TSG Hof­fen­heim erfunden worden, und sowohl Fern­seher als auch Com­puter haben sich in den Haus­halten eta­bliert. Eine Kon­stel­la­tion, die es den Fuß­ball­fans von heute ermög­licht, sich per Heim­re­cherche eine vor vier­ein­halb Jahren getä­tigte Äuße­rung des TSG-Bosses Dietmar Hopp zu ver­ge­gen­wär­tigen: Sehr viele Tra­di­ti­ons­ver­eine sind längst ver­schwunden, oder wollen wir jetzt For­tuna Düs­sel­dorf zurück in die Bun­des­liga holen?“, sagte er im Mai 2008 in einem Inter­view mit der FAZ“.

Hopp strebt viel, mit seinem Kraich­gauer Zukunfts­fuß­ball­labor stand er schon mehr­fach davor, auf direktem Wege zum Mars zu fliegen. Nun aller­dings ist der Beweis erbracht, dass er zumin­dest einmal irrte. Denn bekannt­lich ist die For­tuna seit dieser Saison, zum ersten Mal seit 1997, wieder Mit­glied im erlauchten Kreis der Bun­des­liga. 

Vor dem ersten Auf­ein­an­der­treffen der beiden Mann­schaften in eben dieser Bun­des­liga hat sich Dietmar Hopp in einem per­sön­li­chen Brief an den Düs­sel­dorfer Vor­stands­vor­sit­zenden Peter Fry­muth für seinen Anwurf ent­schul­digt. Ich wollte mit meinem Bei­spiel natür­lich auch deut­lich machen, dass eben nicht die Tra­di­tion, son­dern nur die sport­liche Qua­li­fi­ka­tion der ange­mes­sene Maß­stab für die Zuge­hö­rig­keit zur 1. Liga sein könnte“, schreibt Hopp. Davon war die For­tuna 2008 ein großes Stück weit ent­fernt, aber zu meiner Freude hat sie es inzwi­schen ja geschafft.“

Ver­blüf­fend ist: Selbst in seiner Ent­schul­di­gung kann Hopp nicht den Kom­plex unter­drü­cken, dass sein Verein keine nen­nens­werte Tra­di­tion besitzt. Er dis­qua­li­fi­ziert dieses Wort, indem er es klingen lässt, als würden den Spie­lern in leis­tungs­hem­mender Absicht geerbte Schrank­wände auf den Rücken geschnallt. 

Halten wir dagegen und sagen: Tra­di­tion kann, For­tuna Düs­sel­dorf zeigt es, auch beflü­geln. Wenn ein Verein weiß, wohin er gehört, wird er über kurz oder lang dahin zurück­kehren. Denn Tra­di­tion bedeutet Wissen, Iden­ti­fi­ka­tion und Begeis­te­rung, die nicht an einer Serie von drei Nie­der­lagen zer­schellt. 

Mag sein, dass uns diese roman­ti­sche Ein­schät­zung auf die Füße fällt, wenn im Jahre 2027 die TSG 1899 Hof­fen­heim ihren Titel im Finale der World Series gegen Red Bull Kabul ver­tei­digt und der FC Bayern seinen Abstieg in die Kreis­liga beweint, weil ihm die sport­liche Qua­li­fi­ka­tion“ abhanden gekommen ist.

Aber es irrt der der Mensch nun mal, solang er strebt. Und dann ist es uns auch egal.